WÜRZBURG

Fast 400 Menschen wandten sich 2012 erstmals an den Verein Wildwasser

Böse Geheimnisse: Mit einer Kampagne, die im vergangenen Jahr von Wildwasser Würzburg auf den Weg gebracht wurde, sollen Kinder laut Wildwasser-Beraterin Susanne Porzelt ermutigt werden, einander schöne Geheimnisse anzuvertrauen – und mit „bösen Geheimnissen“ zu Erwachsenen zu gehen. Foto: Pat christ

Rund 390 Ratsuchende kontaktierten den Verein Wildwasser im vergangenen Jahr erstmals. Manche von ihnen wollten Informationen über sexuellen Missbrauch. Andere fragten bei den Expertinnen der Fachstelle um Krisenintervention nach. In den meisten Fällen erbaten jedoch Opfer oder nahe Bezugspersonen von Opfern Beratung. Über 200 neue Beratungen liefen 2012 an. Zusammen mit den Beratungsfällen aus den Vorjahren begleitete Wildwasser 280 Mädchen, Jugendliche und erwachsene Frauen.

Beim Thema Missbrauch müssen noch immer Vorurteile aus dem Weg geräumt werden. Zwar gibt es kaum jemanden mehr, der bestreiten würde, dass Missbrauch vorkommt. Und zwar gar nicht so selten. „Doch das geschieht immer irgendwo ganz weit weg“, sagt Beraterin Elisabeth Kirchner.

Missbrauch in unmittelbarer Nähe halten die meisten Menschen für ausgesprochen unwahrscheinlich. Doch sexuelle Gewalt erleben Kinder und Jugendliche tatsächlich überall. In Einrichtungen. Sportvereinen. In der eigenen Familie. Die Wildwasser-Statistik belegt Jahr für Jahr wieder: Missbrauch kommt erschreckend häufig vor. Und zwar selbst im kleinsten Dorf.

„Es gibt Mädchen, die eine einmalige Handlung völlig aus der Bahn wirft.“
Susanne Porzelt Beraterin bei Wildwasser

Auch sind keineswegs nur Mädchen aus zerrütteten Familienverhältnissen betroffen. In Familien, die nach außen völlig intakt erscheinen, kann es genauso wie in „Unterschichtfamilien“ zu sexueller Gewalt kommen. Nicht selten sind Väter die Täter. Über alle 2012 bei Wildwasser registrierten Missbrauchsfälle hinweg war dies zu 20 Prozent der Fall.

In den Beratungsgesprächen berichteten die Klientinnen aber auch von Missbrauch durch den Partner der Mutter, einen Onkel oder Cousin, durch einen Freund der Familie oder einen Nachbarn. Sechs Mädchen, die von Wildwasser beraten wurden, erlebten sexuelle Gewalt durch Frauen. In drei Fällen war es die eigene Mutter.

Kinder, die sexuell missbraucht werden, senden oft nonverbale Hilferufe aus. Doch die sind diffus und schwer zu interpretieren. Aufmerksam werden Erwachsene laut Beraterin Susanne Porzelt oft, wenn sie beobachten, dass sich Kinder sehr stark für sexuelle Themen interessieren: „Teilweise haben die Mädchen auch ein Wissen von sexuellen Handlungen, das absolut nicht altersgemäß ist.“

Die Folgen lassen sich nicht absehen. Manche Opfer von sexuellem Missbrauch versteinern emotional. Andere werden plötzlich auffallend extrovertiert. Kircher: „Es gibt Mädchen, die eine einmalige Handlung völlig aus der Bahn wirft.“ Andere erlebten wiederholte sexuelle Gewalt gleich durch mehrere Täter: „Doch von außen sieht man ihnen überhaupt nichts an.“ Wildwasser berät Erwachsene, die hinter dem Verhalten eines Mädchens Missbrauch vermuten. So gibt es Tipps, wie man mit dem Kind in Kontakt kommen könnte. Eine 2012 gestartete Kampagne von Wildwasser macht Kindern Mut, sich mit „bösen Geheimnissen“ an Erwachsene zu wenden.

Wildwasser

Knapp 390 Menschen kontaktierten Wildwasser Würzburg im vergangenen Jahr erstmals. In über 200 Fällen wurde neu um Beratung gebeten. Nachgefragt wurden aber auch Krisenintervention, Therapie, Selbsthilfe, rechtliche Informationen, Fortbildung, Verdachtsabklärungen und Prävention.

Die Mitarbeiterinnen von Wildwasser können montags bis donnerstags von 13 bis 14 Uhr und zusätzlich dienstags von 16 bis 18 Uhr sowie donnerstags von 9 bis 11 Uhr unter Tel. (09 31) 13287 erreicht werden. Offene Beratungszeit für Mädchen ist dienstags von 14 bis 16 Uhr in der Wildwasser-Geschäftsstelle Würzburg in der Kaiserstraße 31.

Eine Anmeldung hierfür ist nicht erforderlich. Text: Pat

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