WÜRZBURG

Eine Zwischenbilanz: Der etwas neue Hafensommer

Die schwimmende Bühne und die Hafentreppe unter dem Dach des Heizkraftwerks machen den Hafensommer unverwechselbar.
Die schwimmende Bühne und die Hafentreppe unter dem Dach des Heizkraftwerks machen den Hafensommer unverwechselbar. Foto: Alle Thomas Obermeier

Als der zehnte Hafensommer im Februar kurzfristig auf der Kippe stand, war vorübergehend unklar, ob und in welcher Form das Sommer-Musikfestival im Alten Hafen fortgesetzt werden würde.

In einem nahezu einstimmig gefassten Stadtratsbeschluss hieß es damals, dass der diesjährige Hafensommer eine Variation des bisherigen sein solle. Zudem sollten seine „Konzeption und Ausgestaltung grundsätzlich und vollständig überarbeitet“ werden. Wir haben uns mal umgesehen, was beim zehnten Hafensommer anders geworden ist.

Das Auffälligste ist natürlich, dass die Jubiläumsausgabe wieder „zu Hause“ im Becken des Alten Hafens stattfindet, nachdem das Festival drei Jahre auf den Mainwiesen im Exil war, weil im Hafen eine marode Kaimauer repariert werden musste. Man kann natürlich im Alten Hafen den Biergarten unter schattigen Bäumen vermissen, den es auf den Mainwiesen gab.

Doch die Rückkehr in den Hafen mit dem abends angestrahlten gewölbten Kraftwerksdach über der Hafentreppe, dem Blick auf Steinburg und Weinberge, den Lichtreflexionen im Fluss und der Industriearchitektur im Hafen mit dem Speichergebäude und natürlich der schwimmenden Bühne – diese außergewöhnliche Kombination macht den wahren und echten Hafensommer aus.

Das sehen auch viele Musiker so: Michael Wollny bat sein Publikum gleich zweimal um Applaus dafür, dass es den Hafensommer weiterhin gibt. Und die Sängerin und Akkordeonistin der viel herumkommenden 17 Hippies sagte am Montagabend: „Diese Location ist einfach unschlagbar“.

Aber auch Sybille Linke, die neue Leiterin des Fachbereichs Kultur, die zum ersten Mal beim Hafensommer dabei ist, spricht von „einer ganz tollen Location mit eigener Ausstrahlung, Charme und Anziehungskraft“.

Nun hat dieser Veranstaltungsort natürlich auch seine Tücken. Eine davon ist, dass er von der Veitshöchheimer Straße aus kaum einsehbar ist. Und an dieser Stelle kommt ein neuer Hafensommer-Akteur ins Spiel: Der in diesem Jahr neu gegründete Freundeskreis.

Dort haben sich, so bezeichnet sie Kulturreferent Muchtar Al Ghusain, „Freunde des Hafensommers zusammengefunden, die mitdenken und sich einbringen“. Aus der musikalischen Programmgestaltung halten sie sich heraus, haben sich aber viele Gedanken gemacht, wie man die Situation auf dem Gelände verbessern kann.

Einige ihrer Ideen wurden in diesem Jahr bereist realisiert. Eines der wichtigsten Anliegen sei es gewesen, erzählt Hans-Joachim Hummel vom Freundeskreis, den Toilettencontainer aus dem eigentlichen Festivalbereich zu „verbannen“. Der steht jetzt vor dem eigentlichen Eingangsbereich.

Natürlich ist es in der Kürze der zur Verfügung stehenden Zeit nicht möglich gewesen, massive Veränderungen zu realisieren. Aber ein Fortschritt ist es ganz sicher, dass die Aufenthaltsfläche bei den Verpflegungsständen vergrößert wurde, indem der Getränkestand ein Stück in Richtung Brücke der deutschen Einheit verschoben wurde.

Ebenfalls auf Anregung der Hafensommer-Freunde wurde gleich hinter dem Einlass eine Lounge-Ecke eingerichtet, oberhalb der Hafentreppe ein paar Liegestühle aufgestellt und über dem Eingang ein großes gut sichtbares Transparent aufgehängt. Das Festival müsse aber in Zukunft vor allem in der Stadt und in der Region noch viel präsenter sein und dort auf sich aufmerksam machen, meint Hummel. Er findet es jedenfalls einen Fortschritt, dass durch die Mitsprache der im Freundeskreis versammelten Grafiker, Architekten und Künstler der Hafensommer jetzt auf mehreren Beinen steht.

Es sind aber nicht nur äußerliche Korrekturen beim Hafensommer festzustellen. Auch programmatisch hat sich etwas getan. Da ist zunächst das neue Format „Junger Hafen“, den Sybille Linke ins Leben gerufen hat, und das auf Anhieb ein großer Erfolg war. 190 Mitwirkende und 600 Besucher, die die Abendkonzerte dank des Engagements der Sparda Bank bei freiem Eintritt besuchen konnten, sprechen eine deutliche Sprache. „Auf jeden Fall“ solle der „Junge Hafen“ auch 2017 wieder stattfinden, so Sybille Linke.

Vor dem Hintergrund der Terror-Ereignisse der letzten Wochen wertete Al Ghusain den „Jungen Hafen“, an dem auch syrische Flüchtlinge mitwirkten als ein „wahnsinnig positives Zeichen“.

Auch in puncto Besucherzuspruch bewegt sich der Hafensommer in diesem Jahr bislang auf einem guten Weg. Klaus Doldinger, Rokia Traoré, The Notwist, Michael Wollny und die 17 Hippies zogen in den beiden ersten Wochen zwischen 600 und 800 Besucher an. Es gab aber auch ein paar Ausreißer nach unten. „Die werden wir analysieren“, so der Kulturreferent.

„Gefloppt“ ist beispielsweise der Versuch, den Kabarettisten Andy Sauerwein mit der Big Band der Musikhochschule auftreten zu lassen. Trotz guten Wetters blieben die Zuschauer aus. Und auch wenn der Hafensommer ein „Entdeckerfestival“ sein möchte, Musiker wie Aline Frazao, Aino Löwenmark, Le Millipede, Karo und Hundreds waren nicht die ganz großen Besuchermagneten.

Es wäre aber auch vermessen bei einem 17-tägigen Festival jeden Abend ein volles Haus zu erwarten. Noch stehen fünf Konzertabende aus, dann kann Bilanz gezogen werden.

Eine grundsätzliche und vollständige Überarbeitung lässt sich also beim Hafensommer noch nicht feststellen. Wünschenswert wäre es freilich auch, wenn diejenigen, die letztlich über Bestand und Zukunft des Hafensommers zu entscheiden haben, die Mitglieder des Stadtrats nämlich, sich auch ab und zu ein Bild vor Ort machen würden.

Neu sind in diesem Jahr loungige Sitzecken zum Verweilen im Gastrobereich.
Neu sind in diesem Jahr loungige Sitzecken zum Verweilen im Gastrobereich. Foto: Thomas Obermeier
Die Aufenthaltsfläche bei Essens- und Getränkeständen ist jetzt deutlich vergrößert.
Die Aufenthaltsfläche bei Essens- und Getränkeständen ist jetzt deutlich vergrößert. Foto: Thomas Obermeier

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