WÜRZBURG

Eines für alle und alle in einem

Mia ist 18. Sie ist vollkommen mobil - ebenso wie ihr Bruder Jan und ihre Oma, aber jeder auf seine Weise.

Als Mia morgens das Haus verlässt, schaut sie vorher kurz auf ihr Smartphone. Wie kommt sie am schnellsten mit welchem Verkehrsmittel zum Uni-Campus? Die Bahnen und Busse senden ständig Informationen auf die Handys ihrer Nutzer. Gibt es Verspätungen, wie voll sind Straba und Bus? Mia ist 18, im Juli 2012 wurde sie in Würzburg geboren. Vor einem halben Jahr hat sie ihr Abi-Zeugnis entgegengenommen, jetzt besucht sie die ersten Vorlesungen in Physik. Ihr Bruder Jan hat sein Studium schon abgeschlossen. Jan ist 2002 geboren und hat in Würzburg Lehramt studiert.

Mia schaut auf ihr Handy. Heute Morgen ist die Straßenbahn zum Hubland überfüllt, also läuft sie zum nächsten Mobilpunkt und fährt dann mit dem E-Bike. Die Straßenbahn zum Hubland ist schon lange fertig. Mia schätzt, dass sie sechs Jahre alt gewesen sein muss, als die Verlängerung der Linie 2 und 3 zum Hubland fertig war. Linie 6 wird die Strecke im Volksmund genannt und heute, 2030, fahren etwa 28.000 Fahrgäste täglich mit der Bahn zwischen Juliuspromenade und Hubland.

Zu viele für Mia, die ohnehin lieber mit dem E-Bike unterwegs ist. Sie tritt gemütlich in die Pedale, schließlich hilft ihr ein Elektromotor am Fahrrad den Berg hinauf. Jeder Stadtteil in Würzburg hat mittlerweile einen eigenen Mobilpunkt. Dort warten Elektroautos und E-Bikes auf Pendler. Außerdem halten regelmäßig Busse und Straßenbahnen.

Ein Fahrschein gilt für alle Verkehrsmittel. Wenn Mia zum Mobilpunkt läuft, kauft sie sich ein Ticket für die Straßenbahn. Steigt sie an einem anderen Punkt wieder aus, kann sie sich mit diesem Ticket ein Auto leihen und am nächsten Mobilpunkt ist dieses dann der Parkschein für das Auto. Die meisten Würzburger haben nicht mehr das Geld für ein eigenes Auto, und sie als Studentin findet das neue Verkehrssystem viel bequemer. Ein Auto als Statussymbol - diese Zeiten sind vorbei.

Nach zwei Vorlesungen an der Uni lässt Mia das Mensaessen sausen. Sie ist mit ihrer Oma verabredet, am Kino beim Kulturspeicher. Ihr Smartphone sagt ihr, dass sie am besten mit der Straßenbahn zum Bahnhof fährt und dann den Bus nimmt. Das E-Bike hat sie morgens schon an der Haltestelle abgegeben.

Im Bus entschuldigt sich der Fahrer, er könne erst in zwei Minuten losfahren. Die Batterie sei noch nicht vollständig aufgeladen. Sofort beginnen einige Mitfahrer zu meckern. „Das war ja klar.“ Und: „Das ist gestern auch schon so gewesen.“ Mia hat gute Laune, sie lässt sich von der Verspätung nicht ärgern und überhaupt: Heute haben die Busse meistens freie Fahrt, weil weniger Leute allein mit dem Auto unterwegs sind und die Straßen daher nicht so voll sind. Die Busse stehen nicht mehr so häufig im Stau, dafür dauert das Laden der Batterie manchmal eben etwas länger. Eigentlich sollte das nicht passieren. So versprechen es zumindest die Anzeigetafeln an den Haltestellen. Damit ein Bus mit Elektroantrieb fahren kann, muss er seine Batterie ständig nachladen. Deren Kapazität ist nicht für längere Fahrstrecken ausgelegt. Dies ist, so der Werbetext, kein Problem. Schließlich muss der Bus an den Endhaltestellen sowieso länger warten. Zum einen, weil der Fahrer eine Pause braucht. Zum anderen, damit der Fahrer wieder pünktlich in den Fahrplan starten und so Verspätungen aus früheren Fahrten ausgleichen kann. In dieser Zeit soll die Batterie des Busses geladen werden. Reicht das nicht aus, muss der Bus an Haltestellen während der Route nachtanken.

Seit der Landesgartenschau 2018 ist auch der Hauptbahnhof umgebaut. Es gibt mehr Geschäfte und vor allem ist der Bahnhof barrierefrei geworden. Die Würzburger Bevölkerung ist gealtert, das ist auch Mia aufgefallen. Im Laufe ihres Lebens ist die Altersgruppe der 60- bis 75-Jährigen um fast 30 Prozent gewachsen. Neben dem barrierefreien Bahnhof haben auch Straßenbahnen keine Stufen mehr. Hält die Bahn, fährt eine Rampe aus und Menschen mit Rollatoren, aber auch mit Kinderwagen können bequem einsteigen.

„Hallo Oma, was hat der Arzt gesagt?“ Mia begrüßt ihre Großmutter, die in den letzten Wochen aufgrund eines Bandscheibenvorfalls oft ins Uniklinikum musste. Zu den Untersuchungen ist sie mit der Straßenbahn gekommen, wegen der Medikamente durfte sie nicht selbst Auto fahren. Seit die Straßenbahnlinien 1 und 5 verlängert wurden, kommen die Klinikbesucher ohne Umsteigen zum Krankenhaus nach Grombühl. „Ach, der Arzt“, sagt Mias Oma. „Der hat gesagt, dass ich wieder Auto fahren darf. Hab ich ihm ja schon lange gesagt, aber das wollte er mir ja nicht glauben.“ Mia muss lachen. Ihre Oma will bloß nicht zum alten Eisen gezählt werden.

Als Mia und Jan ihr zum Geburtstag einen Gutschein für einen Fahrtauglichkeitstest geschenkt haben, war sie erst drei Tage beleidigt. Den Test hatte sie dann doch gemacht, „aber nur, um euch zu beweisen, dass ich noch fahren kann.“ Mia erinnert sich noch gut an die Diskussion vor ein paar Jahren. Wissenschaftler hatten gefordert, dass Fahrttauglichkeitstests ab einem bestimmten Alter verpflichtend werden. Das Verkehrsministerium sah dafür keine Veranlassung. Jeder könne selbst entscheiden, ob er fahrtüchtig sei. Als Kompromiss wurde ein freiwilliger Test eingeführt. „Was grübelst du schon wieder?“, unterbricht die Oma Mias Gedanken. „Komm jetzt, ich will ins Kino.“

Ufos gibt es 2030 wahrscheinlich noch nicht, dafür werden sich Elektroautos durchsetzen. Foto: ILLUSTRATION: MARIA MARTIN

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