Ein Huckelkorb voll böhmischer Heimat

Grosswenkheim Da war 1945 gerade der Zweite Weltkrieg vorbei, da kam 1946 schon die nächste Tortur auf Hunderttausende Deutsche zu: die Vertreibung. Eine von ihnen war Erika Gehring, geborene Behmel, aus Großwenkheim, die sich noch gut erinnern kann.
Den Huckelkorb, den die Familie       -  Den Huckelkorb, den die Familie Behmel aus der Heimat mitnehmen konnte, hebt Erika Gehring neben den Bildern von der nordböhmischen Heimat
ganz besonders gut auf.
Den Huckelkorb, den die Familie Behmel aus der Heimat mitnehmen konnte, hebt Erika Gehring neben den Bildern von der nordböhmischen Heimat ganz besonders gut auf. Foto: FOTO ANTON THEN
Zumal sie ein besonderes Andenken aufgehoben hat. Neben verschiedenen alten Bildern von damals ist da noch jener sehr gut erhaltender Huckelkorb. Auf dem Marsch aus der Heimat im heutigen Böhmen spielte der heutzutage seltene Behälter eine wichtige Rolle.

 

Die tschechischen Kommunisten vertrieben damals tausende Menschen. Erika Gehring, 1941 geboren, lebte mit ihrer Familie in Scheras (heute: Vseroz) im Kreis Tetschen (Heute: Dezin) an der Elbe in Nordböhmen. Vater und Großvater waren Zimmerleute, hatten rund fünf Hektar Landwirtschaft und etwa 200 Obstbäume, die im günstigen Klima des Elbtales besonders gut wuchsen.

All das musste die Familie Behmel im März 1946 stehen und liegen lassen. Nur das, was sie am Leib hatten, in der Hand tragen oder im erwähnten und bedeutungsvollen Huckelkorb verstauen konnten, durften sie mitnehmen. Mit den wenigen Habseligkeiten ging die Fahrt für die Fünfjährige zusammen mit dem Großvater und der Mutter im Güterwaggon Richtung Bayern. Den Vater kannte sie kaum. Er war 1944 im Krieg in der Ukraine gefallen.

Hotel Regina erste Station

Das frühere Hotel Regina in Bad Kissingen war die erste Station in Bayern. Durch die Kreisverwaltung wurden die Heimatvertriebenen auf einzelne Dörfer verteilt. Zusammen mit 42 weiteren Menschen aus ihrer Heimat kam Erika Gehring zufällig nach Großwenkheim. "In der Karwoche 1946 standen wir armselig auf dem Dorfplatz und wurden vom damaligen Bürgermeister Otto Müller auf verschiedene Haushalte verteilt", erinnert sich Erika Gehring noch ganz genau an die ersten Eindrücke von Großwenkheim.

Die Behmels wurden der Familie Gottfried Gehring, im Dorf-Jargon "der Schuster" genannt, zugewiesen. Eine Entscheidung mit weit reichenden Folgen für Erika Gehring. "Vor allem für den Opa und die Mutter war die Vertreibung eine menschliche Tragödie", so Erika Gehring nachdenklich. Sie war gerade eingeschult worden, als ihre Mutter 1947 starb. Damit war sie Vollwaise und der Opa entschied, im Hause Gehring zu bleiben. "Hier wurde ich behandelt wie die eigene Tochter", blickt sie dankbar zurück.

Zur Beerdigung ihres Opas 1957 kamen auch eine Tante und ein Onkel aus der damaligen DDR. Sie wollten Erika mitnehmen, was sie aber, obwohl noch nicht volljährig, ablehnte. In ihrer neuen Heimat hatte sie ihr Glück gefunden. 1959 heiratete die staatlich geprüfte Hauswirtschafterin den Sohn vom "Schuster", Berthold Gehring.

Aus dieser Ehe gingen drei Kinder hervor. Berthold Gehring, Landwirt und Schuster und begeisterter Hobbymusiker, starb bereits 1982 im Alter von nur 57 Jahren.

Schikanen an der Grenze

Im Jahre 1972 besuchte Erika Gehring erstmals ihre Cousine in der Nähe von Dresden. Neben den Schikanen blieb das Gefühl, der wenig entfernten Heimat nahe zu sein, im Gedächtnis. "Ich musste allerdings noch zehn Jahre warten, bis dieser Wunsch erfüllt wurde", erzählt sie. Familiäre Ereignisse verzögerten das Vorhaben, der Tod des Mannes und der Schwiegermutter, die Hochzeiten der Kinder. Erika Gehring musste ihr Leben erst "neu sortieren". Sie gab die Landwirtschaft auf und fand in der Behinderteneinrichtung in Maria Bildhausen eine Arbeitsstelle bis zum Eintritt ins Rentenalter. 1983 konnte sie endlich ihre alten Kindheitserinnerungen in der alten Heimat, die sie mit ihrer Tochter besuchte, auffrischen. "Ich habe alles wie in der Erinnerung vorgefunden. Das Elternhaus, in dem jetzt eine tschechische Familie wohnte, hatte sich kaum verändert", erinnert sie sich. Der Opa konnte sich diesen Wunsch nicht mehr erfüllen.

Nach 1989 konnte sie endlich öfter nach Nordböhmen fahren. Mit allen drei Kindern war sie schon dort und konnte seit 1989 deutliche Fortschritte feststellen. Aber nicht nur von ihrer Heimat, auch von der nur einen Katzensprung entfernten Sächsischen Schweiz bei Dresden ist sie fasziniert.

Bevölkerung ist machtlos

Rückblickend auf die tragischen Ereignisse des Jahres 1946 meint Erika Gehring heute: "Ich stehe den Tschechen nicht mit Hass gegenüber. Es war großes Unrecht, was damals geschah. Das kam aber von der großen Politik. Die Bevölkerung war dagegen machtlos." Wenn Erika Gehring von den Erlebnissen vor 60 Jahren erzählt, hören, wie kürzlich beim Seniorennachmittag, alle gebannt zu. Ganz neugierig sind beim Erzählen und Betrachten der Bilder auch ihre Enkelkinder, worüber sich die Oma ganz besonders freut.

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