VERSBACH

Ein Stück Stadt, das gerne Dorf ist

Versbach: Landwirtschaft und Weinbau prägten einst die Gemeinde in Würzburgs Norden. Kurz vor der Eingemeindung 1978 teilte der vierspurige Ausbau der Ortsdurchfahrt das Dorf. Viele Bürger wünschen sich wieder eine integrative Mitte.
Abends auf der Straße: Hedwig Reuß beim Apfelschälen mit Wolfgang Maier und Georg Spiegel.

In der Gaststätte „Zum Adler“ in Versbach scheint die Zeit still zu stehen. Rustikal verputzte Wände, Tische mit Resopal-Platten und Holzstühle aus den 60er und 70er Jahren des vergangenen Jahrhunderts, alte Küchenutensilien und historische Bilder verbreiten Nostalgie. Aus dem Jahr 1876 stammt der Fachwerkbau, seit 125 Jahren betreibt die Familie Ringelmann das Wirtshaus, und die heutigen Wirtsleute Frank und Silke Ringelmann wollen seinen urfränkischen Stil erhalten.

Fotoserie

Versbach Teil 1

zur Fotoansicht

„Adler“ sagen eigentlich nur die Neubürger, echte Versbacher gehen zum „Ölles“. Ein früherer Wirt war einmal gefragt worden, was es hier zu essen gebe. „Ölles“, also alles, war seine Antwort.

Am Stammtisch im treffen wir eine Runde von Versbachern – waschechte Eingeborene und Zuwanderer, für die Versbach geliebte Heimat immer war oder wurde. Die Runde verbindet eines: Die Männer und Frauen gehören einer vom Aussterben bedrohten Spezies an. Es sind Menschen, die nicht nur für ihr Auskommen und ihre Familien sorgen, sondern sich ehrenamtlich einsetzen für eine lebendige Gemeinschaft und einen lebenswerten Ort.

Da ist Oskar Uhl, ein Ureinwohner, wie er sagt. 22 Jahre war er Vorsitzender der IG Bau–Steine-Erden. 50 Jahre hat er sich für die Versbacher Feuerwehr engagiert und ist deren Ehrenkommandant. Auch in der Rochus-Bruderschaft war Uhl aktiv, zeitweise als deren Obmann. Die Rochusbrüder sind die älteste Vereinigung im Dorf. Im 16. und 17. Jahrhundert hatte mehrmals die Pest im Ort gewütet. In ihrer Bedrängnis stellte sich die Bevölkerung unter den Schutz des Heiligen. Und: Seit der Gründung der Rochus-Bruderschaft 1732 blieb die Gemeinde von der Pest verschont. Oskar Uhl hat viel mit dazu beigetragen, dass die Bruderschaft, die jährlich Wallfahrten nach Dettelbach oder Retzbach macht, wieder großen Zulauf bekommen hat. Und er ist auch sonst im Ort aktiv.

Mit am Tisch sitzt Artur Eckert, der in Versbach geboren wurde. Der gelernte Gärtner und Versicherungskaufmann ist ein ganz großer Fasenachter. 50 Jahre war er im Fasching aktiv, und so nebenbei ist er seit 30 Jahren stellvertretender Vorsitzender im Tischtennisverein.

Da ist Günter Seiferlein, eine „Versbacher Hausgeburt“ und ein Original. Er ist der stets aktive Vorsitzende eines eher jungen Vereins, der Wanderfreunde Versbach 1975. Neben ihm Rudolf Küth, auch ein Ureinwohner. Der Kaufmann ist Dirigent der Rochuskapelle und Vorsitzender der Jagdgenossenschaft. Und in der Runde sitzt Helga Stephan, geboren in Versbach, „im Esszimmer“ wie sie sagt. Sie hat früher im Ort das Kaufhaus Stephan betrieben, das es seit ihrem Rückzug nicht mehr gibt – wie viele andere der einstmals fast 40 Geschäfte in Versbach. Vor kurzem erst schloss Schlecker, und Schuster Endres hat sich zur Ruhe gesetzt. Humor und Mutterwitz zeichnen die „Rote Lady“ aus, und so betätigt Helga Stephan sich auch schon mal als Büttenrednerin im Fasching. „Ich liebe Versbach; wenn ich aus dem Urlaub zurückkomme und meine Heimat sehe, werde ich sentimental“, bekennt sie.

