WÜRZBURG

Festakt zur Eröffnung von „Würzburg liest ein Buch“

Die Gewinner(innen) des Vorlesewettbewerbs durften beim Eröffnungsfestakt von „Würzburg liest ein Buch“ auf die große Bühne (von links): Cecilie Reckhorn, Henri Nickola, Dyana Rehehäuser, Elias Rosenberger und Maja Reichert. Foto: Alle Theresa Müller

Jakob Wassermanns 1926 erschienene Novelle „Der Aufruhr um den Junker Ernst“ ist kein schönes Buch. Nicht nur weil es in finsteren Zeiten, nämlich in Würzburg zur Zeit der Hexenverfolgung, spielt, sondern auch weil es in einer durchaus nicht ganz einfach zu lesenden Sprache geschrieben ist.

Dennoch haben die Organisatoren der Aktionswoche „Würzburg liest ein Buch“, die am Freitagabend mit einem Festakt in der Stadtbücherei eröffnet wurde, einen guten Griff getan, indem sie dieses „schwierige“ Buch auswählten. Es hat nämlich auch heute noch eine ganze Menge zu sagen, wie sich im Rahmen der Eröffnungsfeier zeigte.

„Einen höchst abwechslungsreichen Abend“ versprach Moderatorin Pauline Füg, die souverän und locker durchs Programm führte, den Besuchern in der „ausverkauften Hütte“. Der sollte es dann auch werden, wozu sie mit einem eigenen Spoken-Word-Text auch selbst beitrug. Aber dazu später.

Rund 100 Veranstaltungen befassen sich in dieser Woche mit dem Text über den Junker Ernst und der Person Jakob Wassermanns. Aber auch die Zeit der Handlung des Buches, als in und um Würzburg Hexen verfolgt und verbrannt wurden, wird einer kritischen Betrachtung unterzogen. Vor allem auch unter dem Aspekt, dass in jüngster Zeit historische Dokumente entdeckt wurden, die insbesondere die Person des Fürstbischofs Julius Echter, dem das Image eines brutalen Hexenverfolgers anhaftet, in einem anderen Licht erscheinen lassen.

Parallelen zur Gegenwart

Was aber nichts daran ändert, dass die Zeit der Hexenverfolgung auch im Hochstift Würzburg eine düstere war. Eine Zeit, die geprägt war von Vorurteilen und Ressentiments, wie Oberbürgermeister Christian Schuchardt, der Schirmherr der Lesewoche, feststellte.

Einige Veranstaltungen, die im Rahmen der Lese-Woche stattfinden

Und es waren in Wassermanns Novelle die jungen Leute, die sich zusammentaten, um den Junker Ernst aus dem Gefängnis zu befreien. So wie es auch heute eine junge Generation gebe, die gegen Fundamentalismus, Ausgrenzung und Rassismus aufsteht, so Schuchardt. Es lohne sich also das Buch des deutschen Juden Wassermann, dessen Bücher von den Nationalsozialisten verboten wurden, zu lesen und die darin enthaltenen Parallelen zur Gegenwart zu betrachten.

Ob er denn das Buch mit auf eine einsame Insel nehmen würde, fragte Pauline Füg ihn und Sybille Linke, der Leiterin des Fachbereichs Kultur, in einer, wie sie es nannte, „kleinen intellektuellen Talkshow“. Schuchardt bejahte die Frage, denn „man möchte das Buch, das man sich erst erarbeiten muss, mehrfach lesen“. Sybille Linke sprach sich indes für einen „Überlebensführer“ aus, der „Junker Ernst“ käme für sie eher nicht in Betracht.

Einig waren sich der OB und die Kulturmanagerin darin, dass die Lesewoche ein gutes und wichtiges Beispiel dafür ist, wie man Kultur in den Alltag der Stadtgesellschaft transportieren könnte. Auch bei ihrem Lieblingscharakter im Buch waren sich beide einig und sprachen sich für Theodata von Ehrenberg aus, die Mutter des Junker Ernst, die in der Erzählung auf der Festung inhaftiert ist und dort im Beisein ihres Sohnes gefoltert wird.

