WÜRZBURG

Ein Einziger war bereit zu helfen

Am Dienstag sprachen viele von einem Wunder. Zwei Frauen, Mutter und Tochter, wurden um die Mittagszeit bei einem Unfall unweit der Alten Mainbrücke mit ihrem Auto in den Main katapultiert. Durch die Seitenfenster konnten sie sich binnen weniger Minuten retten und im eiskalten Wasser ans Ufer schwimmen. Das Fahrzeug wurde von der Flut in kürzester Zeit in die Tiefe gerissen. Die Mutter berichtete nun im Gespräch mit dem VOLKSBLATT, was sich von diesen Schreck-Sekunden wohl für immer in ihr Gedächtnis eingegraben hat.
Mainkai       -  Riesiges Rettungs-Szenario am Dienstag für alle Fälle. Es ging noch einmal gut aus.
Riesiges Rettungs-Szenario am Dienstag für alle Fälle. Es ging noch einmal gut aus. Foto: FOTO Theresa ruppert

Es waren wirklich nur Sekunden, in denen sich für die 52-jährige Würzburgerin und ihre 18-jährige Tochter das wohl größte Glück ihres Lebens ereignet hat. Ihren Namen möchte die Frau aber nicht öffentlich nennen, um bis Weihnachten wieder zur Ruhe zu kommen. Es war ein Erlebnis, das man erst verarbeiten muss. Daran ändert die Tatsache nichts, dass beide am Donnerstag schon wieder an ihrem Arbeitsplatz waren.

Auf dem Weg zur Arbeit waren beide auch am letzten Dienstag um 13.45 Uhr. Die Tochter am Steuer, die Mutter auf dem Beifahrersitz. Nach der Alten Mainbrücke Richtung Sanderau war stockender Verkehr am Mainkai. Links auf der Abbiegespur zum Wöhrl-Parkhaus ebenfalls stehende Fahrzeuge. Da geschah es. „Ich glaub der sieht uns nicht, Mama“, hatte die Tochter noch gerufen. Schon hatte es gekracht. Ein 79-Jähriger, der aus dem Parkhaus ausfuhr und nach links abbiegen wollte, hatte den Kleinwagen der beiden Frauen übersehen und seitlich gerammt. Die Fahrbahn ist an dieser Stelle nur durch einen 40 Zentimeter hohen Steinsockel vom Main getrennt. Als die beiden ihre Lage richtig begriffen, trieben sie schon im Fluss. Das Auto schwamm zunächst schräg. „Ich sah als erstes das Wasser am Fenster“, so die Mutter. Komischerweise waren wir beide ganz ruhig und ohne Angst, beschrieb sie die erste Sekunde. Die Tochter fragte: „Was machen wir jetzt?“

„Abschnallen, Fenster runter, raus und schwimmen“, habe sie gesagt, erinnert sich die Mutter. Das Auto war zu dem Zeitpunkt von der Seitenlage wieder in eine gerade Lage gekippt und kurz noch auf dem Wasser geschwommen. Die Zeit haben die beiden Frauen genutzt. Die Tochter war an der Uferseite schneller an Land. Die Mutter musste auf der anderen Seite gegen die starke Strömung kämpfen und wurde abgetrieben. „Ich habe sofort zu Kraulen angefangen und plötzlich unglaubliche Kräfte entwickelt“, sagt die 52-Jährige, die sich jetzt nicht mehr als Sportlerin bezeichnet. „Früher einmal“, sagt sie. Die Tochter hingegen betreibt Leistungssport.

Tochter zeitweise unter Schock

Unter den Bildern, die der Mutter im Nachhinein ins Gedächtnis kommen, ist eines ganz besonders haften geblieben. Sie kann sich an viele Menschen erinnern, die herumstanden, geguckt und sogar fotografiert haben, während sie um ihr Leben kämpften. Einer hat sein Foto an eine große Boulevard-Zeitung verkauft, das in der Ausgabe vom Donnerstag abgedruckt war. Aber nur ein einziger Mann – nach VOLKSBLATT-Informationen der evangelische Pfarrer Christian Schmidt aus Albertshofen (Landkreis Kitzingen) – hat beherzt zugegriffen, hat sich bereit gemacht notfalls ins Wasser zu springen, sein eigenes Leben zu riskieren und hat am Ufer dann die Hand gereicht und beide an Land gezogen. Und eine ältere Dame ist dann noch mit einer Decke gekommen. Zufällig ist auch ein Polizeiauto vorbeigekommen und hat angehalten. Die Streifenbesatzung hat sich gekümmert, bis der Rettungsdienst mit Notarzt vor Ort war. Zumindest die Tochter ist zeitweise unter Schock gestanden.

Vieles geht da einem im Nachhinein durch den Kopf, sagt die Mutter, die das Glück doch nicht ganz fassen kann. Wie hätte da Weihnachten für die Familie aussehen können, fragt sie. Dabei fällt ihr ein weiterer Glücks-Umstand ein. Es war vermutet worden, dass beide mit einem größeren Volvo unterwegs waren. Das Auto war dann schnell in den schmutzigen Fluten versunken und ist noch nicht geborgen. Tatsächlich saßen die beiden in einem Kleinwagen älteren Baujahrs. Auch das hält sie für ein besonderes Glück, denn die Seitenscheiben konnten von Hand gekurbelt werden. So möchte sie sich nicht ausdenken, was bei einem Wagen mit elektronischen Fensterheber passiert wäre, wenn im Wasser ein Kurzschluss die gesamte Elektronik außer Betrieb gesetzt hätte. Womit die Scheiben einschlagen? Für was hätte die Zeit noch gereicht? Fragen über Fragen.

Wie ein Film laufen die Bilder im Kopf noch ab, sagt die Mutter. Sie werden nicht so schnell verschwinden. „Wir müssen das alles erst verarbeiten, da hilft uns der Alltag“, so die Mutter. Die Tochter hatte am nächsten Tag gleich damit begonnen, sich um Ersatz für die verlorenen Ausweise und Schlüssel zu kümmern.

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