UNTERFRANKEN

G 9 vor dem Comeback

Gymnasial-Wende? Unterfränkische Schulleiter werben dieser Tage für ein Gymnasium, von dem niemand weiß, wie es in Zukunft aussieht.
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Ministerpräsident Horst Seehofer will es, Kultusminister Ludwig Spaenle will es, der Elternverband will es und die Philologen sowieso: das neunjährige Gymnasium. Dass das G 9 nach Bayern zurückkehrt, ist sehr wahrscheinlich, aber nicht sicher.

Wann eine endgültige Entscheidung fällt, wie diese genau aussieht und wann sie verkündet wird, ist noch unklar. „Vor Ostern“ – hat Ministerpräsident Seehofer verlauten lassen. Ankündigungen über Entscheidungen sind allerdings gerade in den letzten Wochen immer wieder verschoben worden.

Keine einfache Situation für Unterfrankens Schulleiter

Keine einfache Situation also für Unterfrankens Schulleiter, die dieser Tage bei den Einführungsveranstaltungen für die neuen 5. Klassen für ein Gymnasium werben müssen, von dem sie nicht genau wissen, wie es in Zukunft aussieht. „Ich kann mich dazu im Moment nur sibyllinisch äußern“, sagt Jutta Merwald, Vize-Schulleiterin des Veitshöchheimer Gymnasiums.

Schulleiter könnten nichts anderes tun als abwarten. Im Würzburger Siebold-Gymnasium hat Schulchef Hermann Rapps den Eltern bei der Einführungsveranstaltung gesagt, sie müssten ihre Kinder zunächst fürs G 8 anmelden und damit rechnen, dass sich die Schule zum G 9 wandele.

Rapps meint, er habe nicht den Eindruck gehabe, dass die Eltern diese Frage stark belaste. Rapps gibt sich als Befürworter eines neuen G 9 zu erkennen, auch die Vize-Schulleiterin des Würzburger Friedrich-Koenig-Gymnasiums, Michaela Zahn, wünscht sich das G 9, „wenn die Möglichkeit dazu besteht“.

Als ein leidenschaftlicher G 9-Fan erweist sich der Schulleiter des Friedrich-Liszt-Gymnasiums Gemünden, Walter Fronczek. Für ihn, der früher auch als Referent des Bayerischen Philologenverbands um neun Jahre gymnasiale Lehrzeit warb, wird der Tag, an dem das G 9 zurückkehrt, „ein Freudentag“. Fronczek sagt: „Das neunjährige Gymnasium ist für die Kinder einfach viel besser.“

Zu viel Stress, zu hohe Belastung

Das achtjährige Gymnasium sei der „Lebenswirklichkeit der Kinder einfach nicht gerecht“ geworden, sagt Fronczek. Zu viel Stress, zu hohe Belastung. Während der G 8-Jahre habe er zu viele Kinder gesehen, deren Wochenarbeitszeit – mit Nachmittagsunterricht, mit Lernen, mit Hausaufgaben – diejenige ihrer arbeitenden Eltern überstiegen habe. Fronczek hofft, dass der Druck mit einem neuen G 9 nachlässt.

Auch hofft er, dass Gymnasiasten sich mit einem neuen G 9 auf Kunst, Theater, Musik und auch Ehrenamt wieder mehr einlassen können als in den letzten Jahren. „Seit dem G 8 liegt da was brach“, so der Gemündener Schulleiter. Seine Schüler hätten in den letzten Jahren zwar weiter im Orchester oder auch im Schultheater gespielt, hätten sich auf die schönen Künste, des Zeitdrucks wegen, aber einfach nicht so einlassen können wie frühere Schülergenerationen.

Rückkehr zum G 9 keine Wiederbelebung eines alten Modells

Dass eine Rückkehr zum G 9 nicht eine Wiederbelebung eines alten Modells ist, sondern auch die Schaffung von etwas Neuem – das ist dem Gemündener Schulleiter wichtig. Die G 8-Jahre mit ihren Intensivierungsstunden hätten gezeigt, wie wichtig individuelle Förderung sei – diese Erkenntnis müsse man mitnehmen in ein generalüberholtes G 9, meint Fronczek.

