REGION WÜRZBURG

Fisch-Selbstmord und ästhetische Probleme

„Ich bin gekommen, weil an der Kürnach Schweinereien passieren und jetzt erfahre ich von Ihnen, dass es gar keine Schweinereien gibt.“ Der Lengfelder Peter Hartmann sprach in der Infoversammlung des Bürgervereins Lengfeld am Mittwoch aus, was viele Bürger dachten. „Nach dem was Sie sagen, frage ich mich, ob die Fische Selbstmord begangen haben,“ formulierte es der im Publikum anwesende Fischbiologe Bernd Tombek.

Themen der Veranstaltung waren das Fischsterben in der Kürnach im vergangenen Jahr sowie die dauerhafte Verschmutzung des Baches. Die es laut Martin Rätz, Abteilungsleiter Würzburg des Wasserwirtschaftsamtes, und Walter Bergmann vom Entwässerungsbetrieb der Stadt Würzburg gar nicht gibt. Bergmann: „Im Vergleich zu allen anderen Bächen im Stadtgebiet ist die Kürnach relativ sauber.“ Rätz: „Mit der Gewässergüte der Kürnach kann man zufrieden sein.“

Das waren die meisten der rund hundert anwesenden Bürger aus dem Kürnachtal aber nicht. Spaziergänger aus Lengfeld und Estenfeld berichteten, dass der Bach regelmäßig stinke und voller Klopapier sei. Werner Harbauer aus Kürnach hat ähnliches auf dem im vergangenen Jahr fertig gestellten Bachrundweg bemerkt. „Dort will man mit Infotafeln Kindern die Natur und die Bedeutung der Gewässer und ihren Schutz nahe bringen. Und daneben schwimmen Damenbinden und tote Fische vorbei.“

Andere Bürger bemängelten, dass die Missstände schon lange bekannt seien, ohne dass sich daran etwas ändere. „Sie schildern Ihre Bemühungen, aber wir können deren Erfolg vor der Haustür riechen“, erklärte ein Lengfelder.

Auf diese Vorwürfe gingen die Experten nicht ein. Sie erklärten das Klopapier im Bach für normal und allenfalls für ein „ästhetisches Problem“. Denn die Kürnach fungiere nun mal als „Vorfluter“. Das heißt, dass Starkregen, der Kanalnetz und Kläranlage überlasten würde, in den Bach fließt. Da im gängigen Mischsystem der Kanäle nicht zwischen Regen und Abwasser unterschieden wird, kommt so auch Abwasser in den Bach. Durch die zwischengeschalteten Regenüberlaufbecken soll dieses stark verdünnt werden. „Die Aufgabe Abwasser abzutransportieren wird die Kürnach immer haben“, stellte Rätz klar. „Fraglich ist nur die Qualität dieses Abwassers.“

Laut Rätz und Bergmann ist diese „prinzipiell“ gut. Für Naturschützer ist es dagegen zu viel Schmutz, der aus 21 Einleitungen in die zwölf Kilometer lange Kürnach fließt. Zugeben mussten die Wasserfachleute im Laufe des Abends, dass das Prinzip Regenüberlaufbecken nicht immer funktioniert. „Es gab an der Kürnach Vorkommnisse, die zu Schäden geführt haben“, räumte Rätz ein. „Allerdings ist es angesichts der Zahl der Einleitungen fast logisch, dass es zu Pannen kommt kann.“

Die Folgen schilderte Wolfgang Siklenat von der Fischereifachberatung Unterfranken: „Im Bach leben wenige Fische und ich kann nach zwei großen Fischsterben auch nicht raten, wieder neue einzusetzen, denn dieses wird wahrscheinlich wieder passieren.“

Bergmann beteuerte, dass die Einleitungen im Stadtgebiet Würzburg regelmäßig kontrolliert und überwacht würden. „Ich lege Wert darauf, dass der Entwässerungsbetrieb Würzburg nicht mit Estenfeld über einen Kamm geschoren wird. Wir erfüllen unsere Aufgaben.“

Was in Estenfeld schief gelaufen sein könnte, erklärte er so: Würden Regenüberlaufbecken nicht regelmäßig gewartet, könnte der Überlauf in das Kanalsystem verstopfen und so die gesamten Haushaltsabwässer in den Bach fließen. Auch Rätz vermutete, dass die Fische 2011 aufgrund eines „Problems der Wartung“ verendet waren. Die Staatsanwaltschaft Würzburg hat, wie berichtet, ihre Ermittlungen zu dem Umweltskandal noch nicht abgeschlossen.

Eine Stellungnahme von Estenfeld zu diesem Vorwurf gab es bei der Versammlung nicht, denn der Einladung von Bürgervereinsvorsitzender Andrea Angenvoort-Baier war kein Vertreter der Gemeinde gefolgt.

Zur Zukunft der Kürnach erklärte Siklenat, dass eine stärkere Kontrolle der vorhandenen Systeme durch die zuständigen Behörden nötig sei, um Wasserqualität, Fauna und Flora des Baches zu verbessern. „Allerdings sind die Regenüberlaufbecken nicht das einzige Problem.“

Zu wenig Naturbelassenheit am Ufer und zu viel Versiegelung von Grünflächen nannte Steffen Jodl, Geschäftsführer des Bund Naturschutzes Würzburg, zwei dieser anderen Probleme. „Diese ganze Problematik gilt natürlich nicht nur an der Kürnach.“

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