Würzburg

Früher in Rente wird immer beliebter

Im Schnitt verabschieden sich die Deutschen bis zu zwei Jahre früher als vorgesehen aus dem Erwerbsleben. So die Zahlen der Rentenversicherung. Warum ist das so?
Nur weniger als zehn Prozent aller erwerbstätigen Befragten wollen laut einer Umfrage gern bis zu ihrer heutigen Regelaltersgrenze erwerbstätig sein.  Foto: dpa, Bernd Wüstneck

Immer mehr Menschen gehen noch vor Erreichen der Regelaltersgrenze in Rente – auch in Unterfranken, das zeigen die Zahlen der Deutschen Rentenversicherung Nordbayern. Besonders beliebt ist dabei die Rente für besonders langjährig Versicherte, besser bekannt als "Rente ab 63". Seit ihrer Einführung im Jahr 2014 gingen die Zahlen der Frühverrentungen deutlich nach oben. Von 12 311 Rentenzugängen im Jahr 2017 in der Region gingen lediglich 4672 Menschen regulär in Rente – das ist nicht einmal die Hälfte. Wer es sich leisten kann, geht früher – so der Trend.

Thomas Zwick, Lehrstuhlinhaber für Personal und Organisation, forscht seit 2015 zu dem Thema, wer geht früher in Rente, wer später und warum. Foto: Patty Varasano

Die Rente ab 63 kostet viel Geld

"Erstaunlicherweise gehen viele Beschäftigte mit hohen Rentenansprüchen, die gesund und fit sind, früher in Rente als zum gesetzlichen Rentenalter. Sie nutzen die Möglichkeiten der Frühverrentung und der Altersteilzeit, um zum frühestmöglichen Zeitpunkt den Arbeitsmarkt zu verlassen", sagt Professor Thomas Zwick. Der Lehrstuhlinhaber für Betriebswirtschaft, Personal und Organisation an der Universität Würzburghat in einem Forschungsprojekt die Daten der Bundesagentur für Arbeit von 1,8 Millionen Menschen ausgewertet und untersucht, wann sie den Arbeitsmarkt aus Altersgründen verlassen haben.

Thomas Zwick sieht die Rente ab 63 als "ein Geschenk an Beschäftigte mit sehr langen, oft ununterbrochenen Erwerbsbiographien". Wer 45 Jahre Beiträge zur Rentenversicherung gezahlt hat, kann seit dem 1. Juli 2014 ab Vollendung des 63. Lebensjahres ohne Abzüge in Altersrente gehen. Die Altersgrenze wird seither schrittweise auf 65 Jahre angehoben. "Viele dieser Beschäftigten hätten bis zum regulären Rentenalter weiter arbeiten können. Bereits mehr als eine Million Berechtigte haben einen Antrag auf diese Art der Frühverrentung gestellt. Ihre zum Großteil hohen Rentenansprüche müssen nun länger von der jüngeren Generation bezahlt werden", sagt Zwick. 

Mehrausgaben in Milliardenhöhe

Seit Inkrafttreten der Neuregelung im Juli 2014 verzeichnete die Rentenversicherung nach eigenen Angaben fast 1,2 Millionen Anträge. Das sei deutlich mehr als von der Regierung prognostiziert. So steigen auch die Kosten, die die Rentenversicherung für die Rente ab 63 aufbringen muss: Von 2014 bis 2016 seien direkte Mehrausgaben von 6,5 Milliarden Euro entstanden,berechnete kürzlich das Münchner Ifo-Institut. Die Bundesregierung hatte in ihrem Gesetzentwurf nur 5 Milliarden Euro erwartet. „Da sich sowohl die Rentenzugänge als auch die Rentenhöhen im erwartbaren Rahmen bewegen, sind die im Gesetzentwurf genannten Kosten weiterhin plausibel", erklärt dagegen eine Sprecherin im Bundesarbeitsministerium. Die Rentenansprüche seien durchaus verdient und nicht geschenkt, so die Sprecherin weiter.