Neben ihr sitzt Josef Hofmann. „Alter Versbacher Landadel“, wie er sagt, und Versbach führt der Bildhauer und Steinmetz-Meister auch im Firmenschild. Neben Grabmälern fertigt das Unternehmen „Josef Hofmann Versbach“ mit seinen 15 Mitarbeitern moderne Küchen und Bäder aus Stein. Trotz der Arbeitsbelastung engagiert sich Hofmann für die Freien Wähler im Stadtrat und seit langem in der Faschingsgesellschaft Versbach, dessen treibende Kraft er als Präsident ist. Mit in der Runde ist auch Jürgen Keidel. Er kam vor 30 Jahren aus Rimpar nach Versbach und ist froh, „dass man mich hier trotzdem akzeptiert.“ Der Bautechniker ist seit langem Sitzungspräsident der Faschingsgesellschaft.

Am Tisch sitzen auch Hans Schrenk, SPD-Urgestein und Stadtrat, und Judith Jörg, die Frau des CSU-Landtagsabgeordneten Oliver Jörg. Sie ist mit ihrer Familie erst 2005 nach Versbach gezogen und glücklich, wie gut sie aufgenommen worden ist. Trotz der Belastung als dreifache Mutter engagiert sich die Politologin im Pfarrgemeinderat und anderen Vereinigungen. Und da ist Klaus Zaschka, der Vorsitzende des jüngsten Versbacher Vereins, des Kultur- und Fördervereins für Fasching und Brauchtum, der mit Veranstaltungen wie Wirtshaussingen oder Herbstfest das Dorfleben bereichert.

Was zeichnet Versbach aus? Was fehlt? Josef Hofmann hat da einen großen Traum, und in der Runde stimmen alle zu: ein neuer Dorfmittelpunkt. Kurz vor der Eingemeindung hat der vierspurige Ausbau der Staatsstraße das Dorf in zwei Teile zerrissen, und auch das schöne alte Rathaus mit seinem Treppengiebel und der Bogenbrücke über die Pleichach ist beseitigt worden. Es war halt damals der Zeitgeist und der Glaube, dass so eine Straße zu einer modernen Entwicklung gehört. Nun sollte man daran arbeiten, wieder einen Ortsmittelpunkt zu schaffen, der Lebensqualität und Identität gibt.

Es gibt weitere Wünsche: Judith Jörg hält einen Jugendraum, der im neuen Rathaus entstehen könnte, für dringend nötig. Helga Stephan wünscht sich wieder mehr „Geschäftli“ und ein Café, wo man auch mal tratschen kann. Doch ein wichtiger Wunsch, den alle in der Runde äußern, ist nicht mit Geld zu verwirklichen: dass sich in den Vereinen wieder mehr tut, dass sich die Mitglieder nicht abschotten, sondern auf andere Vereine zugehen und gegenseitig Veranstaltungen besuchen. Und dass die Jugendlichen wieder mehr einbezogen werden. Und dann hat Oskar Uhl noch einen Wunsch: „Dass wir endlich wieder ein ordentliches Rochusfest haben.“



Blick übers Feld: Zur Kapelle des Ortspatrons Rochus und dann hinüber in die Stadt.
Dörflich: Häuser am Maidbronner Weg.
Stammtisch im Ölles: Helga Stephan und Josef Hofmann.
Abgerissen: das alte Rathaus an der Pleichach.
Auf dem Acker: Gerda Burkard, genannt „Kättele“, bei der Ernte ihrer Biokartoffeln. Foto: Theresa Müller
Am Skater-Platz: freier Flug durchs Himmelblau.

