Würzburg

Frühstück mit Blick aufs Grab

Sie ein prachtvoller Anbau am Würzburger Dom: die Schönborn-Kapelle. An der Fassade finden sich aber auch schauerliche Details.   
Blickachse auf die Schönborn-Kapelle, von der Residenz aus gesehen. Foto: Sammlung Willi Dürrnagel
Blickachse auf die Schönborn-Kapelle, von der Residenz aus gesehen. Foto: Sammlung Willi Dürrnagel

Immer wieder hat er, so makaber es klingt, mit Blick auf seine Grabstätte gefrühstückt. Nun findet er dort seine letzte Ruhe: Am 26. Juli 1746 stirbt Fürstbischof Friedrich Karl von Schönborn-Buchheim – und seine Grabstätte ist die Schönbornkapelle am Würzburger Dom. „Die Würzburger nehmen sie heute als selbstverständlich wahr“, sagt Stadtführer Sebastian Karl. „Aber die Geschichte dahinter kennen viele nicht, ebenso wie die wenigsten die Dekoration und die Totenköpfe an der Kapelle bemerken.“

Lage der Kapelle wurde ganz bewusst gewählt

Die Kapelle, die von vornherein als prachtvolle Grabstätte errichtet wurde,entstand im Zuge des Residenzbaus. „Der Hauptarchitekt der Residenz, Balthasar Neumann, wurde beauftragt, diese von Maximilian von Welsch vorgeplante Begräbniskapelle an der Querhausnordwand des romanischen Domes fertigzustellen“, sagt Karl. „Am 1. Juli 1736 wurde sie eingeweiht.“ Die Lage sei natürlich ganz und gar nicht willkürlich gewählt worden, sondern bewusst als Endpunkt einer Blickachse von der Residenz aus. „So steht die Schönbornkapelle als Mausoleum in Sichtweite des Schlosses. Und die damaligen Fürsten hatten jeden Morgen, beispielsweise beim Frühstück, schon einmal Gelegenheit, die letzte Station ihres irdischen Lebens im Blick zu haben. Was für ein schöner Tagesbeginn.“

Sebastian Karl vor der Schönborn-Kapelle. Jedes Mal, wenn er hier vorbeikommt, erschrickt er vor den Totenköpfen. Oder tut zumindest so. Foto: Sammlung Willi Dürrnagel
Sebastian Karl vor der Schönborn-Kapelle. Jedes Mal, wenn er hier vorbeikommt, erschrickt er vor den Totenköpfen. Oder tut zumindest so. Foto: Sammlung Willi Dürrnagel

Trotzdem wurden hier nur drei Menschen beigesetzt: Prinzessin Theodolinde, die Tochter von Ludwig I., sowie Johann Philipp Franz von Schönborn, der ältere Bruder seines Nach-Nachfolgers Friedrich Karl. Und eben Friedrich Karl von Schönborn-Buchheim selbst, der letzte der drei Schönbornschen Fürstbischöfe Würzburgs. „Friedrich Karl starb nach kurzer Krankheit“, sagt Sebastian Karl. „Seinem Letzten Willen entsprechend, wurde sein Körper in der Schönbornkapelle des Würzburger Doms, sein Herz in der Hofkapelle der Bamberger Residenz und Eingeweide, Augen und Zunge in der Loretokapelle zu Göllersdorf in Niederösterreich beigesetzt.

Blick zum künftigen Grab als Mahnung

Er schloss die Reihe bedeutender Schönborn-Fürsten glanzvoll ab.“ Und hatte während seines Lebens eben immer seine letzte Ruhestätte vor Augen: Gedanke dieser Blickbeziehung sei das ‚memento mori’ gewesen und die Mahnung, fromm, fair und gerecht zu regieren, erklärt Karl. Es könnte ja auch der letzte Tag sein. „Dieser Gedanke wurde vor allem in der Bauplastik des Gebäudes heftig ausgelebt: Es gibt gruselige, mit Fledermausflügeln umgebene Totenschädel zu sehen, gekreuzte Knochen, waagerecht liegende Fackeln, kreuztragende Putten. In den Kapitellen der Pilaster sind weitere kleine Totenschädel versteckt, auf dem Sims stehen gewaltige Räuchervasen.“

Am bemerkenswertesten findet Karl aber die zwei Totenmänner auf dem Giebel über dem Hauptportal der Kapelle: Eines der beiden Gerippe hält eine Sanduhr in der knöchernen Hand – um die Endlichkeit der persönlichen Zeit zu demonstrieren. Das andere trug einst eine Sense, sie ist heute nicht mehr erhalten. „Besonders perfide ist der Ausdruck der Schädel mit ihren nicht vorhandenen Gesichtern und tiefen Augenhöhlen gestaltet: Sie grinsen nämlich frech und fröhlich herunter“, findet Karl. Der Blickwinkel ist so berechnet, dass die beiden Totengesellen jeden „erwischen“, der darunter vorbeiläuft. Sie suchen sich sozusagen schon einmal jemanden aus. Besser also, man geht ein bisschen zügiger an diesem Ort vorbei und vielleicht auch im toten Winkel, bevor die beiden noch Gefallen an einem finden!

Text: Eva-Maria Bast

Was Würzburg prägte
Das neue Buch „Was Würzburg prägte“ enthält 52 Texte über Jahrestage aus der Würzburger Geschichte, also für jede Woche des Jahres einen Text. Präsentiert werden die historischen Geschehnisse jeweils von Würzburger Bürgern. Das Buch der beiden Autorinnen Eva-Maria Bast und Kirsten Schlüter entstand in Zusammenarbeit mit der Main-Post. Wir werden in einer ganzjährigen Serie Texte aus dem Buch abdrucken.
Erschienen ist das Buch im Verlag Bast Medien GmbH, in dem auch die erfolgreichen „Würzburger Geheimnisse“ veröffentlicht wurden, die ebenfalls in Kooperation mit der Main-Post entstanden sind.
Erhältlich ist „Was Würzburg prägte – 52 große und kleine Begegnungen mit der Stadtgeschichte“ von Eva-Maria Bast und Kirsten Schlüter Überlingen 2017, ISBN: 978-3-946581-24-6 in den Main-Post-Geschäftsstellen (14.90 Euro).

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