Jürgen Zips, Direktor der Rentenversicherung Nordbayern, erklärt wie Ausgleichszahlungen funktionieren.  Foto: Patty Varasano

Viele leisten freiwillige Ausgleichszahlungen

Durch das so genannte Flexirentengesetz kann jeder, der in der gesetzlichen Rentenkasse versichert ist, ab dem 50. Lebensjahr freiwillig Zahlungen leisten, um Abschläge bei der Rente auszugleichen. Denn: "Jeder Monat des vorgezogenen Rentenbeginns mindert die Rente um 0,3 Prozent. Pro Jahr des vorzeitigen Rentenbezugs ergibt sich somit eine  Minderung Ihrer Rente um 3,6 Prozent", sagt Jürgen Zips, Stellvertreter des Geschäftsführers und Direktor der Deutschen Rentenversicherung Nordbayern. Die Minderung gelte dann für die gesamte Laufzeit der Rente. "Dieser Umstand ist vielen Menschen erstmal nicht bewusst", so Zips. 

Die Altersgrenze für die Regelaltersrente steigt derzeit schrittweise von 65 auf 67 Jahre. Doch laut einer Untersuchung der Bergischen Universität Wuppertal wünschen sich 71 Prozent der Deutschen zwischen 53 und 59 Jahren einen vorzeitigen Ruhestand– zum Teil deutlich vor der regulären Altersgrenze. Von den geburtenstarken Jahrgängen der sogenannten Babyboomer-Generation möchten laut der Umfrage 30 Prozent bereits mit 60 Jahren in den Ruhestand gehen. Nur weniger als zehn Prozent aller erwerbstätigen Befragten wollen gern bis zur Regelaltersgrenze erwerbstätig sein.

Viele Bundesbürger, die es sich leisten können, entscheiden sich dafür mehr zu zahlen, um bei gleicher Rente eher aufzuhören. In den Auskunfts- und Beratungsstellen der Rentenversicherung Nordbayern haben sich allein im Jahr 2018 in Ober-, Mittel- und Unterfranken über 10 800 Personen über die Möglichkeiten zur Ausgleichszahlung für Rentenabschläge erkundigt.

Rente ab 63
Besonders langjährig Versicherte können seit 2014 nach 45 Beitragsjahren ab 63 Jahren abschlagsfrei in Rente gehen. 
Was sind die Voraussetzungen?

Wer 45 Jahre Beiträge zur Rentenversicherung gezahlt hat, kann seit dem 1. Juli 2014 ab Vollendung des 63. Lebensjahres ohne Abzüge die Altersrente für besonders langjährig Versicherte (sogenannte abschlagsfreie Rente ab 63) in Anspruch nehmen. Zuvor konnte eine abschlagsfreie Altersrente erst nach Vollendung des 65. Lebensjahres bezogen werden. Wer früher in Rente gehen wollte, musste in der Regel für jeden Monat des Rentenbezugs vor der Regelaltersgrenze (aktuell, das heißt für den Geburtsjahrgang 1954, 65 Jahre und 8 Monate) 0,3 Prozent Kürzungen bei der Rente in Kauf nehmen.

Warum wurde die "Rente ab 63" eingeführt?

Mit der abschlagsfreien "Rente ab 63" werden die Menschen belohnt, die mit ihrer Lebensarbeitsleistung das Rentensystem stützen. Es werden diejenigen in den Blick genommen, die ihr Arbeitsleben bereits in jungen Jahren begonnen und über Jahrzehnte hinweg durch Beschäftigung, selbständige Tätigkeit und Pflege sowie Kindererziehung ihren Beitrag zur Stabilisierung der gesetzlichen Rentenversicherung geleistet haben. Für diese Menschen wurde die bereits bestehende Möglichkeit, nach 45 Beitragsjahren ab 65 abschlagsfrei in Rente zu gehen, vorübergehend vorgezogen.

Wie wird die "Rente ab 63" schrittweise angehoben?

