WÜRZBURG

Franz-Oberthür-Schule: Sozialarbeit speziell für Flüchtlinge

Yara Henke und Adelheid Rader engagieren sich in der Franz-Oberthür-Schule für Berufsschüler mit Migrationshintergrund. Foto: Pat Christ

„Ich verstehe das gar nicht, warum kann ich bloß nicht schlafen?“ Der 19-Jährige aus Afghanistan, der die Franz-Oberthür-Schule besucht, weiß nicht, was er machen soll. Eigentlich ist er doch jetzt in Sicherheit. Sein Traum ging in Erfüllung: Er darf zur Schule gehen. Doch warum liegt er dann so oft nachts wach? Mit dieser Frage wandte er sich an Yara Henke, die seit September als Schulsozialarbeiterin für Jugendliche mit Migrationshintergrund in der Franz-Oberthür-Schule tätig ist.

220 junge Flüchtlinge zwischen 16 und 25 Jahre werden derzeit in der Franz-Oberthür-Schule in zwölf Berufsintegrationsklassen unterrichtet. Innerhalb von zwei Jahren sollen sie den Mittelschulabschluss erreichen und gleichzeitig fit für eine Ausbildung oder einen Job sein. Das Konzept klingt gut, wartet aber in der Praxis mit etlichen Hürden auf.

Jugendliche, die aus einem Krisenland wie Afghanistan, Irak oder Syrien geflohen sind, haben mit vielfältigen Problemen zu kämpfen. Die tragen selbstverständlich auch ins Klassenzimmer hinein. Darum entschied die Stadt Würzburg als Sachaufwandsträgerin, neben der bereits existierenden Sozialarbeit für die Berufsschüler eine spezielle Schulsozialarbeit für Heranwachsende mit Migrationshintergrund zu installieren.

Täglich haben es Yara Henke und ihre Kollegin Adelheid Rader mit mindestens zehn Jugendlichen zu tun, die bei ihnen an die Tür klopfen. „Zu mir kam heute zum Beispiel ein Schüler aus Afghanistan mit einem Schreiben, das er überhaupt nicht verstand“, berichtet Rader. Was wollte man von ihm? Erhielt er einfach eine Information? Musste er reagieren? Mit diesen Fragen wandte er sich an die Sozialpädagogin. Wie sich herausstellte, stammte das Schreiben von der Familienkasse: „Es ging ums Kindergeld.“ In jedem Fall, wenn ein junger Flüchtling Hartz IV beantragt, muss vorher geprüft werden, ob er Anspruch auf Kindergeld hat, erklärte Rader dem jungen Mann.

Auch mit psychischen Belastungen der Flüchtlinge werden Yara Henke und Adelheid Rader immer wieder konfrontiert. So auch im Falle des afghanischen Jugendlichen, der schon länger nicht mehr gut schlafen kann. Yara Henke erklärte ihm, dass sich die seelischen Auswirkungen von starken Belastungen oft erst dann zeigen, wenn man zur Ruhe kommt: „Das ist so ähnlich, wie wenn man sich den Fuß verletzt hat und wegrennt. Beim Rennen tut meist noch nichts weh. Der Schmerz kommt erst, wenn man stillsteht.“

Aufgabe der Schulsozialarbeiterinnen ist es nicht, traumatisierte Schüler zu therapieren. Yara Henke und Adelheid Rader wissen allerdings, wo es kostenlose Hilfe gibt. So verwies Henke den jungen Afghanen an die „Initiative für traumatisierte Flüchtlinge“ des Roten Kreuzes in Würzburg.

Firmenchefs, berichtet Henke, sind zunehmend interessiert daran, junge Flüchtlinge in ihren Betrieb zu integrieren. Das gilt vor allem fürs Handwerk. Nicht wenige Flüchtlinge erhalten ein Arbeits- oder Ausbildungsangebot, noch bevor sie die beiden Jahre in der Berufsintegrationsklasse absolviert haben. Sollen sie zuschlagen?

„Manche erhoffen sich durch eine Ausbildung, in Deutschland bleiben zu können“, so Henke. Natürlich lockt auch der Verdienst. Andererseits würden sie ohne Mittelschulabschluss in die Lehre starten. Was sich später im Leben höchst nachteilig auswirken könnte. Im ausführlichen Gespräch erörtern die Schulsozialarbeiterinnen Vor- und Nachteile mit den Flüchtlingen, so dass die für sich zu einer guten Entscheidung kommen können.

Die Arbeit, so anspruchsvoll sie auch ist, macht den beiden 28-Jährigen sichtlich Spaß. Dies vor allem deshalb, weil die Jugendlichen aus freien Stücken zu ihnen kommen. Während sie anderswo Gängelei und Druck erleben, erfahren sie bei Yara Henke und Adelheid Rader, dass jemand tatsächlich einfach nur das Beste für sie will. Genau das brauchen sie, so Rader: „Denn weit mehr als die Hälfte unserer jungen Flüchtlinge haben keine Eltern in ihrer Nähe.“ Die leben noch im Heimatland.

Auch wenn sich das nicht durch konkrete Zahlen belegen lässt, deutet viel darauf hin, dass etliche Schüler mit Migrationshintergrund durch das Engagement der beiden Frauen davon abgehalten wurden, die Berufsschule abzubrechen. Der inhaltlich befriedigenden Arbeit allerdings stehen höchst schwierige politische Rahmenbedingungen gegenüber, sagt Rader: „Immer wieder kommt es vor, dass es den Flüchtlingen verwehrt wird, eine Ausbildung zu beginnen.“ Das sei für alle Beteiligten frustrierend.

Meist kommt die Absage ein paar Monate vor Beendigung des zweiten Jahres in der Berufsintegrationsklasse. Die Flüchtlinge haben zu diesem Zeitpunkt schon eine Menge Deutsch gelernt, sie durften in verschiedene Berufsfelder hineinschnuppern, wissen, wie sie sich bewerben, und haben oft schon mehrere kostenlose Praktika abgeleistet. Das Ende ist in diesem Fall bitter: Alles, was sie erhofft haben, fällt plötzlich wie ein Kartenhaus in sich zusammen.

Diese Erfahrung wird an andere weitergegeben. Das Wissen darum, dass sie zwar auf eine Ausbildung vorbereitet werden, es aber nicht sicher ist, ob ein Ausbildungsvertrag überhaupt zustande kommt, demotiviert, noch bevor es überhaupt zur Ablehnung gekommen ist. Yara Henke und Adelheid Rader würden sich wünschen, dass es allen Flüchtlingen der Berufsintegrationsklassen erlaubt wird, einen Beruf zu erlernen. Rader: „Die Lehrer fragen sich zu Recht, wofür sie die ganze Arbeit eigentlich machen.“

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