ALBERTSHAUSEN

Fräulein Wiesenweihe ist zurück

. . .doch kurz nach diesem kleinen Absturz auf einen Feldweg flog sie problemlos davon. Foto: Wilma Wolf

Etwas gestresst war die Vogeldame als sie in Albertshausen ankam. Denn sie hatte den weiten Weg von Regenstauf in der Oberpfalz nach Albertshausen zurücklegen müssen. Im Auto und im Arm von Ferdinand Baer. „Im Käfig hat sie randaliert, deshalb habe ich sie die ganze Zeit gehalten“, berichtet der Vogelschützer, nachdem beide die lange Fahrt gut überstanden haben. Ganz ruhig ist das Tier – solange es die Haube eines Wanderfalken trägt, berichtet Baer.

Zum großen Tag von „Fräulein Wiesenweihe“, wie Norma Rudat vom Bayerischen Artenhilfsprogramm Wiesenweihe und Ortolan sie nennt, sind auch Gäste gekommen. Unter anderem ihre Retter, der Jäger Björn Eilers und der Wiesenweihen-Schützer Edgar Hoh, Gerhard Löcher und Ralf Krüger vom Landesbund für Vogelschutz (LBV), der Ornithologe und LBV-Landesvorsitzende Dr. Norbert Schäffer, Bertram Eidel von der Regierung von Unterfranken sowie Christine und Karl-Josef Kant, in deren Greifvogel-Auffangstation am Würzburger Schenkenturm sie 2015 zur Erstversorgung gebracht wurde.

Flügel und Schwanz gestutzt

Sie alle waren damals entsetzt und und empört. Denn Unbekannte hatten dem Greifvogel Flügel und Stoß – also den Schwanz – gestutzt. In der Natur wäre sie deshalb verhungert. Doch sie hatte Glück im Unglück.

Björn Eilers hatte die Wiesenweihe Ende Juli an einem Feldweg in der Albertshäuser Flur gefunden. Wegfliegen konnte sie nicht mehr. Nur heftig mit den Flügeln schlagen.

Kant, erfahrener Falkner und Jäger, und Hoh, seit über 20 Jahren im Artenhilfsprogramm Wiesenweihe ehrenamtlich aktiv, stehen nach wie vor vor einem Rätsel. Beide haben so etwas in all den Jahren noch nicht erlebt. Mit einer Haushalts- oder Gartenschere waren dem damals 40 Tage alten Weibchen beide Flügel und der Stoß um gute fünf Zentimeter gekürzt worden.

Vogel-Auffangstation inn Regenstauf

Nach der Erstversorgung in Würzburg wurde das junge Weihe in die Vogel-Auffangstation des LBV nach Regenstauf gebracht. Dort wurde sie in den fast zwei Jahren bis zur Auswilderung betreut und aufgepäppelt. „Ganz toll, das habt Ihr super gemacht“, lobte Rudat die Bemühungen des Teams um Ferdinand Baer, den Leiter der Station.

Auswilderungen gehören zu Baers Alltag. Denn um die 700 Vögel kommen jährlich in das „Vogel-Krankenhaus“ und werden nach ihrer Genesung wieder ausgewildert. Aber eine Wiesenweihe frei zu lassen, ist auch für ihn eine Premiere.

Von einem „ambivalenten Termin“, dem ein sehr trauriger Anlass vorausgegangen sei, sprach Bertram Eidel, Leiter der Abteilung Umwelt, Gesundheit und Verbraucherschutz bei der Regierung von Unterfranken. „Die Verstümmelung eines Wildvogels einer sehr seltenen Art ist eine Straftat, die von der Gesellschaft nicht hingenommen werden kann und verfolgt werden muss“, machte er deutlich. Allerdings hätten die polizeilichen Ermittlungen trotz einer vom LBV ausgesetzten Belohnung von 1000 Euro nichts ergeben.

Weil die Wiesenweihe Anfang der 1990er Jahre fast ausgestorben war, lobte Eidel die ehrenamtlich Aktiven des LBV. „Ohne Ihren Einsatz wäre der Aufbau dieser Population gar nicht mehr möglich gewesen“, sagte er. Auch die Landwirte leisten durch ihre Kooperationsbereitschaft einen wesentlichen Beitrag zur Erfolgsgeschichte der Wiesenweihe, lobt Eidel. Und so gab es 2015 wieder knapp 200 Brutpaare in Mainfranken.

