REGION WÜRZBURG

Ethiknetzwerk berät Angehörige, Ärzte und Pflegekräfte

Der Vorstand des Ehtiknetz Mainfranken (von links): Peter Hofmann, Dr. med. Jochen Scheidemantel, Prof. Dr. med. Birgitt van Oorschot, Christian Meyer-Spelbrink, Dr. theol. Sebastian Schoknecht. Foto: Traudl Baumeister

Der Patient, der in die Palliativstation eingeliefert wird, ist über 90 Jahre, schwer dement und mag nicht mehr essen. Er wurde am Wochenende aus dem Seniorenheim auf Veranlassung eines Notarztes eingeliefert. Der Betroffene selbst kann sich nicht mehr äußern. Der Hausarzt, der ihn im Heim vor Ort betreut, kennt ihn schon lange. Ebenso wie sein Sohn, gleichzeitig auch der gesetzliche Betreuer des Mannes. Und natürlich das Personal des Heimes, in dem er lebt. Aber wie soll das Krankenhaus vorgehen? Ist die Magensonde, bei kurzzeitigen Essensproblemen meist ein Segen, in diesem Fall das richtige Mittel? Wie soll es danach eigentlich weitergehen mit dem betagten Herrn? Welches Ziel soll die Therapie mit der Sonde haben?

Ethische Fragestellungen

Das sind Fragen, die zu beantworten das kürzlich gegründete Ethiknetz e.V. im Raum Würzburg helfen will. Vor allem die raschen Fortschritte in der Medizin, machen das Ethiknetz notwendig, sagen die Gründer. Denn durch die neuen technischen Möglichkeiten entstehen ethische Fragestellungen, die es vorher nicht gab.

Das multiprofessionell aufgestellte Netzwerk aus Medizinern, Theologen, Philosophen und Pflegefachkräften berät in der Region ehrenamtlich Angehörige, Ärzte oder Pflegepersonal und moderiert bei ethischen Fragen in Fällen wie oben beschrieben, Gespräche zwischen allen Beteiligten.

Palliativer Behandlungsplan

Die Vorsitzende des neuen Vereins, Prof. Dr. Birgitt van Oorschot, Leiterin des Interdisziplinären Zentrum Palliativmedizin an der Würzburger Uniklink erläutert, dass am Ende der gemeinsamen Runden ein palliativer Behandlungsplan stehen soll.

Was kompliziert klingt, fasst sie kurz zusammenfassen: „Die Frage lautet: Was kann ich dem Betroffenen Gutes tun, was ist sinnvoll und auf welche überflüssigen und belastenden Maßnahmen sollte verzichtet werden.“ Ziel soll sein, die Menschen gut und den eigenen Vorstellungen entsprechend zu versorgen, aber möglichst wenig zu belasten.

Obwohl die behandelnden Ärzte gerade das permanent im Blick haben, kann es trotzdem schwer umzusetzen sein. Geht es bei schwer kranken Menschen um lebensverlängernde Maßnahmen, prallen manchmal sehr unterschiedliche Meinungen aufeinander. Angehörige, Ärzte und Pfleger können uneins sein, völlig verschiedene Vorstellungen haben.

Auf der einen Seite stehen der medizinische Fortschritt und die Möglichkeiten der Medizintechnik, auf der anderen der schwerkranke Mensch und seine individuellen Bedürfnisse. Dazwischen all diejenigen, die mit seiner Pflege, Gesundheit und seinem Wohlergehen betraut sind. „Und an den Schnittstellen hapert es oft“, sagt van Oorschot.

Da gilt es oft, rein organisatorische und logistische Probleme zu lösen. „Was nützt ein Therapieplan, der zwar im Krankenhaus funktioniert, aber zu Hause oder in der Pflegeeinrichtung nicht umzusetzen ist“, erläutert van Oorschot. Hinzu kommt, dass beispielsweise Pflegepersonal und Hausarzt mit dem Krankenhauspersonal nicht im Austausch sind .

Diese Lücke schließt das Ethiknetz, indem es alle Beteiligten zusammenholt. Moderiert wird ein solches Treffen jeweils von zwei Beratern. Einem, der ausgebildet ist in Beratung und Moderation von Gruppengesprächen und einem, der wenigstens eine der beiden Ausbildungen hat. Zudem sind diese Zweierteams interdisziplinär, das heißt, die Berater haben stets unterschiedlichen beruflichen Hintergrund. Ziel der 45-minütigen Gespräche ist, Handlungsleitlinien für alle Eventualitäten zu entwickeln. Immer individuell an den Betroffenen und dessen Bedürfnisse angepasst. „Einfache Regeln oder ein Vorgehen nach einem bestimmten Schema gibt es nicht“, stellt Jochen Scheidemantel klar, der Leiter des Ethikkomitees im Ethiknetz. Vermeiden lasse sich mit Hilfe des Ethiknetzes beispielsweise, erklärt sie, dass schwerkranke Menschen wiederholt am Lebensende ins Krankenhaus eingeliefert werden. Eine Veränderung im Umfeld, die Menschen mit Demenz sehr belastet und oftmals den Verlauf der Krankheit stark beschleunigt.

Gegründet hat sich das Ethiknetz Mainfranken Anfang November, in der Palliativakademie des Juliusspitals Würzburg.

Zum stellvertretenden Vorsitzenden wurde Christian Meyer-Spelbrink (Pflegedienstleister Matthias-Claudius-Heim Würzburg) gewählt. Dr. theol. Sebastian Schoknecht (Pressesprecher Caritas WÜ) übernahm das Amt des Schriftführers, Peter Hofmann, Steuerberater i.R., fungiert als Kassier und Dr. med. Jochen Scheidemantel (Anästhesist i.R.; B.A. Phil.) ist Leiter des EthikKomitees. Insgesamt schlossen sich bei der Gründungsversammlung zwölf Mitglieder dem Verein an.

Die Hotline des Ethiknetzes Mainfranken ist Montag bis Freitag, von 8 bis 12 Uhr, zu erreichen unter Tel. (09 31) 39 32 281. Anrufer können dort ihre Kontaktdaten hinterlassen, die Berater rufen dann zurück.

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