Würzburg

Fränkischer Bauer fordert radikaleren Protest

Erste Bilanz der Demo in Berlin aus regionaler Sicht. Eine Verbraucherberaterin pocht auf Umweltvorgaben. Der Bauernfunktionär fordert Ausgleichszahlungen und radikaleres Vorgehen.
Landwirte haben am Dienstag in Berlin unter anderem für mehr Mitspracherecht beim Insektenschutz und gegen die Verschärfung der Düngeverordnung protestiert. Ihre Forderungen treffen allerdings auch auf Gegenwind. Foto: Bernd von Jutrczenka, dpa

Mehrere tausend Landwirte auf fast 6000 Schleppern haben in Berlin gegen die Agrarpolitik der Bundesregierung demonstriert. Sie wollen "das Agrargesetz wieder auf Null setzen", wollen sich die aus ihrer Sicht vollkommen überzogenen Vorgaben zur Düngung oder zum Insektenschutz nicht gefallen lassen. Diese Ansagen wiederum rufen auch Kritiker auf den Plan.

Verbraucherberaterin: "Keinesfalls das Agrarpaket aufweichen!"

Es könne keinesfalls die Lösung sein, das von Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner (CDU) und Bundesumweltministerin Svenja Schulze (SPD) im September ausgehandelte Agrarpaket aufzuweichen,  findet die Lebensmittelchemikerin Kirsten Bähr, die als Umweltberaterin beim Verbraucherservice in Würzburg arbeitet. "Wir müssen strenge Umweltvorgaben haben", betont Bähr. Die Verbraucherberaterin findet deshalb auch die geplante Verschärfung der Düngeverordnung richtig, die für April 2020 geplant ist und die viele Landwirte aus der Region erzürnt.

"Es ist vordringlich, das Trinkwasser zu schützen und Düngung dafür einzuschränken", sagt Bähr mit Blick auf die 32 Prozent deutscher Ackerflächen, die überhöhte Nitratwerte aufweisen. Grünland-Flächen wiesen nur zu 8,6 Prozent überhöhte Nitratwerte auf, Siedlungsflächen nur zu 6,3 Prozent. Das sei doch ein hinreichender Indikator dafür, dass die Landwirtschaft im Wesentlichen für die Düngesünden verantwortlich sei. "Und der Verbraucher hat ja auch nichts davon, wenn er für die Aufbereitung von nitratbelastetem Wasser zahlt."

Eine Chemielaborantin der Landesanstalt für Umwelt misst den Nitratgehalt im Wasser. Je höher der Nitrat- und somit auch der Nitritgehalt in der Grundwasserprobe ist, desto intensiver ist die Färbung.  Foto: Uli Deck, dpa

Gleichwohl zeigt die Würzburger Umweltberaterin viel Verständnis für die Furcht der Landwirte vor Einkommensverlusten. Wer im Einklang mit der Natur produziere, produziere teurer und erwirtschafte weniger. "Respekt vor den Bauern reicht da nicht aus. Sie müssen ihr Einkommen erwirtschaften können; das ist klar."

Bähr sieht es deshalb auch als eine Aufgabe des Verbraucherservice an, die Bürger "mitzunehmen" in eine Zukunft, in der umweltverträglich produzierte Produkte teurer sind – und der Verbraucher sie dennoch kauft. Es könne nicht angehen, dass der Verbraucher die Einhaltung hoher Naturschutzauflagen von den heimischen Landwirten einfordere, dann aber importierte und möglichst günstig produzierte Lebensmittel beim Discounter kaufe.  

Ökobauern-Funktionär: Bevölkerung mitnehmen! Über Ausgleichszahlungen verhandeln!

Dem Bauern-Protest in Berlin steht auch Hubert Heigl, Vorsitzender der Landesvereinigung für den ökologischen Landbau in Bayern e.V. , kritisch gegenüber – obwohl er ja selbst Bauer ist. Aber Heigl hält Trinkwasserschutz für "prioritär" und die Düngevorgaben, die letztlich dafür sorgen sollen, dass die Nitratbelastung des Grundwassers nicht weiter steigt, für sinnvoll.

Er hält auch den Insektenschutz und deshalb den langfristig angepeilten Fast-Totalverzicht auf Pestizide für elementar. "Denn die Artenvielfalt nimmt ja ab; da braucht man nicht drumrumreden." Darauf zu dringen, dass die anspruchsvollen Umweltvorgaben, die aktuell in Deutschland gelten, wieder aufgeweicht werden, hält Heigl deshalb nicht für den richtigen Weg. 

Obst aus ökologischem Anbau ist teurer in der Produktion. Deshalb pochen Vertreter des Ökolandbaus seit Jahren auf mehr politische Unterstützung für diese Art der Landwirtschaft.  Foto: Hendrik Schmidt, dpa

Aber können denn Landwirte umweltverträglich produzieren und davon auch leben? Denn das ist ja die Sorge der meisten Protestierer in Berlin: dass beim Einhalten all der neuen Vorgaben die Einkommenssicherung auf der Strecke bleibt.  "Klar funktioniert das; der Ökolandbau zeigt ja, dass es geht", sagt Heigl. Er plädiert dafür, einen "neuen bayerischen Weg" zu beschreiten, der "aus bäuerlicher Landwirtschaft" eine "naturverträgliche Landwirtschaft" macht. Zu erwartende Ertragsverluste bei ökologischer Produktion müssten über "höhere Produktpreise" ausgeglichen werden. Das gehe allerdings nur, wenn die Bevölkerung mitmache – und das sei nicht sicher. Weshalb sich Heigl für gezielte Fördermaßnahmen der Landwirte durch den Staat stark macht. "Umweltverträglichkeit muss honoriert werden." 

Bauer aus den Haßbergen: Am besten Traktoren doppelreihig auf die Autobahn schicken!

Dass allerdings "die Politik" den deutschen Bauern wirklich zielführend helfen wird und kann – das zweifelt ein Biolandwirt aus den Haßbergen an. "Die Politik macht eine Verordnung nach der anderen", klagt der Mann, der aus Angst, als Buhmann zu gelten, seinen Namen öffentlich nicht lesen will. "Sie baut ein riesiges bürokratischen Monster auf, redet von Tierwohl, von Insektenschutz und vielem mehr."

Aber dann würden Handelsabkommen geschlossen, die Billigfleisch aus dem Ausland ins Land brächten, das unter ganz anderen Umständen produziert worden sei. "Wie soll da ein heimischer Landwirt wirtschaftlich Fleisch produzieren?", fragt sich der Bauer aus den Haßbergen. Denn: "Der Fleischpreis ist ja sowieso unter aller Sau." 

Diese Doppelzüngigkeit der Bundesregierung erzürnt den Ökolandwirt aus den Haßbergen so, dass er den Protest-Landwirten von Berlin gern ein "So nicht!" zurufen möchte. Allerdings nicht deswegen, weil der Mann aus den Haßbergen möchte, dass die Protestler den Protest beenden.

Vielmehr müssten die Proteste der Landwirte weitergehen, fordert er, ja sogar noch intensiviert werden – etwa, indem man bei einer Sternfahrt nicht nur den rechten Fahrstreifen, sondern die gesamte Autobahn lahmlege.  Eine weitere Idee: Die Abnehmer nicht mehr beliefern, so dass auf einmal die Milch im Supermarktregal fehle – dann erst würde der Verbraucher merken, wie es um die Landwirtschaft stehe.

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