OCHSENFURT

Für Rollstuhlfahrer ist am Bahnhof Endstation

Barrierefrei: „Die Bahn macht mobil“ – mit diesem Slogan bewirbt das Unternehmen ihr Programm für Menschen mit Behinderung. Für manche Rollstuhlfahrer klingt die Werbebotschaft wie Hohn.
Barrierefrei sieht anders aus: Für Rollstuhlfahrer wie Franz Breunig endet der Weg zu den Gleisen am Ochsenfurter Bahnhof spätestens an dieser Treppe. Für Karl-Heinz Krieger aus Mainbernheim, nach mehreren Operationen auf Krücken angewiesen, ist sie ein nur schwer überwindbares Hindernis.
Barrierefrei sieht anders aus: Für Rollstuhlfahrer wie Franz Breunig endet der Weg zu den Gleisen am Ochsenfurter Bahnhof spätestens an dieser Treppe. Für Karl-Heinz Krieger aus Mainbernheim, nach mehreren Operationen auf Krücken angewiesen, ist sie ein nur schwer überwindbares Hindernis. Foto: Gerhard Meissner

Franz Breunig blickt die 34 Stufen hoch, die zu den Gleisen führen. Erst sind es 17, ein kleiner Absatz, dann noch mal 17. „Da komm ich niemals hin“, sagt er, und zieht mit beiden Händen die Bremsen seines Rollstuhls an.

Für den 65-Jährigen ehemaligen Bahnbeschäftigen aus Goßmannsdorf, der seit zwölf Jahren an den Rollstuhl gefesselt ist, ist der Ausflug nach Würzburg schon zu Ende, bevor er angefangen hat.

Er sitzt in seinem Rollstuhl in der Ochsenfurter Bahnhofsunterführung am Fuß der Treppe. „DB“ für „Deutsche Bahn“ prangt in roten Lettern auf dem Gehäuse des Fahrkartenautomaten. Auf dem Touch-Bildschirm, zu dem Franz Breunig im Sitzen nicht hochkommt, wird das Versprechen gegeben: „Die Bahn macht mobil.“ Darüber kann er nur lachen.

Allein um zu dieser Treppe zu gelangen, hat er schon ein paar hundert Meter Umweg auf sich genommen. Er kann nicht wie die anderen am Bahnhofsvorplatz die Stufen hinunter in die Unterführung steigen. Der Tunnel unter dem Bahnsteig ist über die Lindhardstraße zu erreichen – mit dem Rollstuhl zwar, aber alles andere als barrierefrei.

„Auf dem Pflaster kann kein Rollstuhl allein fahren“, sagt Franz Breunig. Und, dass er damals, als er noch Busfahrer war bei der Bahn, schon mit Kollegen über den Umbau geschimpft hat. „Das hat man damals schon gesehen, dass das nichts ist. Rausgeschmissenes Geld.“

Spätestens an der Treppe ist für Franz Breunig Schluss. Er kann die Gleise nicht ohne fremde Hilfe erreichen. Dabei hatte die Bahn das doch ganz anders geplant.

2005 starteten der Bund und das Verkehrsunternehmen ihr Programm „Mobil mit Handicap – Service für mobilitätseingeschränkte Reisende“. Ein entscheidender Punkt auf der Agenda: Bahnhöfe mit über 1000 Reisenden am Tag oder in der Nähe von Einrichtungen für Behinderte sollen barrierefrei gestaltet werden, bezahlen soll das der Bund.

Heute, sieben Jahre später, ist davon nichts zu sehen. Dabei erfüllt Ochsenfurt beide Kriterien. Alleine 1000 Schüler steigen am Tag ein- und aus, eine Behindertenwerkstatt der Mainfränkischen Werkstätten ist nur 600 Meter entfernt.

An der Stadtverwaltung kann es nicht liegen. „Wir waren schon mit der Bahn in Kontakt als wir den Tunnel gebaut haben, der zumindest zum Fuß der Treppe führt“, erinnert sich Elisabeth Balk, Leiterin des Stadtbauamtes. Doch selbst dafür ist die Stadt zum Großteil selbst aufgekommen. Zur Situation heute kann Elisabeth Balk nichts sagen. „Momentan liegen uns keine Erkenntnisse der Bahn vor.“

Vor allem für die Behindertenwerkstatt in der Marktbreiter Straße wäre ein flacher Zugang zu den Gleisen eine echte Bereicherung. „Unsere gehandicapten Mitarbeiter könnten dann viel einfacher mal einen Ausflug machen und hier raus kommen“, sagt Martin Lorenz, der Leiter der Einrichtung.

Momentan wird der Zug von ihnen fast nie genutzt. „Das ist einfach zu kompliziert, deswegen organisieren wir uns lieber anders.“ Zwei Elektrorollstuhlfahrer und zwei Klapprollstuhlfahrer sind in der Gruppe der Mitarbeiter.

„Die E-Rollis lassen sich gar nicht transportieren, die sind viel zu schwer. Für die klappbaren sind pro Rollstuhlfahrer vier Mann nötig.“ Warum bisher nichts geschehen ist, kann er nicht verstehen. „Die Kriterien der Bahn sind doch alle erfüllt.“

Für Bernd Honerkamp, Pressesprecher der Bahn in Bayern, hingegen sind das „Negativkriterien“. „1000 Ein- und Aussteigende heißt nur soviel, dass kleinere Bahnhöfe sich gar nicht erst melden brauchen“, sagt er. „Es heißt aber nicht, dass die größeren jetzt alle sehr zeitnah umgebaut werden können.“ Passiert denn überhaupt etwas?

„Prinzipiell ist das möglich, und die Bahnhöfe sollen perspektivisch auch alle mal umgebaut werden.“ Eine vage Aussage dafür, dass sich die Bahn nach wie vor mit ihrem Programm schmückt.

Wie es im konkreten Fall für den Ochsenfurter Bahnhof aussieht, weiß Bernd Honerkamp aber genau. Nämlich schlecht. „Der Bahnsteig ist zu schmal, um einen Aufzug zu installieren. Und eine mögliche Rampe müsste fast 100 Meter lang sein. Grundsätzlich ginge das, aber es ist mit sehr viel Aufwand verbunden.“

Und zu teuer – das gibt der Bahnsprecher zu. Ochsenfurt steht weit unten auf der Prioritätenliste der Deutschen Bahn. Und Franz Breunig mit seinem Rollstuhl immer noch am Fuß der Treppe.

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