Würzburg

Eine Fälschung bringt dem Bischof die Herzogswürde

Vor 850 Jahren verlieh Kaiser Barbarossa an den Würzburger Bischof Herold die Urkunde „Güldene Freiheit“. Der hatte sich zuvor trickreich gezeigt.
Aus der Hand des Kaisers erhält Bischof Herold die „Güldene Freiheit“. Bischofschronik des Lorenz Fries, Stadtarchiv Würzburg. Foto: A. Bestle

Im 12. Jahrhundert zählte Würzburg unter den staufischen Herrschern zu den Zentralorten des deutschen Königreichs. Da die Mainmetropole an einer strategisch bedeutsamen Stelle zwischen Bayern und Sachsen, den beiden Herzogtümern Heinrichs des Löwen lag, wurde sie auch in den Auseinandersetzungen Friedrich Barbarossas mit den Welfen gerne aufgesucht. Hier fanden zahlreiche Hoftage statt, hier wurden grundlegende Entscheidungen der Reichspolitik vollzogen.

Dr. Ingrid Heeg-Engelhart vom Staatsarchiv Würzburg präsentiert die Urfassung der „Güldenen Freiheit“. Foto: Ulrich Wagner

Die Bischöfe geraten in Finanznöte

Die hohe Wirtschaftskraft von Kaufleuten und Handwerkern, intensiver Handel und differenzierte Warenproduktion auf den Wochen- und Jahrmärkten, beträchtliche Zolleinnahmen und kontinuierlich fließende Steuern ermöglichten regelmäßige Bewirtungen des umfassenden kaiserlichen Gefolges. Diese brachten die Bischöfe allerdings in nicht geringe Finanznöte. 1156 heiratete Friedrich Barbarossa in der von ihm geschätzten Stadt am Main in einem prunkvollen Fest Beatrix, die Erbin des Königreichs Burgund.

Die mit dem Goldsiegel beglaubigte Urkunde für Bischof Herold vom 10. Juli 1168. Staatsarchiv Würzburg, ehemals Kaiserselekt, Nr. 516. Foto: Ulrich Wagner

Die Würzburger Bischöfe, von denen mehrere aus der Hofkapelle, dem Kreis der Hofgeistlichen um den Herrscher, hervorgingen und mit diesem daher in engerem Kontakt standen, erstrebten im ostfränkischen, dem heutigen fränkischen Raum, der kein Stammesherzogtum kannte, bereits seit dem 11. Jahrhundert eine herzogsähnliche Stellung. Von Kaiser Heinrich V., dem letzten Salier, hatte Bischof Erlung am 1. Mai 1120 das Richteramt für ganz Ostfranken, aber nicht den Herzogstitel erhalten. Dieser blieb bis 1168 verwehrt, auch wenn seit Embricho (regierte 1122-1146) die Würzburger Bischöfe auf ihre Münzen die Bezeichnung dux, also Herzog, schlagen ließen. Man war der Auffassung, dass diese herausgehobene Würde ihnen seit alters zustehe und auch Fälschungen von Urkunden zugunsten dieses rechtmäßigen Anspruches nicht verwerflich seien.

Rechts neben dem Goldsiegel Datierung und Ausstellungsort Würzburg (Datum Wirzeburg). Foto: Ulrich Wagner

Katastrophe für das Heer vor Rom

Im August 1167, als das Heer des Kaisers vor Rom lag, verstarben innerhalb von wenigen Tagen Tausende von Deutschen und Römern, darunter die Bischöfe von Köln, Prag, Lüttich, Verden und Speyer sowie die Herzöge Friedrich von Schwaben und Welf VII. an einer Ruhrepidemie. Der Kaiser selbst und sein Notar Wortwin erkrankten nicht. Fluchtartig zogen sie noch am Abend des 6. August 1167 mit den restlichen Truppen nach Norden, vor Jahresende traf Barbarossa in Würzburg ein.

Von ihm selbst erfuhr Bischof Herold von der Katastrophe des Heeres. Die Gelegenheit erschien ihm günstig. Beim politisch geschwächten Kaiser versuchte er unter Vorlage mehrerer kurz zuvor in Würzburg gefälschten Kaiserurkunden seine Wünsche durchzusetzen und endlich durch ein kaiserliches Diplom die Herzogswürde bestätigt zu erhalten.