Aus der "Rente ab 63" wird schrittweise die Rente mit 65. Die Möglichkeit mit 63 abschlagfrei in Rente zu gehen hatten ab 1. Juli 2014 nur Versicherte, die vor dem 1. Januar 1953 geboren sind und die die sonstigen Voraussetzungen erfüllten. Für Versicherte, die ab dem 1. Januar 1953 geboren sind, steigt die Altersgrenze mit jedem Jahrgang um zwei Monate. Wer also ab dem 1. Januar 1964 geboren wurde, kann nach 45 Beitragsjahren abschlagsfrei in Rente gehen, wenn er das 65. Lebensjahr vollendet hat.

Wie hoch sind die Ausgleichzahlungen?

Wer eine Rente von 1200 Euro erwartet und drei Jahre eher in Ruhestand gehen will, muss einen Abschlag von monatlich rund 130 Euro hinnehmen. Das heißt die Rente läge nur bei etwa 1070 Euro. Wer dieses Minus vermeiden möchte, kann vorher 32 821 Euro in die Rentenkasse einzahlen. Geht man nur ein Jahr früher in Rente, beträgt der monatliche Abschlag lediglich 43,20 Euro, der Ausgleich kostet dann 10 123 Euro. Wichtig dabei: Die Summe kann auch in Raten oder nur teilweise geleistet werden, beginnen darf man damit aber frühestens im Alter von 50 Jahren.

Müssen Versicherte mit 63 in Rente gehen, wenn sie die Voraussetzungen für die abschlagsfreie Rente erfüllen oder können sie weiterarbeiten?

Arbeitnehmer, die bereits die Voraussetzungen für eine Altersrente erfüllen, sind nicht verpflichtet, diese auch in Anspruch zu nehmen. Sie können vorbehaltlich tarifvertraglicher oder anderer arbeitsrechtlicher Einschränkungen weiterarbeiten.

Wird auf die Rente ab 63 ein Nebenverdienst angerechnet oder kann unbegrenzt hinzuverdient werden?

Bis zum Erreichen der Regelaltersgrenze kann neben einer Altersrente nur begrenzt hinzuverdient werden. Die Regelaltersgrenze steigt derzeit schrittweise von 65 auf 67 Jahre. Abhängig von der Höhe des Hinzuverdienstes wird die Altersrente in voller Höhe oder als Teilrente gezahlt. Wird die höchste Hinzuverdienstgrenze überschritten, erlischt der Anspruch auf die Rente. Nach Erreichen der Regelaltersgrenze können Rentner ohne Auswirkungen auf die Altersrente unbegrenzt hinzuverdienen.

Haben Sie weitere Fragen zu Ihrer Rente? Dann können Sie beim kostenlosen Servicetelefon der Deutschen Rentenversicherung anrufen: Dort beantworten Experten alle Fragen rund um Prävention, Reha, Rente oder Altersvorsorge. Telefon (0800) 10 00 48 00. Mit acht Beratungsstellen und zahlreichen Sprechtagen stehen die Experten der Deutschen Rentenversicherung Nordbayern in ganz Unterfranken zur Verfügung. Auch die über 100 ehrenamtlich tätigen Versichertenberater helfen Ihnen weiter. Die zum eigenen Wohnort nächstgelegene Auskunftsstelle findet man in Internet und kann dort einen Termin vereinbaren unter www.deutsche-rentenversicherung-nordbayern.de

