WÜRZBURG

Frank-Festakt mit Showcharakter

Biografie in Tönen: Insgesamt rund 70 Schülerinnen und Schüler der Leonhard-Frank-Schule intonierten ihr Lied über den Autor.
Biografie in Tönen: Insgesamt rund 70 Schülerinnen und Schüler der Leonhard-Frank-Schule intonierten ihr Lied über den Autor. Foto: K.-G. Rötter

Festakt – das ist zumeist ein abschreckendes Wort. Es steht für stundenlanges Sitzen, langatmige Reden und Langeweile. Dass es auch ganz anders geht, zeigte die Aktion „Würzburg liest ein Buch“ am Dienstagabend im Falkenhaus. Abwechslungsreich und unterhaltsam, gleichzeitig lehrreich und aufklärend gerieten die eineinhalb Stunden in der Bücherei, die bis auf den letzten Platz besetzt war.

Alle Besucher würden an diesem Abend zu Leonhard-Frank-Experten versprach Moderatorin Pauline Füg zu Beginn – und sie sollte Recht behalten. So entlockte sie in einer Talkrunde dem Schirmherrn SPD-MdL und Ex-OB Georg Rosenthal, dass er auf eine Insel eher „Die Räuberbande“ als die „Jünger Jesu“ mitnehmen würde. Aber ob Kulturreferent Muchtar Al Ghusain, der gelernte Pianist, lieber ein Klavier als ein Buch mitnehmen würde, blieb offen.

„Räuberbande“ mit auf die Insel

Er überlegte lange, bekannte, dass er, bevor er Klavierspielen lernte, sich viel mit Büchern beschäftigte und „deshalb diese fiese Frage“ nicht beantworten wolle. Aber wenn es ein Frank-Buch sein solle, dann wäre es auch die „Räuberbande“, weil dies das erste Buch des Autors gewesen sei, das er gelesen habe.

Voll des Lobes war der Kulturreferent über die Leseaktion. Sie sei eine Gelegenheit für die Stadt sich neu zu positionieren und es freue ihn, dass heute „weitestgehend selbstverständlich ist, was vor 50 Jahren noch nicht möglich war“. Dass man 1962 eine Straße nach Frank benannte, in der niemand wohnte, damit man sich nicht schämen musste, dort zu Hause zu sein, sei ihn für ihn aus heutiger Sicht unvorstellbar, sagte Al Ghusain. Und Rosenthal warb für die Lektüre der „Jünger Jesu“, weil dieses Buch auch heute noch etwas zu sagen hat. Dass von der Neuauflage des Romans bislang über 5000 Exemplare verkauft wurden, sei eine Sensation für sich: „Das tut uns gut in dieser Stadt“.

Für Auflockerung sorgten rund 70 Kinder der Leonhard-Frank-Grundschule am Heuchelhof, die sehr engagiert in drei Minuten einen musikalischen Lebenslauf des Namensgebers ihrer Schule vortrugen und dafür viel Beifall bekamen.

Hans Steidle, der sich bereits seit 1991 intensiv mit der Person Leonhard Franks und seinem Werk beschäftigt, freute sich zunächst, dass die Leseaktion direkt aus der Bürgerschaft initiiert worden sei. Diesen Unterschied spüre man, „denn normalerweise wird für so etwas ein Projektmanager engagiert, der das Projekt dann in den Sand setzt“. In seiner launigen mit vielen Zitaten gespickten Rede erwähnte Steidle auch Franz Kafka, der einst meinte, ein Buch müsse die Axt für das gefrorene Meer in den Menschen sein. „Die Jünger Jesu“ sind so eine Axt, sagte Steidle.

„Todesanzeige für zerstörte Stadt“

Auch wenn die Würzburger Frank seinen Roman beim Erscheinen 1949 übel genommen genommen hätten, habe er doch gleich zu Beginn des Romans das alte Würzburg erhalten. Wenn er von der gotischen und barocken Stadt des Weines, der Fische und der Kirchen schreibe, in der jedes zweite Haus ein unersetzliches Kunstdenkmal war, dann sei dies wie eine Todesanzeige für die zerstörte Stadt. Denn „das alte Würzburg war tot“.

Auch wenn es in den „Jüngern Jesu“ historisch nicht immer ganz exakt zugehe – Frank schrieb das Buch 1947 im Exil in den USA – habe er doch die Essenz getroffen, nämlich die Frage, wie es nach der Nazizeit in Deutschland weitergehen werde. Wie in der „Räuberbande“ stehe die Jugendgruppe auch in den „Jüngern Jesu“ dafür, die jugendliche Abenteuerlust mit einem idealistischen Zweck, nämlich Hilfe für die Bedürftigen, zu kombinieren. Damit solle eine ungerechte Gesellschaftsordnung ausgeglichen werden. „Diese Lernfähigkeit hat Frank den Würzburgern zugetraut“, so Steidle.

Zur Fortsetzung der Aktion „Würzburg liest ein Buch“ warb Steidle für den Würzburger Autor Yehuda Amichai. Als „Überraschungsgast“ trat Franks Enkel Miguel Leonardo Frank auf die Bühne. Für ihn sei es eine große Genugtuung, dass sein Großvater jetzt in Würzburg die Anerkennung erfahre, die ihm zukomme. Er halte „Die Jünger Jesu“ nicht für dessen bestes Buch, aber es sei sein wichtigstes, „weil es das politischste ist“.

Mit einem von Frank inspirierten Text von Pauline Füg, Klezmer-Jazz der Gruppe „Schmitts Katze“ und der Preisverleihung für den Schülerwettbewerb ging ein abwechslungsreicher Abend zu Ende, der weniger Fest-Akt als Fest-Show war.

ONLINE-TIPP

Die Mediengruppe Main-Post ist bei vielen Aktionen zu Leonhard Frank dabei. Texte, Bilder und Videos gibt es unter www.mainpost.de

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