WÜRZBURG

Frau Mayer wird nicht entmündigt

Wo Angehörigen fehlen: 3000 Menschen in Würzburg, von denen viele in einem Seniorenheim leben, haben einen gesetzlichen Betreuer.T. OBERMEIER Foto: Foto:

40 Jahre lang lebte Karola Mayer (Name geändert) in ihrer Wohnung. Dann erlitt sie einen Schlaganfall und stürzte schwer. So bald würde sie, wenn überhaupt, nicht mehr in ihre vier Wände zurückkehren können, schätzte der Klinikarzt. Nachdem die 83-Jährige keine Angehörigen hat, regte er beim Gericht eine gesetzliche Betreuung an. So ist Karola Mayer heute einer von 3000 Menschen in Würzburg, die einen Betreuer oder eine Betreuerin haben.

Als Karola Mayer mitbekam, dass sie einen Betreuer bekommen sollte, bekam sie es mit der Angst. Wäre sie dieser fremden Person ausgeliefert? Würde sie nun gegen ihren Willen in ein Heim abgeschoben? Würde sie gar entmündigt? Nadine Lemm vom achtköpfigen Team der Betreuungsstelle besuchte die Seniorin in der Klinik. Eine volle Stunde nahm sie sich für sie Zeit. Vor allem versuchte sie, ihre Ängste auszuräumen: „Nichts wird gegen ihren Willen geschehen!“

„Nichts wird gegen ihren Willen geschehen.“
Nadine Lemm vom Team der Betreuungsstelle beim ersten Betreuungsgespräch

Lemm machte der Seniorin gleichzeitig klar, dass sie dringend Unterstützung bräuchte: „Denn wohin wollen sie nach dem Klinikaufenthalt gehen?“ Der Sturz hatte Karola Mayer immobil gemacht. Möglicherweise würde sie in einigen Monaten wieder zurück in ihre eigenen vier Wände können. Doch aktuell war das nicht möglich. Lemm: „Deshalb ist es wichtig, einen Platz in der Kurzzeitpflege für Sie zu organisieren.“

Rund die Hälfte aller gesetzlich betreuten Menschen in Würzburg sind im Seniorenalter. Laut Einrichtungsleiterin Iris Schneider können jedoch schon 18-Jährige eine Betreuung bekommen: „Zum Beispiel bei geistigen Behinderungen wie Down-Syndrom.“ Eine ganze Reihe jüngerer Würzburger erhalten auch nach dem Ausbruch einer schweren psychischen Krankheit einen Betreuer. Vor allem Psychosen machen es sehr schwierig, alleine im Alltag klarzukommen.

Seelisch Kranke mit Wahnvorstellungen gehören neben an fortgeschrittener Demenz leidenden Senioren zu den schwierigsten Klienten der Beratungsstelle. Sie sehen die Notwendigkeit einer Betreuung mitunter nicht ein. Gleichzeitig stehen sie in so großer Gefahr, sich selbst zu schädigen, etwa durch einen völlig unvernünftigen Umgang mit ihrem Geld, dass das Betreuungsgericht eine zwangsweise Betreuung anordnet.

Die Situation kann sich zuspitzen, wenn der Betreuer beim Gericht eine Unterbringung auf der geschlossenen Station einer Nervenklinik oder einer beschützenden Abteilung eines Seniorenheims beantragt. Weigert sich der Betroffene, in die Klinik oder ins Heim zu gehen, kann der gesetzliche Betreuer die Betreuungsstelle um Unterstützung bei der Durchsetzung der Unterbringung bitten. In extremen Situationen dringen die Sozialpädagogen der Betreuungsstelle mit Polizeigewalt in die Wohnung ein.

Dies geschieht aber sehr selten, betont Schneider. Leider prägen solche Szenen jedoch das Bild der Bevölkerung zum Thema „Betreuungen“. Dass die allermeisten Betreuungen zum Wohle der Betroffenen ablaufen, dafür ist Karola Mayer das beste Beispiel.

Schon das erste Gespräch mit Sozialpädagogin Nadine Lemm in der Klinik beruhigte die betagte Dame sehr. Sie sah auch sofort ein, dass eine Kurzzeitpflege viel besser wäre, als nun gleich nach Hause zu gehen und eventuell wieder zu stürzen. Dem Sozialdienst der Klinik gelang es, für sie einen Kurzzeitpflegeplatz direkt nach dem Klinikaufenthalt zu organisieren.

Nach einer Woche in der Kurzzeitpflege erhielt die Seniorin erstmals Besuch von ihrer neuen Berufsbetreuerin. Die stellte sich freundlich vor und fragte dies und das über Frau Mayers Krankheitsgeschichte sowie über ihre Wünsche für die nächsten Monate und Jahre. Karola Mayer vertraute der Frau so stark, dass sie ihr Einblick in ihre finanzielle Situation gewährte. Viel Geld hatte sie nicht. Die Betreuerin sichtete ihr kleines Vermögen und beantragte Leistungen aus der Pflegeversicherung.

Inzwischen hat sich Karola Mayer entschieden, ganz in das Seniorenheim zu ziehen. Die Betreuerin löste daraufhin ihre Wohnung auf und kümmerte sich um die Finanzierung des Pflegeplatzes. Weil Karola Mayer immer wieder äußerte, wie gern sie jemanden hätte, der sie ab und an besuchen kommt, regte die Berufsbetreuerin einen Wechsel hin zu einer ehrenamtlichen Betreuerin an. Denn Berufsbetreuer haben für soziale Betreuung nahezu keine Zeit.

„Wir haben einen Pool von 70 Leute, die ehrenamtlich fremde Menschen betreuen“, sagt Schneider. Eine Krankenschwester im Ruhestand fand sich sofort bereit, die Betreuung von Frau Mayer zu übernehmen. Die beidem Frauen passen blendend zusammen. Oft kommt die Ehrenamtliche zu der Seniorin ins Heim, um sie für eine Spazierfahrt im Rollstuhl abzuholen.

Daneben kümmert sie sich um ein paar bürokratische Kleinigkeiten, die regelmäßig zu erledigen sind. So muss sie bei der Krankenkasse jährlich beantragen, dass Frau Mayers Medikamente weiter zuzahlungsfrei bleiben. Oder sie hilft Frau Mayer bei der Beantwortung offizieller Schreiben.

Im Gespräch: Nadine Lemm (links) von der städtischen Betreuungseinrichtung spricht mit Einrichtungsleiterin Iris Schneid... Foto: PAT CHRIST

Schlagworte

  • Würzburg
  • Pat Christ
  • Apoplexie
  • Klinikärzte
Lädt

Schlagwort zu
„Meine Themen“

hinzufügen

Sie haben bereits
/ 15 Themen gewählt

bearbeiten

Sie folgen diesem Thema bereits

entfernen

Um "Meine Themen" nutzen zu können müssen Sie der Datenspeicherung zustimmen

zustimmen
0 0
Kommentar schreiben

Der Diskussionszeitraum für diesen Artikel ist leider schon abgelaufen. Sie können daher keine neuen Beiträge zu diesem Artikel verfassen!