WÜRZBURG

Ganz umsonst ins Konzert oder Theater

Mosaikkünstler Felix Welke öffnet sein Atelier für bedürftige Menschen. Foto: Pat Christ

Einen schicken Theaterabend oder ein Konzert mit einem Rockstar könnte sich Felix Welke nicht leisten. „Ich muss jeden Euro zweimal umdrehen“, sagt der Grombühler Mosaikkünstler. Doch obwohl er selbst auf finanzielle Aufstockung seines Einkommens durch das Jobcenter angewiesen ist, unterstützt der 63-Jährige die Würzburger Kulturtafel. Er stellt seine Werkstatt zur Verfügung.

Vor knapp zwei Jahren ging die Kulturtafel an den Start. Etlichen Menschen mit geringem Einkommen ermöglichte es das 32-köpfige Ehrenamtsteam seither, eine Theatervorstellung, ein Fußballmatch oder eine Kinovorstellung zu besuchen. „Wir haben inzwischen weit über 5000 Eintrittskarten vermittelt“, berichtet Annette Popp von der Arbeitsgruppe Öffentlichkeitsarbeit. Knapp 80 Kultur- und Sportinstitutionen bieten regelmäßig Tickets an. Um die 1000 Menschen aus Stadt und Landkreis nehmen aktuell das Angebot wahr.

In welchen Maße „Armut“ auch „Ausgrenzung“ bedeutet, weiß Kulturpartner Felix Welke sowohl aus eigener Erfahrung, als auch aus vielen Gesprächen mit Menschen, die von kargem Lohn, Hartz IV oder einer Minirente leben müssen. „Gerade im Rentenalter sitzen diese Menschen oft einsam daheim“, sagt er. Das mache auf Dauer krank: „Und bedeutet eine unglaubliche Verschwendung von Talenten.“

Mit seiner „Mosaikwerkstatt“ in der Matterstockstraße möchte Welke nun einer alleinerziehenden Frau als erstem Kulturtafelgast die Chance eröffnen, in einer professionellen Werkstatt kreativ tätig zu sein. Die regulären Kosten für Welkes Workshops könnte sich die Mutter zweier Kinder nicht leisten. Welke schenkt ihr seine Zeit, sein Knowhow und auch das Material, das sie benötigt, um ein Mosaikkunstwerk herzustellen.

Eine Menge Menschen sind in der Lage der Alleinerziehenden, weiß Sabine Voll, Vorstandsmitglied der Kulturtafel und Leiterin der Arbeitsgruppe Öffentlichkeitsarbeit. „Seitdem es uns gibt, sind wir deshalb immer größer geworden“, berichtet sie. Die Zahl der Würzburger Gäste stieg immer stärker an, hinzu kamen etliche bedürftige Menschen aus dem Landkreis.

Seit Februar hat sich das Klientel der Kulturtafel noch einmal erweitert: Durch neue Kooperationen mit der Evangelischen Kinder- und Jugendhilfe (EKJH) sowie mit der Mönchbergschule wurden erstmals junge Flüchtlinge als Gäste aufgenommen.

„Gerade im Rentenalter sitzen diese Menschen oft einsam daheim.“
Felix Welke Grombühler Mosaikkünstler

Prinzipiell wäre die Kulturtafel auch für erwachsene Flüchtlinge offen, so Voll: „Das Problem ist jedoch die Sprache.“ Die Gäste der Kulturtafel müssen einigermaßen Deutsch beherrschen, denn sie kommen per Anruf in den Genuss eines Tickets.

Das Ganze, schildert Annette Popp, funktioniert so: Trudelt ein Schwung von Freikarten bei der Kulturtafel ein, hängen sich die Ehrenamtlichen ans Telefon und klappern die Gäste der Reihe nach ab. Interessiert ein bestimmtes Konzert oder Theaterstück? Passt der Termin?

Zwar sind die Anmeldeformulare inzwischen so ausgefeilt, dass der Interessensabgleich leichter möglich ist als noch vor zwei Jahren. Dennoch sind oft Stunden nötig, bis ein größeres Kartenkontingent vermittelt ist. Im Falle der jungen Flüchtlinge werden stets mehrere Karten für Konzerte oder Sportevents weitergegeben, so dass eine Wohngruppe geschlossen zu einer Veranstaltung gehen kann. Ansprechpartner sind der für junge Flüchtlinge zuständige Mitarbeiter der EKJH sowie der Schulsozialarbeiter der Mönchbergschule. Auf diese Weise wird das sprachliche Problem umgangen.

Seit der Gründung der Kulturtafel vor zwei Jahren weitete sich nicht nur der Kreis der Gäste aus. Auch die ehrenamtliche Arbeit wurde immer professioneller. „Anfangs haben wir einfach nur Ehrenamtliche gesucht“, so Voll. Inzwischen wird nach Freiwilligen mit speziellen Kompetenzen gefahndet. Begehrt sind Menschen, die sich gut mit dem Computer auskennen und die Homepage pflegen können. Oder andere, die sich auch nach zwei Stunden Herumtelefonieren nicht aus der Ruhe bringen lassen. Schließlich benötigt auch die Kontaktpflege zu den Kulturpartnern bestimmte Kompetenzen: „Und zwar ein souveränes Auftreten.“

Viel mehr an Expansion, geben Annette Popp und Sabine Voll zu, ist ehrenamtlich nicht mehr zu stemmen. Kulturtafeln vergleichbarer Größe haben auch längst eine hauptamtliche Struktur, sagt Voll: „In Bamberg trägt zum Beispiel die Diakonie inzwischen die Kulturtafel.“

Noch größere Sorgen macht der Vorstandsfrau derzeit allerdings eine ganz andere Schwierigkeit: „Weil wir vermehrt Gäste aus dem Landkreis haben, stellt sich zunehmend das Problem, dass die Leute gar nicht zu den Kulturveranstaltungen hinkommen.“ Denn das karge Einkommen reicht nicht, um das Busticket zu finanzieren.

Die Kulturtafel ist auf Spenden angewiesen. Gespendet werden kann auf folgendes Konto: Kulturtafel Würzburg, IBAN: DE30 7905 0000 0047 6350 40, BIC: BYLADEM1SWU.

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