WÜRZBURG

Erbitterter Kampf um Altkleider

750 000 Tonnen Altkleider gibt es pro Jahr in Deutschland. Hilfsorganisationen bangen dennoch um ihre Erlöse, der Markt ist hart.
Altkleidersammlung
Von wegen Müll: Um Altkleider streiten sich gewerbliche Sammler, Städte und Landkreise sowie Hilfsorganisationen. Foto: Roland Weihrauch, dpa

Mit Altkleidern und Altpapier lässt sich gutes Geld verdienen. Doch auf dem Markt tobt seit Jahren ein erbitterter Streit. Gewerbliche Sammler ziehen gegen Städte und Landkreise vor Gericht und umgekehrt.

Dazwischen stehen die gemeinnützigen Sammler der Hilfsorganisationen. Eine eindeutige Rechtssprechung ist in den Verfahren bislang nicht auszumachen.

Seit die Kommunen entdeckt haben, dass Altkleidersammlungen ein dickes Geschäft sein können – der Preis für eine Tonne Kleider lag zwischenzeitlich schon mal bei 1000 Euro, aktuell sind es bis zu 500 Euro – ist ein heftiger Streit entbrannt, wer sammeln und vermarkten darf.

Mit Inkrafttreten des Kreislaufwirtschaftsgesetztes 2012 sind Kleidersammlungen meldepflichtig, der deutsche Sammelmarkt soll damit transparenter werden. Alle Sammlungen müssen drei Monate im voraus bei der jeweils zuständigen „Unteren Abfallbehörde“ angemeldet werden.

Es gilt: Gewerbliche Sammlungen können von Stadt oder Landkreis nicht willkürlich untersagt werden. Nur wenn überwiegend öffentliche Interessen entgegenstehen, können sie ein Verbot verhängen.

Das kann dann der Fall sein, wenn die Kommune bereits eigene Sammlungen durchführt und ihr eine wichtige Erwerbsquelle wegbricht, auf die sie angewiesen ist. Allerdings, so wurde gerichtlich entschieden, muss sie im Streitfall nachweisen, dass die Abfallgebühren für die Bürger um mindestens zehn bis zwölf Prozent steigen würden.

Wie Thomas Ahlmann, Pressesprecher des Dachverbandes „FairWertung“, auf Anfrage dieser Redaktion erklärt, unterliegen gemeinnützige Sammlungen nicht diesen Beschränkungen. „FairWertung“ vertritt bundesweit rund 120 kirchliche und gemeinnützige Sammler.

Doch auch für den Verband ist die Luft dünner geworden, seit Städte und Landkreise im Geschäft um Altkleider mitmischen und zunehmend selbst Container aufstellen oder für viel Geld Stellplätze anbieten. „Gemeinnützige Organisationen sind bei diesen teils astronomischen Preisen chancenlos“, sagt Ahlmann. Und die Mitglieder des Dachverbandes klagen: „Die Kommunen zerschlagen so unser bewährtes Sammelsystem!“

Auch das Deutsche Rote Kreuz (DRK) als einer der großen karitativen Sammler (im Jahr 2011 erlöste es nach eigenen Angaben rund zwölf Millionen Euro mit Altkleidern) ist alles andere als glücklich über den harten Wettbewerb – trotz der angebotenen Kooperationsmodelle der Städte und Landkreise.

Eine solche Kooperation mit dem gemeinnützigen Kolpingwerk unterhält zum Beispiel der Landkreis Würzburg. Die Container der Kolping Recycling GmbH aus Fulda sind seit 2008 auf jedem Wertstoffhof des Landkreises zu finden.

Zuständig dafür ist das Kommunalunternehmen team orange. „Über die in Zusammenarbeit mit Kolping aufgestellten Container konnten wir im Jahr 2014 166 Tonnen Altkleider sammeln“, erklärt Betriebsleiter Alexander Pfenning auf Anfrage.

Über die landkreisweit insgesamt eingesammelte Menge lägen wegen der Vielzahl an gewerblichen und gemeinnützigen Sammlungen keine belastbaren Daten vor. „Wir erhalten in Abhängigkeit von der Anzahl der aufgestellten Container von Kolping Erlöse in Höhe von mehreren Tausend Euro“, so Pfenning.