Auch die mit dem G 8 beschlossene Einführung der 2. Fremdsprache in der 6. Klasse muss seiner Meinung nach bleiben – schon um sich gegen die Realschule abzugrenzen. Auch einen verpflichtenden Abifächer-Kanon, der ebenfalls mit dem G 8 kam, hält Fronczek für wichtig: „Im früheren G 9 gab es bei der Wahl der Abifächer eine sehr große Freiheit.

Mit der Folge, dass die Studierfähigkeit nicht immer gegeben war.“ Fronczeks Vorstellung vom neuen G 9 deckt sich zu weiten Teilen mit den Vorstellungen von Kultusminister Ludwig Spaenle, wie er sie unter dem Titel „Weiterentwicklung des Gymnasiums“ vor einigen Tagen an bayerische CSU-Politiker verschickt hat. Darin stellt Spaenle eine Unter- und Mittelstufe vor, die – außer Sport – keinen Nachmittagsunterricht mehr hat.

Die 2. Fremdsprache in der 6. Klasse solle bleiben. Mehr Gewicht will Spaenle den Fächern Informatik, Geschichte und Sozialkunde geben. Auch befürwortet er mehr Zeit für Werte- und Demokratieerziehung und betont den Wert der neu zu gestaltenden 11. Klasse. Den Wert der 11. Klasse betonen auch Lehrer aus der Region.

Das Jahr sei sinnvoll, um Mittelstufenstoff zu sichern, das selbstständige Arbeiten in den zwei Abschlussjahren vorzubereiten und auch, um Schülern Zeit zu geben, darüber nachzudenken, in welche berufliche Richtung sie gehen wollten, heißt es.

Unlösbare raumtechnische Probleme?

Bedenken, dass eine Rückkehr zum neunjährigen Gymnasium unlösbare raumtechnische Probleme mit sich bringe, bestehen bei befragten Schulleitern nicht. „Mit einer G 9-Raumplanung kämen wir sicher klar“, sagt Vize-Schulleiterin Michaela Zahn vom Würzburger Friedrich-Koenig-Gymnasium. „Vor einigen Jahren hatten wir noch 1260 Schüler und hatten vier Klassenzimmer ausgelagert – da war die Raumplanung eine größere Herausforderung.

Mittlerweile haben wir gut 900 Schüler und zwei Klassen ausgelagert.“ Aus demografischen Gründen gingen mittlerweile an den Gymnasien die Schülerzahlen zurück, so Zahn. Auch Hermann Rapps, der Leiter des Würzburger Siebold-Gymnasiums, hat keine Angst vor Raumproblemen – käme denn das G 9. Das Siebold-Gymnasium habe mit ausgelagerten Klassen gelebt und gelernt, dass „die Zahl der Räume abzukoppeln ist von der Schülerzahl“.

Soll heißen, dass man auch im G 8 eine Menge zusätzlicher Räume gebraucht habe – wegen Einzelförderung, Individualisierung oder fordernden Maßnahmen. Das Siebold-Gymnasium, sagt Rapps, habe außerdem das Glück, dass ein Erweiterungsbau auf dem Weg sei; da brauche man sich über zusätzliche Klassenzimmer weniger Sorgen zu machen.

G 8/G 9 – der aktuelle Stand

Im CSU-internen Streit über die Zukunft des Gymnasiums erhöht Ministerpräsident Horst Seehofer (CSU) den Druck auf die G 9-Skeptiker in den eigenen Reihen. „Ich persönlich unterstütze Ludwig Spaenle bei seinem Vorhaben, für ein grundständiges G 9 zu planen“, sagte Seehofer der „Süddeutschen Zeitung“.

Damit sprach er sich erstmals öffentlich für eine Rückkehr zum Abitur nach neun Jahren aus – nachdem er schon einen Kabinettsausschuss dazu eingesetzt hatte, mit dem Auftrag, den Weg zurück zum neunjährigen Gymnasium klarzumachen. Seehofer betonte, dass interessierte Schüler weiterhin nach acht Jahren das Abitur machen dürfen. „Wir wollen ein G 9, wir wollen aber auch die Geschwindigkeit des G 8 beibehalten.“

Kultusminister Ludwig Spaenle hatte sich vor kurzem nach langer Zurückhaltung öffentlich genau für diesen Weg ausgesprochen. Endgültig wollen Staatsregierung und Landtagsfraktion Eckpunkte für die gesamte Reform noch vor den Osterferien beschließen. dpa

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