Gastbeitrag: Verantwortlich für den Frieden

Bomber und Bücher am Rathaus: Julian Eichler und sein Team haben während der großen Leonhard-Frank-Lesewoche abends Würzburger Gebäude mit Projektionen von Leonhard-Frank-Motiven illuminiert – wie hier den Grafeneckart.THERESA MÜLLER
Bomber und Bücher am Rathaus: Julian Eichler und sein Team haben während der großen Leonhard-Frank-Lesewoche abends Würzburger Gebäude mit Projektionen von Leonhard-Frank-Motiven illuminiert – wie hier den Grafeneckart.THERESA MÜLLER Foto: Foto:

Der Kommentar „Einer von uns“ von Karl-Georg Rötter vom 17. April stellt die Woche, in der Würzburg Leonhard Franks „Die Jünger Jesu“ gelesen hat, in den Zusammenhang mit der Geschichte unserer Stadt im Nationalsozialismus. Er betont, dass aus der „Stadtgesellschaft“ heraus diese bemerkenswerte Initiative entstand, die damit nicht nur an Leonhard Frank erinnern, sondern seine Fragen heute stellen wollte: Wie kann (Neo-)Nazismus begegnet werden? Wie entsteht so etwas wie Verteilungsgerechtigkeit? Und wie kann Frieden bewahrt/hergestellt werden?

Anders gesagt: welche Konsequenzen ergeben sich aus dem Erinnern? Aus dem Erinnern an Leonhard Frank, an die Zerstörung Würzburgs und den Nährboden, der dies möglich gemacht hat. Der Kommentator macht sehr bedenkenswerte Vorschläge, wie Würzburg sich einen Namen als „Stadt des Friedens“ machen könnte. „Wer wäre hierfür glaubwürdiger als eine Stadt, die in einem Krieg nahezu ausgelöscht war, aus den Trümmern neu erstand und es heute ernst meint mit dem Bekenntnis? Nie wieder Krieg!?“, fragt der Autor.

„Nie wieder Krieg!“ heißt es auch auf dem großen Transparent, das alljährlich am 16. März am Grafeneckart hängt. Aber ist es nicht längst eine Formel von gestern? Von der großen Politik wird uns ja immer mehr suggeriert, dass „mehr Verantwortung übernehmen“ eigentlich heißt, die Deutschen sollten ihre Abneigung gegen militärische Auslandseinsätze endlich ablegen. Den massenhaft exportierten deutschen Waffen könnten dann immer mehr deutsche Soldaten folgen.

„Das beschwörende 'Nie wieder Krieg!' ist, wenn es keine Konsequenzen hat, allenfalls unverbindliches Friedenspathos.“

Das beschwörende „Nie wieder Krieg!“ löst natürlich noch kein Problem und ist, wenn es keine Konsequenzen hat, allenfalls unverbindliches Friedenspathos. Aber „mehr Verantwortung übernehmen“ sollte auf der nationalen Ebene heißen, nicht-militärische Optionen überzeugter und energischer zu verfolgen, Rüstungsexporte herunterzufahren und endlich den Zivilen Friedensdienst besser zu finanzieren. Leonhard Frank würde sich freuen.

Freuen würde er sich vermutlich auch über die internationalen Partnerschaften mit Städten wie Caen oder Mwanza und den Freundschaftsvertrag den Würzburg 2013 mit der Atombombenstadt Nagasaki geschlossen hat; und über die in den letzten Jahren so engagierte Erinnerung an die Nazi-Opfer, die großen, breit unterstützten Demonstrationen gegen Rechtsextremismus und das Bündnis für Zivilcourage.

Auch der von Würzburger Bürgern getragene Würzburger Friedenspreis ist hier zu erwähnen, mit seiner Würdigung friedensfördernden Engagements aus unserer Region. Besonders hervorzuheben auch der engagierte Diskurs in Würzburg, der um die Bewohner der Gemeinschaftsunterkunft in der Veitshöchheimer Straße entstanden ist. Dort schwappen uns die internationalen Probleme der Verelendung, der exportierten Gewalt und der Ausbeutung zur Tür hinein und drängen auf Bewältigung.

Das sind Themen einer engagierten Stadtgesellschaft, die unbedingt weitergeführt und diskursiv entwickelt werden müssen. Dazu könnten etwa, wie von Karl-Georg Rötter vorgeschlagen, ein regelmäßiges internationales Friedenssymposium oder ein interdisziplinäres Forschungszentrum sehr gut beitragen. Und die Stadtgesellschaft braucht ihre neuen Stadträtinnen, Stadträte und ihren neuen Oberbürgermeister um solche Themen und Initiativen unterstützen und voranzutreiben. Und sie braucht gewählte Vertreter, die vor dem Hintergrund der Würzburger Geschichte – im besten Sinne lokalpatriotisch – gegebenenfalls auch gegen den Mainstream ihrer Bundesparteien bereit sind, zu formulieren, was Verantwortung für den Frieden ist. Das wäre dann ein lebendiges Denkmal für Leonhard Frank.

Nürnberg nennt sich vor dem Hintergrund seiner nationalsozialistischen Geschichte „Nürnberg – Stadt des Friedens und der Menschenrechte“ und unterhält ein eigenes Menschenrechtsbüro.

Und Würzburg?

Thomas Schmelter

Der Gastautor dieses Beitrags hat Medizin, Pädagogik, Soziologie und Politologie studiert und ist Facharzt für Psychiatrie und Psychosomatische Medizin und arbeitet als Oberarzt am Psychiatrischen Krankenhaus Schloss Werneck. Dr. Thomas Schmelter hat sich viel mit der Psychiatrie im Nationalsozialismus beschäftigt. Fragen von Krieg und Frieden haben den 62-jährigen Würzburger seit den Protesten gegen den damaligen „NATO-Doppelbeschluss“ Ende der 70er nicht mehr losgelassen. Seit vielen Jahren engagiert sich Schmelter in der Würzburger Friedensinitiative „Ökopax e.V.“.

Die Idee zum Würzburger Friedenspreis, der in diesem Jahr (am 20. Juli um 11 Uhr im Mainfrankentheater) bereits zum 20. Mal verliehen wird, stammt von Schmelter. Der Friedenspreis nimmt in seinem Selbstverständnis ausdrücklich Bezug auf die Zerstörung Würzburgs am 16. März 1945 und fragt nach den Konsequenzen für die Gegenwart.

Thomas Schmelter freut sich über Resonanz auf seinen Beitrag: Kritiker und alle, die an Gedanken zur „Stadtgesellschaft“ Interesse haben, können sich direkt an ihn wenden:

thomasschmelter@web.de

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