WÜRZBURG

Ein Blinder, der Bilder und Wege sieht

Volker Tesar: Als Erwachsener hat der Theologe sein Augenlicht verloren. Von seinem Schicksal lässt er sich nicht aufhalten.
Unterwegs: Das Hören und das Spüren des Blindenstockes helfen Volker Tesar, die üblichen Situationen in den Straßen und im Verkehr zu meistern.
Unterwegs: Das Hören und das Spüren des Blindenstockes helfen Volker Tesar, die üblichen Situationen in den Straßen und im Verkehr zu meistern. Foto: THERESA MÜLLER

Ich kann auch selbst ein Foto machen“, bietet Volker Tesar an, als die Sprache auf ein Treffen kommt, bei dem ihn eine Fotografin ablichten soll. Ein Selfie? Von einem Mann ohne Augenlicht? Tesar, ehrenamtlich beim Bayerischen Blinden- und Sehbehindertenbund (BBSB) Bezirksgruppenleiter, hat Theologie studiert, ist Diplom-Sozialpädagoge und verdient seine Brötchen als Dozent für EDV-Training deutschlandweit bei blinden und sehbehinderten Menschen. Er ist blind, und er schreibt Bücher. Seine Lyrik hat er als „Sternenfunken“ im vergangenen Jahr veröffentlicht, ein Jahr zuvor bereits brachte er die „Lebensfunken“ heraus.

Manchmal hält er Vorträge in der Fachhochschule über das Blindsein und die Möglichkeiten Blinder, an der Gesellschaft teilzuhaben, und setzt sich auf diesem Weg mit seinem Schicksal auseinander – wie vor wenigen Tagen. Und dann lässt er sich doch darauf ein, sich von einer Zeitungsfotografin ablichten zu lassen: Der 56-Jährige läuft zum Beispiel – weil die Fotografin ihn darum bittet – problemlos durch eine kleine Ansammlung von Studentinnen, die am Boden sitzen.

Eigentlich ist es nicht sein Ding, zu beweisen, was er trotz seines Schicksals alles kann. „Naja“, sagt er über seine Fotokünste: Wenn er seine Spiegelreflexkamera nehme, dann werde von 30 Fotos eins gut – was ihm freilich andere bestätigen müssen. Die meisten seiner Werke sind schräg aufgenommen oder verfehlen ihr Ziel. Aber Fotografie war schon früher eines seiner Hobbies, als er noch sehen konnte. Sie loslassen will er nicht.

Tesar setzt sich auch mit Kunst auseinander – mit der literarischen, mit der akustischen – und mit der optischen. Da hat er seine Gefährtin, Künstlerin Maja S. Issing, an seiner Seite. Im Gespräch mit ihr verbindet er das, was sie ihm schildert, mit seinen Eindrücken und Empfindungen. Manchmal kommt ihm das Haptische zu Hilfe, bei Skulpturen oder bei Bildern, die als Collagen zugleich Reliefs sind. Oder er ergänzt Ausstellungen mit Texten. Auch so gelingt es, die Welt zu (be)-greifen, ihr Kunstvolles, Be-Eindruckendes, Wertvolles abzugewinnen.

Tesar erblindete 1987 im Alter von 28 Jahren. Das so genannte Goldmann-Favre-Syndrom, das bei manchen Menschen sogar abheilt, äußerte sich bei ihm durch Gesichtsfeldeinschränkungen, Netzhautzerstörung, Grünen und Grauen Star und Entzündung der Netzhaut. Tesar musste sich schließlich mit seinem Handicap arrangieren. Er hatte sich einerseits viel zu hohe Licht-Dosen verabreicht, zum Beispiel mit dem Fahrrad auf dem Weg nach Israel 1981, und sah dann nur noch Schlieren, und andererseits die Behandlung durch Augenärzte hintenangestellt, als er seinen krebskranken Vater zu Hause pflegte. Drei Tage nach dem Tod des Vaters erhielt er, weil er zunehmende Schwierigkeiten hatte, eine Kortison-Infusion. „Es ist ein bisschen besser geworden“, berichtet er rückblickend, „die Schleier waren weg“.

„Der Himmel wurde immer dunkler, aber es war taghell.“
Volker Tesar, Dozent und Gruppenleiter

Tesar spielte damals in einer Band Bass-Gitarre. Die Notenblätter benötigte er vergrößert auf A-3-Format. „1985 ging Notenlesen gar nicht mehr. Er habe Noten und Texte „halt lernen“ müssen, sagt Tesar heute.