Festvortrag von Hans Steidle

„Denkt euch drei Jahrhunderte zurück“ war der Vortrag des Historikers Hans Steidle überschrieben, in dem er sich ausführlich mit Buch und seinen Auswirkungen auseinandersetzte. Steidle beschrieb Wassermann, den Sohn eines jüdischen Fabrikanten, als einen Menschen, der sein Leben lang unter dem hasserfüllten Antisemitismus litt, der ihn in der deutschen Literatur ausgrenzte, obwohl er Fürsprecher wie Thomas Mann hatte.

Würzburg kannte er von einem Besuch im Jahr 1890 bei seinem Vater, der hier als Versicherungsagent tätig war, nachdem seine Fabrik in Fürth ruiniert war. Auch seinen Militärdienst absolvierte Wassermann in Würzburg. Darüber schrieb er harsche Sätze: „Zum ersten Mal begegnete ich jenem in den Volkskörper eingedrungenen dumpfen starren, fast sprachlosen Hass, von dem der Name Antisemitismus fast nichts aussagt“.

Und weil er diesen Hass in Würzburg erfuhr habe sich Wassermann „auch die Atmosphäre der Region und der Stadt, die winkeligen und dunklen Gassen um den beherrschenden Kiliansdom die dunkle, dumpfe abergläubische Mentalität einer ungebildeten und unterdrückten Bevölkerung in einer geduckten Stadt“ gut ausmalen können, so Steidle. Als der Junker Ernst am Ende der Erzählung von revoltierenden Jugendlichen befreit wird, wollen die von ihm, dem begnadeten Erzähler, neue Geschichten hören. Doch Ernst kann nicht.

Pauline Fügs Antwort aufs Buch

Mit diesem Ende lasse Wassermann den Leser mit der offenen Frage zurück, „welche Geschichten heute erzählt werden sollten, welche Literatur eine zunehmend zerrissene Gesellschaft, in der sich der deutsche Hass aus den dunklen Gassen Bahn bricht an die Öffentlichkeit, ins Internet der Hassbotschaften, die Versammlungen und die Brandanschläge gegen Flüchtlingsunterkünfte“, so Hans Steidle.

Dieses offene Ende der Erzählung griff Pauline Füg für ihren Text „Jetzt noch nicht und nicht mehr so wie einst“ auf, in dem sie den Erzählfaden aufnimmt und dem Junker Ernst wieder eine Stimme gibt. Sie tut dies in der ihrer eigenen Art eines stark rhythmisierten Vortrags, der unweigerlich in den Bann zieht. Und der Text ist exakt, was sie versprochen hat – eine Antwort auf das Buch. Nachzusehen und zu -hören ist dieses wunderschöne Stück Literatur auf der Facebook-Seite von „Würzburg liest ein Buch“.

Natürlich gehören zu einem Festakt auch Auszeichnungen: So durften fünf Schulklassen Preise für ihre Arbeiten entgegennehmen, die sie für den Schulwettbewerb eingereicht hatten. Ausgestellt werden die Arbeiten ab Dienstag, 12. April, in der Sparkasse Mainfranken in der Hofstraße.

Mit ihren Siegertexten durften die fünf Gewinner des Vorlesewettbewerbs auf die Bühne. Als Kulisse dienten ihnen eigens angefertigte Street-Art-Figuren von den wichtigsten Personen der Novelle. Musikalisch gestalteten drei junge Sopranistinnen den Festakt mit anspruchsvollen Gesangswerken von Würzburger Komponisten, die von dem Buch inspiriert sind.

Moderatorin Pauline Füg als Spoken-Word-Artistin.
Hans Steidle erläutert Jakob Wassermanns Novelle.
„Kleine intellektuelle Talkshow“ mit Pauline Füg (links), Kulturamtsleiterin Sybille Linke und Oberbürgermeister Christian Schuchardt.

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