WÜRZBURG

Es gibt keinen Zwang im Glauben

Eindrucksvoll: Die DiTiB-Moschee in der Äußeren Aumühle. Foto: Stefan Römmelt

Ostersonntag 2012, Mittagszeit: Mehrere Generationen von Deutsch-Türken stehen unter dem von der deutschen und türkischen Flagge bekrönten Tor zur DiTiB-Moschee in der Würzburger Aumühle. Die Moschee, Anlaufstelle für rund 1300 Gläubige, hat bereits mehrere Umzüge hinter sich: von der Theaterstraße über die Beethovenstraße, einen Turm im Gaswerk und die Heinestraße bis in die Äußere Aumühle 11, wo sie seit 1999 ihren Sitz hat. Wollte man eine Würzburger Geschichte der deutsch-türkischen Beziehungen der letzten Jahrzehnte schreiben, könnte man hier anfangen.

Beginnen wir mit Süleyman Bolat. Der 80-jährige Schreiner gehört zur ersten Generation von Arbeitsmigranten. Sein Leben zerfällt in zwei Hälften: 40 Jahre wohnte er im Istanbuler Stadtteil Sari Kazi, und seit 40 Jahre lebt er in Deutschland. Fragt man den zufrieden wirkenden Bolat, wo er sich mehr zuhause fühle, dann antwortet er salomonisch: „Hier und dort.“

Zufrieden wirkt auch der Mitt-Vierziger Yener Yildirim, dessen Eltern von der Schwarzmeerküste stammen. Yildirim, seit Dezember 2011 Erster Vorstand der Moschee, kann als Musterbeispiel für geglückte Integration gelten: Nach einer Mechanikerlehre erwarb Yildirim auf dem Abendgymnasium das Abitur und studierte Betriebswirtschaftslehre. Seit zehn Jahren arbeitet der agile Manager, dessen vier Geschwister ebenfalls gut integriert sind, für eine weltweit tätige Würzburger Firma.

„Deutsche oder Türkin? Ich glaub', ich bin einfach beides.“

Deniz Mersekoparan 22 Jahre

Als seine zentralen Werte bezeichnet Yildirim Freiheit und Glück im Diesseits und Jenseits. Deswegen engagiert er sich auch in der Moschee. Sein Anliegen: die Förderung des Glücks der Gemeindemitglieder und die Entwicklung der Jugendlichen. Yildirim betont zugleich nachdrücklich: „Es gibt keinen Zwang im Glauben.“ Sein nächstes Projekt: Für den 15. April 2012 hat Yildirim zusammen mit den Vorständen der Gemeinden in Kitzingen, Schweinfurt, Lohr am Main, Karlstadt und Marktheidenfeld für etwa 1200 Gäste ein großes Fest zum Geburtstag des Propheten in den Würzburger Posthallen geplant.

Yener Yildirim besitzt für Deniz Mersekoparan besondere Bedeutung. Er sei ein „großer Bruder“, an den sie sich mit allen Fragen wenden könne. Die junge Frau ist 22 Jahre alt, hat Soziale Arbeit studiert und arbeitet in der Städtischen Erziehungsberatungsstelle bei dem Projekt „Hacer-Hagar“ mit, das sich gezielt an türkische Frauen und Familien wendet. Ihre Eltern, die aus dem an der türkischen Westküste gelegenen Izmir stammen, haben sich in Deutschland kennen gelernt. Hier leben beide schon seit Jahrzehnten.

Auf die Frage, ob Deniz sich eher als Deutsche oder als Türkin fühle, antwortet sie: „Ich glaub', ich bin einfach beides.“ In der Türkei gilt sie als pünktliche und um Perfektion bemühte „Deutschländerin“, und in Deutschland gehört sie zur Gruppe der Migranten. Die Moschee ist für sie eine wichtige Anlaufstelle und „Heimat“, an deren Entwicklung sie engagiert mitarbeitet.

Seit ihrer Wahl zur 1. Vorsitzenden der neu gegründeten Jugendabteilung, die sich jede zweite Woche trifft, kümmert sich Deniz intensiv um das Freizeitprogramm. Die Jugendarbeit bildet eine wichtige Säule des Konzepts einer „offenen Moschee“, in der jeder willkommen ist. Alkohol und Zigaretten sind allerdings verboten, denn die Jugendlichen und jungen Erwachsenen sollen ein gutes Leben nach den Grundsätzen des Islam führen. Dies bedeutet aber nicht, dass Mädchen und Jungen voneinander getrennt sind oder das Kopftuch vorgeschrieben wäre. Vielmehr gehen junge Männer und Frauen entspannt miteinander um, und die Mädchen sorgen für die effektive Planung der gemeinsamen Aktivitäten.

Schon zeigen sich erste Früchte, denn die Fußballmannschaft der Gemeinde hat in den letzten Monaten bei Turnieren bereits drei Pokale gewonnen.

Für Deniz, die sich erst in letzter Zeit verstärkt mit dem Islam beschäftigt hat, steht „das reine Herz“ im Zentrum ihrer Religion. Der Islam, der die Gemeinschaft im Blick habe, sei eine „warme Religion“. Nicht die rigide Erfüllung der Gebote sei wesentlich: „Ich sehe das nicht so als Muss. Es ist dem Herz überlassen, was der Mensch tut.“

DiTiB e.V.

DITIB - zu deutsch: Türkisch-Islamische Union der Anstalt für Religion e.V. – wurde 1984 in Köln nach bürgerlichem Recht für die Koordinierung der religiösen, sozialen und kulturellen Tätigkeiten der angeschlossenen Vereine als bundesweiter Dachverband gegründet. Im Gründungsjahr waren 230 Vereine angeschlossen, mittlerweile sind es 896. Die angeschlossenen Ortsgemeinden sind rechtlich und wirtschaftlich selbstständige eingetragene Vereine, die die gleichen Prinzipien und satzungsgemäßen Zwecke der DITIB verfolgen und die DITIB als Dachverband anerkennen. DITIB ist heute die mitgliederstärkste Migrantenorganisation in der Bundesrepublik Deutschland und ist zu einem anerkannten Glied in der Kette der anderen Anstalten und Einrichtungen mit religiöser und sozialer Zielsetzung in der Bundesrepublik Deutschland, und so zu einer wichtigen Säule der Gesellschaft, geworden. Umfragen zufolge, vertritt die DITIB über 70% der in Deutschland lebenden Muslime.

Der Vorstand der DiTiB-Moschee: (hinten, von links) Ali Basaran, Murat Bedir, Telat Baskaya, Mehmet Onay, Ali Güleryüz. ... Foto: Foto:
Die Jugendgruppe der DiTiB-Moschee leiten 2. Vorsitzender Emran Zini (links) und 1. Vorsitzende Deniz Mesekoparan.STEFAN... Foto: Foto:

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