Rückblick

  1. Wo das Zentrum geplant war, ist heute eine Oase
  2. Die integrative Kraft des Sports
  3. Überzeugt vom Heuchelhof
  4. Mit neuer Identität raus aus dem Getto
  5. Heuchelhof: Nicht mal halb so groß wie geplant
  6. Zum Abschluss vom Frauenland an den Heuchelhof
  7. Das Frauenland ist über ein Jahrhundert einfach gewachsen
  8. Kulturelles Aushängeschild: Kunstmaler Curd Lessig
  9. Urgestein der Keesburg
  10. Ziemlich schwarz und doch auch grün
  11. Ein Turbo-Dorf wächst immer noch weiter
  12. Ein Kuhstall neben der Sparkasse und Apotheke
  13. Lengfeld: Platz für Gewerbe und Familien
  14. Die Stimme der Bürgerschaft
  15. Die Fantasie der Kinder wecken
  16. Jahrhunderte unter dem Schutz des Bischofshuts
  17. Der Stadtbezirk Altstadt in Zahlen
  18. Alexandra Memmel: leidenschaftliche Stadtführerin
  19. Die Brückenheiligen
  20. Meist müssen private Bauherren planen
  21. Ein Stück Stadt, das gerne Dorf ist
  22. Goldener Löwe von Stift Haug
  23. Das wandelnde Ortsarchiv
  24. Als die Traktoren mit der Apfelernte Schlange standen
  25. Versbach: ein familienfreundlicher Stadtteil
  26. Der Stadtteil, der ein richtiges Städtle ist
  27. Weine, Vereine und prominente Söhne
  28. Als Weinprinzessin auch im Weinberg
  29. Ein Täschner für die Einkaufsstraße
  30. Bayla-Abbruch, XXXL-Offensive und neue Wohnungen
  31. Stadtteilserie: Von Grombühl nach Heidingsfeld
  32. Grombühl: Bunt, vielfältig und oft unterschätzt
  33. Grombühl: Eine Mischung aus Berlin und Kaff
  34. Grombühl: Eine Welt der kleinen Leute
  35. Grombühl: Uralt und international
  36. Wissenswertes über Rottenbauer
  37. Ernst Köhler war Nordbayerns erster Biobäcker
  38. Der letzte Bürgermeister
  39. Denunziert in Rottenbauer
  40. Rottenbauer: Würzburgs kleinster Stadtteil wächst weiter
  41. Was von den Leighton Barracks in Zukunft übrig bleibt
  42. Letzter Hieb am Galgenberg
  43. Der Professor für Kartoffeln
  44. Wissenswertes zum Neuen Hubland
  45. Topographisch und ökologisch auf hohem Niveau
  46. Hochhäuser im Tal und Eigenheimer am Hügel
  47. Lindleinsmühle: Kleiner Stadtteil, viele Menschen
  48. Schwimmen im Bad oder Essen in der Schüler-Betreuung?
  49. Zu Fuß in die Innenstadt: Otto Schneider läuft
  50. Ein Fan der Sauberkeit: Elfriede Friedrich

Weitere Artikel

Schlagworte

  • Freie Wähler
  • Josef Hofmann
  • Judith Jörg
  • Karneval
  • Karnevalsvereine
  • Oliver Jörg
  • Pest
  • Stadtteilserie Würzburg
  • Tischtennisvereine
  • Ureinwohner
  • Weinbau
Lädt

Schlagwort zu
„Meine Themen“

hinzufügen

Sie haben bereits
/ 15 Themen gewählt

bearbeiten

Sie folgen diesem Thema bereits

entfernen

Um "Meine Themen" nutzen zu können müssen Sie der Datenspeicherung zustimmen

zustimmen
1 1
Kommentar schreiben

Der Diskussionszeitraum für diesen Artikel ist leider schon abgelaufen. Sie können daher keine neuen Beiträge zu diesem Artikel verfassen!