Diese Erlöse verminderten den über die Abfallgebühren zu deckenden Finanzbedarf und kämen somit uneingeschränkt allen Abfallgebührenzahlern zugute.

Dass gewerbliche Sammler per se niedrigere Abfallgebühren für die Bürger verhindern, diese Ansicht teilen indes viele Richter quer durch die Republik nicht. Auch „FairWertung“ hält diese Begründung für schwach.

„Die Bürger wollen mit ihren Kleiderspenden Gutes tun, und nicht ein paar Cent Gebühren sparen.“ Die Menschen seien vielmehr genervt von dem Container-Chaos vielerorts. Welche sind illegal aufgestellt? Welche dienen dem wohltätigen Zweck? Experten raten dazu, auf die Logos auf den Containern zu achten.

Angesichts der Flüchtlingswelle herrscht Hochbetrieb in den deutschen Kleiderkammern. Allerdings sind es zu 70 Prozent Frauenkleider, die die Masse an Altkleidern ausmachen, zudem jahreszeitlich unpassende aussortierte Kleidung oder Männergrößen, die den Flüchtlingen nicht passen.

„Unsere kirchlichen und gemeinnützigen Mitglieder kaufen deshalb von den Erlösen der anderen Kleider das, was notwendig ist“, sagt Ahlmann. Genau um diese Erlöse müssen die gemeinnützigen Sammler aber nun bangen. Denn nun grätscht auch noch die Modeindustrie rein ins Altkleidergeschäft.



In einem bundesweit viel beachteten Urteil des Verwaltungsgerichtes Würzburg vom Februar dieses Jahres darf die Modekette Adler mit Sitz in Haibach bei Aschaffenburg weiterhin alte Kleider aller Marken annehmen, ohne dass sie dafür eine gewerbliche Sammlung anmelden muss.

Die Modekette hatte gegen einen Bescheid des Bayerischen Landesamtes für Umwelt (LfU) geklagt. Das Amt hatte die Sammlung zwar anerkannt, allerdings nur für selbst produzierte Kleidung. Die Richter hingegen entschieden, dass die Rücknahme für alle Marken gelten müsse.

Immer mehr Unternehmen – darunter H&M – übernehmen dieses System der Schweizer Firma I-Collect. Adler sammelt damit mehrere Hundert Tonnen jährlich. Die Verbraucher freut das, denn sie bekommen Gutscheine oder Rabatte auf neue Kleider. „FairWertung“ und Greenpeace indes freut es nicht. „Die Rücknahme wird als grüne Idee verkauft, ist aber in Wirklichkeit nur Verkaufsstrategie, um die Leute in die Läden zu locken, wo sie noch mehr Kleider kaufen, das ist alles andere als nachhaltig“, sagt Ahlmann.

Auch das Mode-Unternehmen s.Oliver aus Rottendorf (Lkr. Würzburg) hat seit 2013 seine Kunden fürs Sammeln mit zehn Euro pro Karton Kleider belohnt. Dabei ist man aber einen anderen Weg als H&M gegangen und hat mit „Packmee“ kooperiert, ein in Mönchengladbach gegründetes Sammel- und Spendensystem.

Ziel sei, 50 bis 80 Prozent des Erlöses zu spenden und dabei Ressourcen zu schonen. Doch nun hat „Packmee“ seine Dienste einstellen müssen. Die GmbH empfiehlt den Verbrauchern ein ähnliches System, das unter der Flagge des Hamburger Versandhandels Otto läuft.

Gutscheine in Höhe von drei Euro für Altkleider gab es jüngst auch im Modehaus Wöhrl in Würzburg für gut erhaltene Kleider. 123 Tonnen kamen in den Geschäften des Nürnberger Unternehmens in einer Spendenaktion für die Malteser im Februar zusammen. Erlös: 25 000 Euro.

Überwiegend hochwertige Ware bedient den lukrativen Secondhandmarkt und ist für Sammler lohnenswert. Ganz im Gegensatz zur Kleiderschwemme der Billighersteller. Die macht Experten wie Thomas Ahlmann in jeder Hinsicht Sorgen.

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