Würzburg

Festakt: 150 Jahre SPD in Würzburg

Auf eineinhalb Jahrhunderte Sozialdemokratie in Würzburg können die Genossen mittlerweile zurück blicken.  Am Samstag  wird mit Natascha Kohnen und Ralf Stegner gefeiert.
Eine eindrucksvolle Kulisse bot sich dem Redner beim Besuch des SPD-Parteivorsitzenden Willy Brandt im Oktober 1982 auf dem oberen Markt in Würzburg. Foto: Galvagni

Da sitzt Hans Werner Loew und schaut bleich und leer. Die Würzburger haben ihm, dem kantigen Sozialdemokraten und Landtagsabgeordneten, einen Schlag verpasst, von dem er sich lange nicht erholen wird. Oberbürgermeister hat er werden wollen an diesem 10. März 1996, abgefertigt haben sie ihn mit 13,6 Prozent. Ein paar Stunden später ist das Ergebnis der Stadtratswahl ausgezählt, das ist der nächste Schlag: nur noch zehn der 50 Sitze für die SPD. Zu vierzehnt waren sie nach der Wahl von 1990, 19 nach der Wahl von 1984.

Es sollte wieder besser werden. Es sollte noch schlimmer kommen.

Genossinnen und Genossen der Würzburger SPD gratulieren Ende November 2017 in der Aula der Klara-Oppenheimer-Schule in Würzburg beim Stadtparteitag der neuen Vorsitzenden Katharina Räth zu ihrer Wahl. Links neben ihr ihr Vorgänger im Amt, Muchtar Al Ghusain, dahinter halb verdeckt Alexander Kolbow, Fraktionsvorsitzender der SPD im Würzburger Stadtrat.  Foto: Daniel Peter

Immer, wenn die Lage finster ist und die Aussichten schlecht sind, erinnern die Sozialdemokraten sich an Zeiten, in denen sie um mehr kämpfen als um öffentliche Ämter: um die Freiheit und ums Leben. So halten es auch die Würzburger Genossen. Die 150-Jahr-Feier an diesem Samstag kommt gerade recht nach dem 10,9-Prozent-Debakel in der Landtagswahl.

Die Würzburger SPD ist in die Geschichte hineingestolpert

Die Würzburger SPD ist in die Geschichte hineingestolpert. Der Historiker Klaus Schönhoven berichtet von der Gründung eines Arbeitervereins am 30. November 1868. Mehr als eine Forderung nach direkten und geheimen Wahlen bringt der Verein nicht zu Stande, dann versinkt er im Chaos.

Würzburg scheint nicht geschaffen zu sein für eine starke Arbeiterorganisation. 1863 schreibt Oberbürgermeister Georg Zürn, in der Stadt reckten sich mehr Kirchtürme als Fabrikschlote in den Himmel. Industriearbeiter sind in der Minderzahl, große Fabriken hat Würzburg nur mit dem Eisenbahnwagenbauer Noell am Rennweg und dem Druckmaschinenhersteller Koenig & Bauer in Oberzell. Die Gründer des Arbeitervereins sind vor allem Handwerksgesellen aus kleineren Betrieben. Die Bezeichnung "Arbeiter" im Vereinsnamen weist laut Schönhoven nicht auf die soziale Herkunft der Vereinsmitglieder hin, "wohl aber auf ihr verändertes Bewusstsein".

Ohne Bürgerrechte dürfen Arbeiter nicht wählen und gewählt werden

Arbeiter sind keine Bürger. Wer Bürger Würzburgs sein will, muss Mann, Bayer und selbstständig sein, direkte Steuern zahlen und das Bürgerrecht erwerben. Die Aufnahmegebühr ins Bürgertum beträgt im Jahr 1869 für Zugezogene 82 Mark und für eingesessene selbstständige Bürgersöhne 65 Mark. Arbeiter können sich das nicht leisten. Ohne Bürgerrechte dürfen sie nicht wählen und sich nicht wählen lassen. 1908, zur Reichstagswahl, besitzen nur 4050 von 95.000 Würzburgern das aktive und passive Wahlrecht.

Die Würzburger Ur-Sozialdemokratin Gerda Laufer mit dem Regierenden Bürgermeister von Berlin, Willy Brandt (rechts), im Jahr 1964. Foto: Walter Röder

Die Arbeiter arbeiten ohne Arbeitnehmerrechte, bis zu hundert Stunden und mehr in der Woche für einen Hungerlohn. 1893 bekommt ein Holzarbeiter für eine 60-Stunden-Woche 17,96 Mark. Schönhoven zufolge kostet allein der wöchentliche Lebensmittelbedarf einer vierköpfigen Familie 18,24 Mark. Die Arbeiter schaffen Wohlstand für die Eigentümer von Kapital und Produktionsmitteln und sind doch bettelarme Leute. Und das Königreich, die Fabrikbesitzer, das Bürgertum, der Adel und die mächtige katholische Kirche haben ein großes Interesse daran, dass das so bleibt.

Seit 1848, dem Jahr der gescheiterten bürgerlichen Revolution, versuchen Würzburger Arbeiter, sich zu organisieren. Sie gründen Gewerkschaften, Bildungs-, Turn- und Gesangsvereine, sammeln Geld, um Bürgerrechte zu erwerben, werden bedrängt, verfolgt und verboten.

