WÜRZBURG

Gastbeitrag: Warum Jan Böhmermanns "Schmähkritik" echte Satire ist

Jan Böhmermann
Von der TV-Arbeit will der ZDF-Satiriker Jan Böhmermann vorerst Abstand nehmen. Foto: Henning Kaiser/Archiv

Selten war ein Gedicht so bekannt wie das „Schmähgedicht“ Jan Böhmermanns. Selten wurde ein Gedicht so ausführlich und so heftig diskutiert wie eben dieses Schmähgedicht. Wenn man das Gedicht für sich allein nimmt, dann ist es in der Tat eine fast unerträgliche Ansammlung von vulgären und obszönen Ausdrücken; doch ist diese Ansammlung so absurd, dass man sich fragt, ob ein Mensch so etwas nur zur Schmähung eines – gelinde gesagt: umstrittenen – Staatspräsidenten verfasst. Oder ob der Text doch eine andere Funktion hat als die bloße Schmähung. Auch diese Frage ist schon diskutiert worden, und es hat mannigfache Versuche der Antwort gegeben. Dennoch gilt immer noch: Es ist mit Sicherheit sinnvoll, wenn nicht notwendig, den Text außerhalb der juristischen Problematik etwas genauer anzusehen.

Vermutlich kennen einige, vielleicht sogar viele die Anekdote vom Atheisten, der einen frommen Menschen davon überzeugen will, dass in der Bibel steht, dass es keinen Gott gebe. Der Fromme will das – natürlich – nicht glauben, so dass ihm der Atheist die vermeintlich einschlägige Stelle im Alten Testament zeigt. Es handelt sich um Psalm 53, wo im Vers 2 tatsächlich zu lesen ist (ich zitiere aus der sog.

Einheitsübersetzung): „Es gibt keinen Gott.“ Dieser Satz wäre in einem Text wie in der Bibel ein Skandal, wenn es so stünde, wie der Atheist ihn zitiert. Der Atheist zitiert diesen Satz jedoch falsch, denn vor dem scheinbaren Skandalon steht: „Die Toren sagen in ihrem Herzen“, und Vers 3 vermeldet: „Sie handeln verwerflich und schnöde; das ist keiner, der Gutes tut.“

Es gibt keine kontextfreien Sätze

Aus diesem einfachen Beispiel können (und sollen) wir lernen, dass es kontextfreie Sätze nicht gibt. Jede sprachliche Äußerung geschieht in einem Kontext und in einer Situation. Wir als sprechende Menschen sind immer in einer Situation, sind, anders formuliert, nie nicht in einer Situation. Deshalb muss jede sprachliche Äußerung aus ihrem Kontext und aus ihrer Situation heraus verstanden und bewertet werden. Scheinbar kontext- und situationsfreie Sätze gibt es, wie gesagt, nicht; selbst eine Äußerung wie „Zwei mal zwei ist vier“ ist nur in einem mathematischen Kontext oder als eine Antwort auf eine entsprechende Frage, etwa eines Lehrers, sinnvoll.

Im Augenblick erleben wir eine heftige Diskussion über einen Text, der den einen als eine ganz üble Beleidigung des türkischen Staatspräsidenten erscheint und den anderen als ein Stück Satire, an dem sich die Freiheit der Meinungsäußerung und der Kunst bewähren könne und müsse. In der Medienwissenschaft spricht man gerne von „Framing“ und meint damit, dass gesellschaftliche, vor allem politische Themen in mehr oder weniger subjektive Interpretationsrahmen (Rahmen = engl. frame) gestellt werden.

Doch liegt unser Verständnis des Textes nicht (nur?) in einem subjektiven Deutungsrahmen, sondern vielmehr in der Situation, in der das Gedicht entstanden ist und veröffentlicht wurde. Auch unser Deutungsrahmen ist ohne die Situation und den Kontext nicht vorstellbar.

Das Ganze beginnt am 17. März 2016 mit der NDR-Satiresendung „extra 3“, in der das Lied „Erdowie, Erdowo, Erdowahn“ vorgetragen wurde. Titel und Melodie des Liedes erinnern deutlich an den Song „Irgendwie, Irgendwo, Irgendwann“ der Sängerin Nena. Dieses „extra-3“- Lied kritisiert mit satirischen Mitteln, gestützt durch Einblendungen von Fernsehnachrichten, den türkischen Staatspräsidenten Erdogan.

Das Lied beginnt mit den Versen „Er lebt auf großem Fuß, der Boss vom Bosporus“; dazu sehen wir einen Filmausschnitt mit dem neuen türkischen Präsidentenpalast, und ein Nachrichtensprecher sagt: „Ein protziger Bau mit tausend Zimmern, errichtet ohne Baugenehmigung in einem Naturschutzgebiet.“ Etwas später wird gesungen: „Gleiche Rechte für die Fraun? Die werden auch verhaun“; dazu wieder ein Filmausschnitt, in dem demonstrierende Frauen von Polizisten vom Platz geprügelt werden und eine Sprecherin: „Die Polizei in Istanbul hat eine Demonstration zum Weltfrauentag gewaltsam aufgelöst.“ Es ist bekannt, dass nach der Sendung mit diesem Lied der deutsche Botschafter in Ankara von der türkischen Regierung einbestellt wurde; es ist des Weiteren bekannt, dass die deutsche Bundesregierung nur sehr schwach, wenn überhaupt, zu diesem diplomatischen Eklat Stellung nahm. Klar war, dass der Text dieses Liedes in Deutschland in keiner Weise strafbar ist.