Das aus Goldplättchen gefertigte Siegel zeigt auf der Vorderseite den Kaiser im Ornat mit Krone, Szepter und Reichsapfel. Foto: Ulrich Wagner

Fälschung von Urkunden

In der bischöflichen Kanzlei übernahm hierzu der Notar Heinrich den Text von drei echten Kaiserurkunden aus dem 11. Jahrhundert, die vernichtet wurden, in neue Urkunden. Der Text wurde mehrfach verbessert, sodass sich die bisherige Amtsgewalt des Bischofs nunmehr auf das gesamte Herzogtum und alle Grafschaften in Ostfranken erstrecken sollte. Die Siegel der Originalurkunden wurden auf die Fälschungen übertragen und diese auf dem Würzburger Hoftag Ende Juni 1168 dem Kaiser vorgelegt. Bischof Herold erhielt von diesem daraufhin das lange ersehnte Diplom. Diese für die Geschichte des Bistums und Hochstifts Würzburg entscheidende verfassungsrechtliche Urkunde wird seit Lorenz Fries, dem großen mainfränkischen Chronisten des 16. Jahrhunderts, als „Güldene Freiheit“ bezeichnet.

Gerichtsherr in ganz Franken

Der Kaiser bestätigte Bischof Herold die gesamte Gerichtsbarkeit, insbesondere die volle Gewalt, Recht zu sprechen, im gesamten Bistum und Herzogtum Würzburg sowie in allen in diesen gelegenen Grafschaften. Die Diözese Bamberg blieb ausgenommen. Auf der Grundlage der Gerichtshoheit konnte der Bischof als Landesherr nun mit dem inneren Ausbau seines Territoriums beginnen. Der Burggraf als bisher in Würzburg amtierender Vogt, d.h. Gerichtsherr des Hochstifts, verlor mit der dem Bischof übertragenen hohen Gerichtsbarkeit seine zentrale Funktion. Damit war der Grundstein für das Hochstift Würzburg als staatliche Einheit gelegt, wie es bis zum Ende des Alten Reiches 1802 existierte.

Auf der Rückseite stilisiert das goldene Rom (ROMA AVREA). Foto: Ulrich Wagner

Die Errichtung neuer Territorialherrschaften war zentraler Teil kaiserlicher Politik mit dem Ziel, die alten Stammesherzogtümer aufzulösen oder zu schwächen. So war bereits 1156 die Ostmark von Bayern getrennt und zum Herzogtum Österreich erhoben und nach dem Sturz Heinrichs des Löwen das Stammesherzogtum Sachsen zerschlagen worden. In den Reichsgesetzen Friedrichs II., des Enkels von Barbarossa, von 1220 und 1231/32 wurden die nunmehr neuen Rechte der geistlichen und weltlichen Fürsten auf Dauer bestätigt.

Anfertigung einer Prachturkunde

Die kaiserliche Urkunde ist heute noch in zweifacher Ausfertigung im Staatsarchiv Würzburg original erhalten. Aus konservatorischen Gründen wird dem Benutzer eine Reproduktion vorgelegt. Bis zu Rückführung aller Urkunden vor 1400 nach Würzburg im Jahr 1993 lagen die beiden Urkunden im Hauptstaatsarchiv München.

In der Mitte der ersten Zeile nennt sich Kaiser Friedrich (FRIDERICUS) als Aussteller des Diploms. Foto: Ulrich Wagner

Die Urschrift, von einem namentlich unbekannten Notar verfasst, wurde mit einem großen aufgedrückten Wachssiegel beglaubigt. Da sie im Text mehrere korrigierte Stellen, sogenannte Rasuren, aufwies, erbat Bischof Herold eine Zweitschrift. Diese wurde in der Reichskanzlei vom Würzburger Notar Wortwin selbst vollständig ins Reine geschrieben und mit einem goldenen Siegel, daher Goldbulle, versehen. Wortwin, später Propst vom Würzburger Stift Neumünster, rückte 1172 zum Protonotar, d.h. ersten Notar der Reichskanzlei, auf und zählte zu den engsten Beratern des Kaisers.

Die Goldbulle am Prachtexemplar besteht aus Goldplättchen über einem Kern aus Wachs oder Pech. Die Vorderseite zeigt den Herrscher im Hüftbild hinter den Mauern Roms mit den Reichsinsignien, auf der Rückseite findet sich das stilisierte Rombild mit Kolosseum und der Umschrift: Roma caput mundi, regit orbis frena rotundi (Rom, Haupt der Welt, lenkt den Erdkreis). Dank der umfassenden Forschungen von Peter Herde ist auch der Goldschmied des Siegelstempels bekannt; es war Godefroid aus der Nähe von Lüttich.

Text: Ulrich Wagner

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