Das einschneidendste Erlebnis: „Im Sommer '87 war ich mit einer Familie in den Graubündener Alpen.“ Sein Patenkind hatte er auf dem Rücken „in der Kraxe“. Auf einer Höhe von 2800 Metern „wurde der Himmel immer dunkler – aber es war taghell.“

Vier Stunden benötigte die Truppe dann, um die 800 Höhenmeter zurück zu bewältigen, denn aufgrund ihrer körperlichen Verfassung konnten die Weggefährten das Kind nicht tragen und mussten nun den erblindeten Volker Tesar samt Kind einen leichteren Weg hinunterdirigieren. „Körperlich tat es gut, dies geleistet zu haben“, erinnert sich Tesar. Aber dann sei in der Klinik „nichts mehr zu machen“ gewesen.

Erblindet, musste er Blindenschrift lernen und das Zehn-Finger-System auf der Tastatur, er erhielt Mobilitätstraining von September 1987 bis August 1988. „Für die Beziehung ist das sehr belastend“, resümiert er, „wir hatten uns sehend kennengelernt.“ Letztlich scheiterte seine damalige Ehe.

Er, der leidenschaftliche Bücherwurm, der sich sehr gern mit Philosophen und Religionstheoretikern wie Soren Kierkegaard, Jean-Paul Sartre, Albert Camus, Paul Tillich und Ernst Bloch auseinandersetzte, griff nun zunächst auf Bücher für Blinde zurück. Die seien aber „hässlich mit stabilen Blättern und haben die Pünktchen (Brailleschrift).“ Er habe sich die Bücher zunächst ausgeliehen, fand das aber schrecklich: „Du weißt, da hat schon einmal einer drübergelangt und vorher den Kaffee drübergeschüttet oder in der Nase...“ Also habe er sie jeweils von Sehenden anschauen lassen, bald aber eigene Bücher, teils auch Hörbücher, angeschafft. „Wer bin ich? Wo will ich hin?“ In der Tradition der Philosophen denkt er viel über Existenzielles nach und kritisiert an jungen Leuten heutzutage „zu viel Gleichheit“, statt dass sie Kreatives, Eigenes schaffen würden.

Tesar diskutiert gerne und kann sich viel merken: „Auswendig konnte ich schon als Achtjähriger viel. Ich war einfach zu faul, alles nochmal zu lesen.“ Das Schwierigste für den Erblindeten war, „die Welt nur noch anders wahrnehmen“ zu müssen. „Klar habe ich früher vor einem Wasserfall auch mal die Augen geschlossen, aber jetzt kann ich mir alles nur noch vorstellen – zum Beispiel auch die Pfirsichblüte“. Spontantreffen „ohne Planung irgendwohin“, das vermisst er.

Dann spricht Tesar von Aura – die zu spüren, gestehe er sich zu, und von Resonanz auf Bilder, Stimmungen und Klänge. Vor Issings Bildern stehend, „habe ich mir eingebildet, ich sehe etwas“. Sie erkläre ihm, um was es geht, dann entstehe ein Bild in ihm. Seine Lyrik hat er als „Sternenfunken“ 2014 veröffentlicht, ein Jahr zuvor, brachte er die „Lebensfunken“ heraus.

Eine Labrador-Retriever-Hündin, die er von 2004 bis 2006 als Führhund hatte, war wohl noch zu jung und zu neugierig, als dass sie ihr Herrchen zuverlässig geführt hätte. Sie konnte von einem Sehbehinderten, nicht Blinden, übernommen werden.

Mit seinem Blindenstock kommt Tesar gut zurecht, ansonsten hat er Hilfsmittel wie Tast-Uhr, Braillegerät am PC oder Sprachausgabe am Computer, i-phone und, weil er jeden zweiten Tag Brot bäckt, eine sprechende Küchenwaage. Seine Fortbewegungsmittel sind seine Füße, Straßenbahnen und immer dann vier Räder, wenn er im Auto mitgenommen wird.

Empfindet Tesar die Welt heute anders als früher? Äußerlichkeiten interessierten ihn nicht mehr, stellt er fest – wobei das auch am Alter liegen könnte, schmunzelt er ein wenig. Und offenbar macht er das Beste aus seiner Situation: „Ich denke liebevoller.“

Aus „Sternfunken“

Im Licht

Bei Licht gesehen

gibt es weder Schatten noch Misstöne

weder Neid noch Angst

weder Ausflüchte noch wegschauen

denn

im Licht

bist du geboren

ganz Vertrauen und Liebe

ganz Hoffnung und Glaube

ganz Behütung und Zärtlichkeit

und

aus Licht

ist Frieden und Sorgfalt

ist Achtsamsein und zärtliches Lieben

ist Güte und Gnade und

wir

sind

mitten drin

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