WÜRZBURG

Ein Buch geht um: Nachdenkliches Main-Post-Stadtgespräch zum Abschluss der Leonhard-Frank-Leseaktion

Berührt worden: Auch Schriftstellerin Ulrike Schäfer hat das Werk von Leonhard Frank durch die Woche für sich entdeckt.TH. MÜLLER
Berührt worden: Auch Schriftstellerin Ulrike Schäfer hat das Werk von Leonhard Frank durch die Woche für sich entdeckt.TH. MÜLLER Foto: Foto:

Zehn Tage lang hat die Stadt bei der Aktion „Würzburg liest ein Buch“ an den hier geborenen und aufgewachsenen Schriftsteller Leonhard Frank erinnert. Im Mittelpunkt stand sein Roman „Die Jünger Jesu“, den er 1946/47 im Exil in den USA geschrieben hat. Um herauszufinden, welche (Nach)Wirkungen dieses Buch heute noch auf Würzburg hat, lud die Main-Post im Rahmen der Leseaktion fünf Experten zum „Stadtgespräch“ ins Rudolf-Alexander-Schröder Haus ein.

Einig war sich das „literarische Quintett“ darin, dass die in dem Roman angesprochenen Themen auch heute noch aktuell sind, auch wenn die Fünf jeweils einen völlig anderen Zugang zum Autor und seinem Werk haben. Für den Berliner Michael Henke, den Vorsitzenden der Leonhard Frank-Gesellschaft, war es „blanker Zufall“, denn ein Buch mit dem Titel „Jünger Jesu“ hätte „ich als rote Socke“ nicht freiwillig angefasst. Erst 2007 hat er es erstmals gelesen, als er an einem Ausstellungsprojekt, in dem es um die Flucht von Intellektuellen ging, beteiligt war. Da ist auf Leonhard Frank gestoßen und hat „dann einfach weitergemacht“. Die frühere Würzburger Oberbürgermeisterin Pia Beckmann hat um 1988 während des Germanistikstudiums zu Frank gefunden und war sogleich fasziniert. Dass sie sich als CSU-Politikerin von einem sozialistischen Autor angezogen fühlte, sei für sie kein Widerspruch, sagte sie: „Frank hat den Frieden gelebt, sich dezidiert gegen die Nazis ausgesprochen und ist gegen Antisemitismus und Ausgrenzung gewesen. Warum soll man das nicht lieben?“

Der Würzburger Lehrer, Autor und Stadtheimatpfleger Hans Steidle ist ein Frank-Experte und hat Bücher über den Schriftsteller geschrieben. In der Schule, in den 60er-Jahren, habe er nie etwas über Frank gehört. Erst 1991, als er als Referent bei einer Lehrerfortbildung einspringen musste, hat erstmals Frank gelesen und ist dann immer tiefer in die Materie eingedrungen. Main-Post-Redakteurin Charlotte Breyer gestand, dass sie die „Jünger Jesu“ erst jetzt gelesen habe und zwar sehr schnell, weil es Themen aufgreift, „die uns heute noch aufregen“. Die Würzburger Autorin und Software-Entwicklerin Ulrike Schäfer kam über die Aktion erstmals mit Frank in Berührung. Sie habe sich immer darüber gewundert, wie viel Aufhebens in Schweinfurt um Friedrich Rückert gemacht wird und wie wenig man sich in Würzburg um Frank kümmerte: „Da dachte ich mir, da kann nicht viel dahinter stecken“.

Doch jetzt, 2014, sind Frank und sein Roman plötzlich in Würzburg präsent. Das war nicht immer so. Dies sei aber kein reines Würzburger Phänomen gewesen, meinte Hans Steidle. Frank habe mit den „Jüngern Jesu“ auch keinen Roman über Würzburg , sondern über Deutschland geschrieben. Das Buch sei fiktiv, spiele aber in Würzburg, weil Frank sich diese Stadt am besten vorstellen konnte, weil er sie aus tiefer Erfahrung kannte. Übel genommen habe man ihm historische Unrichtigkeiten, „man wollte aber auch die Botschaft nicht verstehen“. Charlotte Breyer fügte hinzu, dass Franks Roman damals in Würzburg keine Riesenaufregung verursacht habe, es seien vielmehr Intellektuelle und politisch Interessierte gewesen, die sich aufgeregt hätten.

Warum es so lange gedauert, bis Würzburg sich Frank zugewandt hat, ist für Ulrike Schäfer ein grundsätzliches Problem: Würzburg tue sich nach ihrer Ansicht generell schwer mit der Sparte Literatur, meint sie. Das ändere sich aber gerade und für Frank sei die Zeit vielleicht jetzt einfach reif gewesen.

Einig war sich das Quintett in der Einschätzung, dass Franks Themen aber auch heute noch von großer Aktualität seien. Ulrike Schäfer nannte die Liebesbeziehung zwischen dem deutschen Mädchen Ruth und einem amerikanischen Soldaten: „Das ist doch so wie wenn heute ein Mädchen einen Muslim nach Hause mitbringt“. Auch dass die Jüdin Johanna in ein SS-Bordell verschleppt wird, sei ein aktuelles Thema. Denn die Geschichte dieser Bordelle werde gerade erst erforscht. Für Michael Henke ist Gerechtigkeit ein zentrales Thema in dem Buch. „Ist es nicht gerecht, dass die zusammenkommen, die sich lieben?“, fragte er.

Das könne in einer bestimmten Situation richtig sein, in einer anderen Situation falsch. Aus Hans Steidles Sicht spricht das Buch junge Menschen mit Klarheit und Direktheit an. Es stelle Liebe und Gefühl als „Gegenentwurf zu Coolness“ dar. Auch die Frage, wie ein Mensch aus der Selbstentfremdung wieder zu einer Identität finden könne, sei eine nicht an die Zeit gebundene. Und Pia Beckmann fand, dass das Buch „eine Hommage an die Jugend und die Frauen“ sei.

Der Abend war von Ulrike Schäfer mit einem eigens für das Stadtgespräch geschriebenen Text eröffnet worden. In „Leo coming home“ zieht sie ein an Leonhard Frank adressiertes persönliches Resümee der am Sonntag zu Ende gegangenen Woche:

„Das hättest du dir auch nicht träumen lassen, was? Deine Träume, Leonhard ... Nein, der Sozialismus ist im Jahr 2000 nicht gekommen. Aber immerhin, stell dir vor, 2014 im April: Ein Buch geht um in der Stadt.“

Den vollständigen Text gibt es im Internet nachzulesen unter www.ulrike-schaefer.de/textproben/leo-coming-home

Ein ausführlicher Rückblick auf die Aktionswoche "Würzburg liest ein Buch" gibt es in unserem Live-Blog unter www.mainpost.de/wueliest

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