Andererseits entstand in der deutschen Öffentlichkeit der Eindruck, dass sich die EU, vor allem aber die deutsche Kanzlerin, vom Wohlwollen des türkischen Staatspräsidenten abhängig fühlt und sich deshalb mit kritischen Äußerungen zurückgehalten hat.

In diese Situation platzte am 31. März die Sendung „Neo Magazin Royale“ des Spartensenders ZDF Neo. Nach der Vorankündigung einer neuen Serie in diesem Sender tritt ein Sprecher auf, der mit pathetischer Stimme die nachfolgende Sendung als „Jan Böhmermanns halbherzigen Versuch, Spaßfernsehen zu machen“, ankündigte. Das heißt, dass von Anfang an auf den unernsten Charakter der Sendung, die im Ganzen 45 Minuten dauerte, hingewiesen wurde. Etwa elf Minuten nach Beginn nennt Böhmermann seine Sendung „Deutschlands Quatschsendung Nr. 1“ und betont, dass er „mit Satire nichts am Hut“ habe. Damit wird Böhmermanns Rolle genau definiert. Er will kein Satiriker sein. Denn ein „Satiriker ist“, wie dies Tucholsky formuliert hat, „ein gekränkter Idealist: er will die Welt gut haben, sie ist schlecht, und nun rennt er gegen das Schlechte an.

“ Diese Rolle lehnt Böhmermann ab – zumindest in diesem Teil seiner Sendung.

Als Beispiel für gute Satire führt er das Erdogan-Lied von „extra 3“ an, dem er „Schmähkritik“ entgegenstellt. Dies alles geschieht immer, wie auch das Folgende, im Dialog mit einem Gesprächspartner, der z.B. den Artikel 5 des Grundgesetzes, der die Kunst- und Pressefreiheit garantiert, erwähnt. Die beiden erläutern, was Schmähkritik bedeutet und unter welchen Voraussetzungen sie strafbar ist, und erwähnen, dass aber für eine Bestrafung die tatsächliche Äußerung der Schmähkritik notwendige Voraussetzung sei; eine Strafe im Voraus sei in Deutschland nicht möglich. Da das Ganze etwas „kompliziert“ sei, will Böhmermann das alles anhand eines selbst gedichteten Textes mit dem Titel „Schmähkritik“ erläutern. Bevor er mit der Rezitation seines Gedichtes beginnt, sagt er explizit: „Das, was jetzt kommt, darf man nicht machen.“ Und dazu lässt er die Melodie eines „türkisch angehauchten Nena-Songs“ einspielen. Mit dieser Musik nimmt er deutlichen Bezug zum „extra-3“-Lied. Zwischendurch wird mehrmals im Dialog darauf hingewiesen, dass man so etwas nicht machen dürfe, dass das strafbar sei.

Unmittelbar nach dem Ende des Vortrags kommt der strafrechtliche Hinweis noch einmal, und der Partner Böhmermanns fordert das Publikum auf, nicht zu applaudieren.

Damit hat Böhmermann in seiner Sendung eine spezielle, scheinbar fiktive Situation geschaffen, in der ausführlich und an einem „praktischen Beispiel“ demonstriert werden soll, was Schmähkritik ist. In dieser Situation hat der wiederholte Hinweis auf die Strafbarkeit von Schmähkritik die Aufgabe, die besondere Situation zu stabilisieren, damit weder das Publikum noch die Zuschauer zu einer Realität, in der das Gedicht vom strafrechtlichen Beispiel zur kritischen Satire wird. Deshalb lautet der Titel auch nicht „Der türkische Präsident“ oder so ähnlich, sondern „Schmähkritik“. Sowohl mehrfache Äußerungen als auch die Melodie des Nena-Songs heben die fundamentale Differenz zwischen erlaubter Satire und strafbarer Schmähkritik permanent hervor.

Maßlose Übertreibung

Dazu kommt, dass der Wortlaut des Gedichtes selbst ein deutliches Signal dafür ist, dass Böhmermann nicht die Absicht hat, irgendjemanden auf derart erniedrigende Weise zu schmähen. Die Anhäufung und Aneinanderreihung von vulgären und obszönen Ausdrücken wirkt geradezu irreal und hat sicherlich mit Satire nichts zu tun. Allerdings, ein Kennzeichen von Satire ist die – bisweilen maßlose – Übertreibung. Die maßlos übertreibende Anhäufung von Vulgarismen und Obszönitäten ist ein weiteres Kennzeichen der fiktiven satirischen Situation, die ja „nur“ darlegen will, wodurch sich Schmähkritik von Satire unterscheidet.

Wenn also jemand meint, dass Böhmermanns „Schmähkritik“ „bewusst verletzend“ sei, dann hat er die Sendung, zumindest nicht den einschlägigen Teil gesehen; auf keinen Fall hat er ihn verstanden oder zu verstehen versucht. Noch einmal Kurt Tucholsky: „Vor allem macht der Deutsche einen Fehler: er verwechselt das Dargestellte mit dem Darstellenden.

Wenn ich die Folgen der Trunksucht aufzeigen will, also dieses Laster bekämpfe, so kann ich das nicht mit frommen Bibelsprüchen, sondern ich werde es am wirksamsten durch die packende Darstellung eines Mannes tun, der hoffnungslos betrunken ist.“ In diesem Sinn darf Satire wirklich alles.

Norbert Richard Wolf

An der Universität Würzburg hatte Professor Dr. Norbert Richard Wolf 32 Jahre lang den Lehrstuhl für deutsche Sprachwissenschaft inne. Seit 1989 leitete Wolf das Forschungsprojekt „Sprachatlas von Unterfranken". Im Jahr 2008 hielt der gebürtige Salzburger in Würzburg seine Abschiedsvorlesung. FOTO: Alice Natter

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