WÜRZBURG

Etikettenschwindel im Discounter-Regal

Geschwärzt: Marina Schmidt kaufte bei einem Würzburger Discounter Bier, dessen Mindesthaltbarkeitsdatum von Hand übermalt war. Foto: Thomas Obermeier

Das Pferdefleisch in der Lasagne ist noch nicht verdaut. Die Empörung über als „Bio“ deklarierte Eier aus tierquälerischer Haltung ist noch groß. Der Ärger über Schimmel im Tierfutter dauert an. Und schon gibt es einen neuen Aufreger: In einer Würzburger Filiale eines bundesweit vertretenen Discounters wurde Bier gefunden, dessen Mindesthaltbarkeitsdatum (MHD) nicht nur mindestens drei Monate überschritten, sondern auch noch von Hand geschwärzt war.

Studentin Marina Schmidt hatte am 2. Februar Gäste und kaufte deshalb einen Kasten des Discounter-Bieres. „Es schmeckte merkwürdig“, erinnert sich die 22-Jährige, „ganz anders als sonst“. Auch ihre Freunde waren von dem Gerstensaft nicht begeistert. Ein Blick aufs Etikett verriet, warum: Das MHD war abgelaufen, der Aufdruck ganz offensichtlich von Hand mit einem Eddingstift übermalt worden. Die Studentin beseitigte die schwarze Farbe mit Nagellackentferner. „Das genaue Datum war nicht lesbar“, erzählt sie im Gespräch mit der Redaktion, „aber dass das Bier 2012 abgelaufen ist, war deutlich zu erkennen“.

Ein Testkauf der Redaktion in dieser Discounter-Filiale zeigte, dass hier auch noch fast drei Wochen später, am Donnerstag, 21. Februar, um 11.45 Uhr Bier mit dem Mindesthaltbarkeitsdatum 5. November 2012 verkauft wurde. Bei den meisten dieser Flaschen war der Datumsaufdruck schwarz übermalt, bei ein paar davon war er noch erkennbar.

Nachdem der Testkäufer die Filialleiterin auf die Merkwürdigkeiten im Bierregal angesprochen hatte, wurde offenbar Abhilfe geschaffen. Auf jeden Fall waren am frühen Abend des 21. Februar die alten Flaschen aus dem Laden verschwunden und es gab nur noch Bier mit langer „Laufzeit“.

Jörg Hueber, der unterfränkische Verkaufsleiter des Discounters, kann sich nicht erklären, wer das MHD geschwärzt hat. „Von Seiten unseres Unternehmens ist das sicherlich nicht passiert“, sagt er. Laut Hueber wird in jeder Filiale täglich eine „MHD–Kontrolle durchgeführt“. Artikel, deren MHD binnen drei Tage abläuft, würden entsprechend kenntlich gemacht und im Preis reduziert, sagt er. Ware, deren MHD überschritten ist, werde sofort vernichtet.

Für Winfried Ueckert, Chef des „Gesundheitlichen Verbraucherschutzes“ der Stadt Würzburg, ist das Übermalen des MHD eine „klare Irreführung des Verbrauchers“ und „nicht rechtskonform“. Dem Discounter drohe nun ein Ordnungswidrigkeitsverfahren und ein Bußgeld, sagt er.

Laut Ueckert legen Brauereien das MHD für ihre Biere „auf der Grundlage ihrer Produktionsmethoden und eigener Tests“ selbst fest. Bis das MHD abgelaufen ist, so der Veterinärdirektor, garantiere der Hersteller die Qualität der Ware. Ist das MHD überschritten, sei das Produkt „nicht automatisch verdorben“. Deshalb dürfe der Händler es auch weiterhin verkaufen. Allerdings übernehme nun er die Verantwortung für die Qualität der Ware und müsse sicherstellen, dass sie „noch immer einwandfrei“ ist. Außerdem sei der Händler verpflichtet, den Verbraucher darauf hinzuweisen, dass das MHD überschritten ist. Wie lange Ware nach MHD-Ablauf verkauft werden darf, ist laut Ueckert nicht gesetzlich geregelt.

Um den Verbraucherschutz zu gewährleisten, sei die Überprüfung von Mindesthaltbarkeitsdaten „Bestandteil der regelmäßigen Betriebskontrollen“, erklärt der Veterinärdirektor. Die Kontrollfrequenz liege zwischen drei und 24 Monaten. „Betriebe, die sensible Lebensmittel verkaufen, werden in der Regel mindestens zwei Mal jährlich überprüft“. Bier gilt nicht als „sensible“ Ware.

„Gesicherte wissenschaftliche Erkenntnisse, wie lange Bier nach Ablauf des MHD noch genießbar ist“, gibt es nach Ueckerts Worten nicht. Grundsätzlich könne man aber sagen, dass sich „helles Bier schneller verändert als dunkles“. Geschmackliche Veränderungen seien jedoch in den seltensten Fällen gesundheitsgefährdend.

Marina Schmidt und ihre Freunde haben den Genuss des alten Discounter-Bieres unbeschadet überstanden. „Wir haben aber alle nur wenige Schlucke getrunken“, sagt die Studentin.

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