Habichtsfedern angesetzt

Ob die Federn des Tieres wieder nachwachsen würden, ließ sich 2015 schwer sagen. Aber die Vogelschützer haben einen Weg gefunden. „Das Schiften ist eine alte falknerische Methode, um kaputte Federn zu ersetzen“, erklärt Ferdinand Baer. Und so wurden der jungen Weihe Habichtsfedern an ihre abgeschnittenen Federn angesetzt. Diese bieten den nachwachsenden Federn Schutz und Halt, so der Fachmann. „Wichtig war auch, dass sie im Gehege fliegen konnte“, meint er. Inzwischen sind die Flügel- und Schwanzfedern des Tieres soweit nachgewachsen, dass sie ohne Probleme fliegen kann.

Auf dem Feldweg in Albertshausen soll sie nun gegen den Wind starten. „Ich werfe sie nicht hoch, ich lasse sie nur aus der Hand gleiten“, erklärt Baer. Doch der junge Vogel fliegt nicht. Er stürzt zu Boden. Auch beim zweiten Versuch will die Dame nicht fliegen.

Jagen klappt instinktiv

Damit hatte keiner der Beteiligten gerechnet. Baer hat eine Erklärung dafür: „Der stecken zweieinhalb Stunden Autofahrt in den Knochen. Wir warten jetzt einfach. So was habe ich noch nicht erlebt.“

Und so sitzt die Wiesenweihe eine ganze Weile ruhig im grünen Gras – bevor sie dann doch abhebt und in das nahe Getreidefeld entschwebt. „Geht doch“, freut sich Norma Rudat. Ferdinand Baer räumt ihr gute Chancen ein, in der Natur zu überleben, denn Jagen kann sie instinktiv. Und ordentliche Nahrungsreserven hat sie auch. Denn er habe sie gut gefüttert.

Jetzt heißt es für das Weibchen ein Männchen zu finden und für Nachwuchs zu sorgen. Sechs Brutpaare hat Edgar Hoh in den letzten Tagen in der Albertshäuser Flur entdeckt. Ob „Fräulein Wiesenweihe“ dabei ist, kann er nicht sagen. Denn eine besondere Markierung hat sie nicht bekommen.

Die Wiesenweihe

In Mainfranken brüten die grazilen Vögel bevorzugt in Wintergerste, aber auch in Winterweizen, Triticale, Roggen oder sogar in Agrarökoflächen, beispielsweise in Bütthard. Heimisch sind Wiesenweihen in Deutschland vermutlich schon seit mehreren Millionen Jahren.

In der Mitte des vorigen Jahrhunderts bevorzugten sie Feuchtgebiete, wie beispielsweise die Donauauen. Weil die aber mehr und mehr verschwanden, verschwanden auch die Wiesenweihen aus Bayern. Durch das Artenhilfsprogramm, das vor genau 20 Jahren begann, haben sie sich wieder etabliert. Die rasante, positive Entwicklung der Wiesenweihen-Bestände ist verblüffend. Kenner sprechen inzwischen vom „Wunder von Mainfranken“. Steckbrief: Größe: kleinste heimische Weihe, Spannweite bis 110 Zentimeter; Körper: schlank, lange, schmale Flügel, langer Schwanz;

Gefieder: Männchen: hellgrau mit schwarzen Flügelspitzen (unser Foto); Weibchen: bräunlich mit leuchtend weißem Schwanzansatz;

Nahrung: etwa 60 Prozent Mäuse, 30 Prozent Kleinvögel und zusätzlich Insekten;

Brut: Mai bis Juli meist in Wintergetreide;

Gefährdung: Bayern: Vom Aussterben bedroht (Rote Liste 1); BRD: Stark gefährdet (Rote Liste 2).

Diese Wiesenweihe wurde vor fast zwei Jahren bei Albertshausen von einem Tierquäler verstümmelt. Sie wurde seither von F... Foto: Wilma Wolf
Verstümmelt wurde die Wiesenweihe 2015 bei Albertshausen entdeckt. Foto: Wilma Wolf
Ein paar Startschwierigkeiten hatte der Vogel zunächst, als er in die Freiheit entlassen werden sollte. . . Foto: Wilma Wolf

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