Rückblick

  1. So kann es gelingen: Älter werden im Beruf
  2. "Gemeinsam gegen Altersarmut": Werden die Proteste von Rechts instrumentalisiert?
  3. Krise oder Chance? Wie man sich auf den Ruhestand vorbereitet
  4. Altersarmut: Warum Rentner jetzt auf die Straße gehen
  5. Faktencheck: Haben Beamte im Alter mehr Geld als Rentner?
  6. "Rente" – das neue Magazin ist da
  7. Alles rund um Rente: Was Sie beachten sollten
  8. Telefonaktion: Fragen rund um die Rente
  9. Rat von Experten: Was tun, wenn man im Alter süchtig ist?
  10. Erst mit fast 70 in die Rente?
  11. Franz Müntefering spricht in Würzburg über das Älterwerden
  12. Doppelte Sozialabgabe bei Betriebsrente: Protest aus der Region
  13. Ungerechte Doppelverbeitragung? Ärger über die Betriebsrente
  14. Rentenantrag: Wie die Rente pünktlich aufs Konto kommt
  15. Sind Immobilien die beste Altersvorsorge?
  16. Bevölkerungsprognose: Wie Unterfranken altert
  17. Zwei Senioren erzählen: Wie das Leben im Alter wirklich ist
  18. Ärger über die neue Mütterrente
  19. Die wichtigsten Fragen und Antworten zur Mütterrente
  20. Kommentar: Frauen, lasst eure Männer putzen!
  21. Mit diesen zehn Tipps bekommen Frauen mehr Rente
  22. Altersarmut: Frauen sind besonders betroffen
  23. Was Sie tun können, wenn Sie nicht in Rente gehen wollen
  24. Altersvorsorge: Die Rente zu berechnen soll einfacher werden
  25. Buchtipp: Das Rentensystem verstehen
  26. Rentenerhöhung: Plötzlich steuerpflichtig
  27. Früher in Rente wird immer beliebter
  28. Deutsche beziehen immer länger Rente
  29. Ist unsere Rente sicher, Frau Buntenbach?
  30. Damit der Übergang in den Ruhestand nicht schiefgeht
  31. Silver Society: Die jungen Alten kommen
  32. Pro: Die Riester-Rente ist besser als ihr Ruf
  33. Kontra: Die Riester-Rente ist tot
  34. Verständlich erklärt: Was ist die Riester-Rente?
  35. Rente: Deshalb sollte sie zum Schulfach werden
  36. Fragen und Antworten zur Erwerbsminderungsrente
  37. Erwerbsminderungsrente: Fast jeder zweite Antrag scheitert
  38. Ruhestand: Zehn Tipps für ein langes Leben
  39. Video: Azubi Max erklärt die Rente
  40. Verstößt die Zwangsverrentung gegen die Menschenrechte?
  41. Rente: Was ist wichtig und was ist zu beachten?
  42. Altersvorsorge: So legen Sie Ihr Geld gut an - auch im Alter
  43. Fachkräfte gesucht: Erfahrung ist der größte Schatz
  44. Telefonaktion: Fragen rund um die Rente
  45. Akademiker und Selbständige arbeiten besonders lange
  46. Psychisch krank? So wird man wieder fit für den Job
  47. Mit der Reha zu neuem Lebensmut
  48. Altersrentner: So viel können Sie hinzuverdienen
  49. Von wegen Ruhestand: Warum Franz Marold immer noch Lkw fährt
  50. Inge Gehrold: "Die Bäckerei ist mein Leben"

Schlagworte

  • Würzburg
  • Claudia Kneifel
  • Altersversorgung und Altersvorsorge
  • Bundesagentur für Arbeit
  • Bundesministerium für Arbeit und Soziales
  • Erwerbstätigkeit
  • Gesetzliche Rentenversicherung
  • Julius-Maximilians-Universität Würzburg
  • Regierungen und Regierungseinrichtungen
  • Regierungseinrichtungen der Bundesrepublik Deutschland
  • Rente
  • Rente mit 65
  • Renten
  • Rentenanspruch
  • Rentensysteme
  • Ruhestand
Lädt

Schlagwort zu
„Meine Themen“

hinzufügen

Sie haben bereits
/ 15 Themen gewählt

bearbeiten

Sie folgen diesem Thema bereits

entfernen

Um "Meine Themen" nutzen zu können müssen Sie der Datenspeicherung zustimmen

zustimmen
0 0
Kommentar schreiben

Der Diskussionszeitraum für diesen Artikel ist leider schon abgelaufen. Sie können daher keine neuen Beiträge zu diesem Artikel verfassen!