WÜRZBURG

Ein Roman über Würzburgs letzte Stunden am 16. März 1945

Roman Rausch stellte in Würzburg seine neue Romanerzählung „Bombennacht“ vor. Foto: Patty Varasano

Über die Zerstörung Würzburgs im Zweiten Weltkrieg am 16. März 1945 sind schon viele Bücher veröffentlicht worden. Allesamt sind sie dokumentarischer Natur. Zwar wurde der 16. März literarisch in Gedichten verarbeitet, aber noch nie hat sich ein Autor gewagt, sich den Ereignissen jener denkwürdigen Frühlingsnacht in fiktionaler Form anzunähern.

Der früher in Würzburg und jetzt in Berlin lebende Schriftsteller Roman Rausch hat nun, 71 Jahre später, eine knapp 400-seitige Romanerzählung mit dem Titel „Bombennacht“ geschrieben, in der Realität und Fiktion zusammenfließen.

Der aus Gerolzhofen stammende Roman Rausch (54) hat schon mehrere historische Romane geschrieben, die zum Teil auch in Würzburg angesiedelt sind, wie beispielsweise „Das Caffeehaus“ (2009) oder „Die letzte Jüdin von Würzburg“ (2014). Doch bei dem neuen Buch sei vieles anders gewesen, räumt er im Gespräch ein. Während er bei den anderen Romanen eine große historische Distanz zum Stoff gehabt habe, sei ihm bei der „Bombennacht“ doch vieles sehr nahe gewesen.

Beispielsweise die Gespräche mit seinem Großvater, der ihm vom blutroten Himmel während der über Würzburg hereinprasselnden Feuersbrunst erzählte – und dabei anfing zu zittern. Obwohl er die Ereignisse nur aus der Entfernung miterlebte. Auch die Berichte seiner Mutter sind ihm noch im Ohr. „Es hat bei diesem Buch fast keinen Abstand zwischen Autor und Handlung gegeben“, so Roman Rausch. Und es waren diese Erinnerungen des Großvaters, die ihn schon frühzeitig die Idee entstehen ließen, das Thema einmal zu verarbeiten. Doch es dauerte lange, bis es so weit war.

Auslöser, das Buch zu beginnen, war der 70. Jahrestag der Zerstörung der Stadt im Jahr 2015, erzählte Rausch beim Pressegespräch. Damals waren bei einem Lichtergedenken etwa 15000 Menschen versammelt. Alte und Junge, Einheimische und Fremde, Muslime und Christen gedachten gemeinsam der Bombennacht und ihrer Opfer. Auch Roman Rausch war dabei und war tief beeindruckt: „Da wusste ich, jetzt will ich es machen“.

Er sei sich aber auch sehr bewusst gewesen, dass er vor einer äußerst schwierigen Aufgabe stand, denn die Ereignisse des 16. März seien in Würzburg immer noch „dramatisch verwurzelt“. Der Luftangriff der britischen Royal Airforce sei „damals wie heute eine tiefe Erschütterung“, so der Schriftsteller. Auch 70 Jahre später habe die Monstrosität der Ereignisse ihm „Ehrfurcht, Respekt und auch Angst“ eingejagt.

Für sein Buch hat der Autor den 16. März in stundenweise Abschnitte gegliedert. In jedem dieser Kapitel erfährt der Leser wie unterschiedliche Menschen an verschiedenen Schauplätzen diesen Frühlings-Freitag verbracht haben. Er begegnet Flüchtlingen auf der Suche nach dem Notwendigsten, er wird Zeuge der Vorbereitungen für eine Geburtstagsfeier im mondänen Haus des Nervenklinik-Chefs Prof. Werner oder er kann den jüdischen Pianisten Paul begleiten, der drauf und dran ist, sich in eine von den Nazis protegierte Sängerin zu verlieben und gleichzeitig seine Flucht vorbereitet. Rausch lässt den Leser aber auch ins englische Norton Hall blicken, wo sich englische Piloten auf ihren abendlichen Einsatz vorbereiten. Diese Episoden fügt der Autor aus verschiedenen Blickwinkeln zusammen, so dass sie ein einheitliches Ganzes bilden und letztlich alle miteinander zu tun haben.

So verläuft dieser 16. März für viele ganz unterschiedlich – aber er mündet für alle ins Fiasko am Abend.

Für die Schicksale der „kleinen Leute“ hat Rausch historische Vorlagen genutzt, beispielsweise von Ex-Main-Post-Redakteur Roland Flade oder Eberhard Schellenberger vom Bayerischen Rundfunk, die viel mit Zeitzeugen kooperiert haben. Rausch lässt aber auch zwei Nazi-Protagonisten auftreten, die wenngleich namentlich de-individualisiert sind, doch bald zu erkennen sind.

Hinter Prof. Werner, dem Leiter des zum Lazarett umfunktionierten Nervenklinik, steckt die Person des skrupellosen Werner Heyde, der die Nervenklinik in Würzburg leitete und als Mitbegründer des Nazi-Euthanasieprogramms sowie als Obergutachter zahlreiche seiner Patienten in Tötungsklinken schickte.

Und dann gibt es im Buch noch den Würzburger Kripo-Chef Kurt, der im wirklichen Leben Kurt Hans hieß und an der Ermordung von 34 000 Juden in Babi Jar bei Kiew maßgeblich beteiligt war. Dieses schreckliche Massaker jährte sich übrigens am Tag der Buch-Präsentation zum 75. Mal.

Er habe bewusst nicht die bekannten Persönlichkeiten wie Gauleiter Hellmuth oder den Widerstandsbischof Ehrenfried in den Mittelpunkt gerückt, sondern sich für die interessiert, die nicht so sehr im Rampenlicht standen. Dass er sich für Werner Heyde entschied, darf aber durchaus auch als Hinweis darauf gewertet werden, dass Würzburg während des Dritten Reichs nicht nur die unschuldige Lazarett- und Kulturstadt war, sondern fruchtbaren Boden für das Nazi-Regime bot. Und somit hatte der 16. März eben auch eine Vorgeschichte, die aber lange Zeit gerne verdrängt worden ist.

Bis heute habe sich beispielsweise kein Würzburger Wissenschaftler Werner Heyde beschäftigt, stellte Roland Flade bei einer Lesung Rauschs aus seinem neuen Buch in der Buchhandlung Hugendubel fest. „Jetzt macht es eben Roman Rausch“, so der Historiker und Buchautor Flade.

Auch für Thomas Häußner, den Leiter des Echter Verlags, in dem das Buch „Bombennacht“ erscheint, ist klar, dass man sich damit „auf nicht ganz einfaches Terrain“ wagt. In der heutigen Zeit setzt er aber darauf, dass jüngere Menschen einen anderen Blickwinkel auf die Ereignisse von 1945 haben und nicht mehr so stark emotional berührt sind. „Der Roman kann das Geschehen aber emotional zurückbringen“, so der Verleger.

Infos zum Buch: Roman Rausch, Bombennacht, Echter Verlag Würzburg 2016, 368 Seiten, ISBN 978-3429-03885-4, 14.90 Euro

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