"Gegen die gemeingefährlichen Bestrebungen der Sozialdemokratie"

Die Würzburger SPD könnte ihr 150-Jähriges auch in fünf Jahren feiern. Denn am 24. März 1873 gründen 40 Männer in der Stadt einen sozialdemokratischen Verein, die Sozialdemokratische Arbeiterpartei (SDAP). Ein Jahr später beteiligen sie sich an der Reichstagswahl an. "Obwohl vor allem katholische Geistliche von ihren Predigtstühlen ‚Blitz und Donner‘ gegen die sozialdemokratischen ‚Sendboten der Hölle‘ schleuderten", berichtet Schönhoven, übertraf die Würzburger SDAP mit 5,8 Prozent der Wählerstimmen das gesamtbayerische Ergebnis von 2,8 Prozent recht deutlich.

31. März 1958: Willy Brandt trägt sich in das Goldene Buch der Stadt Würzburg ein. Brandt war damals Regierender Bürgermeister von Berlin. Foto: Röder

Am 21. Oktober 1878 versucht Reichskanzler Otto von Bismarck, die Arbeiterbewegung und ihre Organisationen zu zerschlagen, mit dem Gesetz "gegen die gemeingefährlichen Bestrebungen der Sozialdemokratie". Auch in Würzburg löst die Polizei Arbeiterverbände auf, verbietet die Parteizeitung "Würzburger Volksfreund", durchsucht Häuser, beschlagnahmt und verhaftet. Die Sozialdemokraten gründen die Sängergesellschaft "Frohsinn" als informellen Treffpunkt, alle führenden Genossen sind dabei.

Gerda Laufer: Im sozialdemokratischen Milieu aufgewachsen

Die Arbeiter und Sozialdemokraten in Würzburg schaffen ihr eigenes, ein rotes Milieu, das das Sozialistengesetz ebenso übersteht wie die tödliche Verfolgung durch die Nationalsozialisten. Gerda Laufer zum Beispiel, geboren 1910 im Mainviertel, eine der bedeutendsten Persönlichkeiten in der Geschichte der Würzburger SPD - Stadträtin, Bezirksrätin und Landtagsabgeordnete - ist in diesem sozialdemokratischen Milieu aufgewachsen: Naturfreunde, Arbeitersportbund, die Jugendorganisation Die Falken, Arbeiterwohlfahrt, Arbeiter-Samariter-Bund, Gewerkschaften - ihr ganzes Leben, berichtete sie, war rot. In der Stadtratswahl von 1972 holte sie die meisten Stimmen aller Kandidaten, ihre SPD eroberte 20 Sitze, nur vier weniger als die CSU. Das war das große Jahr der Würzburger Sozialdemokraten. Mit Klaus Zeitler stellten sie den Oberbürgermeister, in der Bundestagswahl holten sie 40,1 Prozent. Auf 17,7 Prozent kam sie in der Bundestagswahl 2017.

Den Besuch von Bundesminister Dr. Hans-Jochen Vogel (zweiter von rechts) nahmen Bruno Friedrich (links), MdB, Oberbürgermeister Dr. Klaus Zeitler (rechts) und Gerda Laufer, MdL (zweite von links) im Februar 1974 zum Anlass, konkrete Würzburger Probleme, die der Hilfe des Bundes bedürfen, anzuschneiden, hieß es unter diesem Bild. Und einen Bocksbeutel gab es auch. Foto: Hans Heer

1996, nach dem Debakel in der Kommunalwahl, untersuchten die Würzburger Genossen den Grund für ihren Niedergang. Eine Umfrage brachte Deprimierendes zu Tage: "Ein schlimmes Zeichen ist, dass knapp 33 Prozent (der Befragten, d. Red.) überzeugt sind, die SPD wirke hochmütig und überheblich." Ebenso viele meinten, die Partei kümmere sich zu wenig um "die kleinen Leute".

"Gravierende Verluste bei der sozialdemokratischen Milieuwählerschaft"

Der "Langzeitwählerschwund", bilanzierten die Genossen, resultiere "aus einer Wegbewegung von Teilen der Wechselwählerschaft neumittelständischen Zuschnitts". Die "gravierenden Verluste bei der sozialdemokratischen Milieuwählerschaft" seien die Folge einer "Verdrossenheit wegen unklaren politischen Kurses in Sachen Asyl, (…), Arbeit und Sozialem". Der "sozialdemokratische Boden" in Würzburg sei "erodiert", das "angestammte sozialdemokratische Milieu befindet sich in Auflösung". Es habe sich "durch Wandlung der Erwerbsstrukturen, Bildungsexpansion und Wertewandel" auf "seinen Kern reduziert". Die alten Milieus seien "auch in Würzburg größtenteils wegmodernisiert", die "Mechanismen milieugebundener Vererbung politischer Überzeugungen" sei "weithin außer Funktion".

Wesentliche Erkenntnisse aus dieser Studie sind gültig bis heute. Aber politisch umsetzen konnten die Sozialdemokraten sie nicht. In der Stadtratswahl von 2002 verloren sie einen weiteren Sitz, 2008 holten sie ihn nicht zurück. Immerhin machten die Würzburger 2008 den Genossen Georg Rosenthal zum Oberbürgermeister. Der hatte allerdings auf seinen Wahlplakaten ohne SPD-Logo für sich geworben. Seit 2014 hat die SPD wieder zehn Sitze im Rat, aber den OB-Sessel musste sie räumen.

An diesem Samstag wird gefeiert

Selten hatte die Würzburger SPD ein Besinnen auf vergangene Stärken so nötig wie nach ihren Abstürzen in den letzten Wahlen. Die 150-Jahr-Feier an diesem Samstag in der Franz-Oberthür-Schule, mit der stellvertretenden SPD-Bundesvorsitzenden Natascha Kohnen und ihrem Amtskollegen Ralf Stegner, beginnt um 17 Uhr.

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