Würzburg

Gastbeitrag: Warum sich Pflegende nicht als Helden verstehen

Was in Zeiten von Corona gefordert ist und was Pflegende wirklich erwarten, erklärt unser Gastautor Professor Ernst Engelke. 
Die Maßnahmen gegen die Ausbreitung des Virus führen dazu, dass die Pflegenden in den Heimen und Kliniken fast keine praktische Unterstützung von außen bekommen.
Die Maßnahmen gegen die Ausbreitung des Virus führen dazu, dass die Pflegenden in den Heimen und Kliniken fast keine praktische Unterstützung von außen bekommen. Foto: Tom Weller, dpa

Jahrelang hat Bild.de mit Skandalberichten die Diskussion über den Pflegenotstand angeheizt. Vor einigen Monaten hieß es dort noch: „Das Pflegeheim ist die Hölle“. Und jetzt hat Bild.de sich geradezu mit Lob überschlagen. Der Vorstandsvorsitzende der Axel Springer SE, Mathias Döpfner, höchstpersönlich hat auf einmal entdeckt: „Ich danke allen Ärzten. Ich bewundere und verehre sie. Die wahren Helden aber sind für mich die Krankenschwestern und Pfleger. Sie sind es, die unsere Hand halten, wenn wir Angst haben vor einer schmerzhaften Behandlung, die uns aufmuntern, wenn wir vor einer Operation in düstere Gedanken sinken, die uns trösten, wenn wir alleine auf der Station liegen und uns einsam fühlen. Und die unser Leben retten, wenn sie auf ihrem nächtlichen Rundgang, den sie nicht hätten machen müssen, bemerken, dass es eine Komplikation oder einen Notfall gegeben hat. Und sie sind da, wenn nichts mehr hilft. Wenn einer gehen muss.“

Wir sollten uns erinnern: Nichts anderes haben Pflegende in den Heimen und Kliniken schon immer gemacht. Ihre Arbeit war auch vorher hart. Oft seelisch an der Grenze des Ertragbaren. Auch vor der Corona-Pandemie sind Menschen in Heimen und Kliniken gestorben. Manchmal viele in kurzer Zeit. Vor wenigen Jahren in einem Pflegeheim 30 Bewohner innerhalb von drei Monaten, vor zwei Monaten auf einer Palliativstation 17 Patienten in einer Woche.

Das Klima in den Heimen und Kliniken ist derzeit angespannt

Wer hat das damals gewürdigt? Offensichtlich sind die Leistungen der Pflegenden von uns bislang nicht wirklich wahrgenommen worden. Der Pflegenotstand hat sich mit der exponentiellen Ausbreitung des Coronavirus noch verschärft. Hinzu kommt: Für die Pflegenden besteht in ihrer Arbeit eine erhöhte Ansteckungsgefahr durch das Virus. Das Klima in den Heimen und Kliniken ist derzeit angespannt, trotz guter Zusammenarbeit.

Auf die ständige Bedrohung durch das Virus reagieren die einen gelassen, die anderen voller Angst. Die Maßnahmen gegen die Ausbreitung des Virus führen zudem dazu, dass die Pflegenden in den Heimen und Kliniken fast keine praktische Unterstützung von außen bekommen. Sie sind weitgehend allein mit den Pflegebedürftigen. Abgeschlossene Schicksalsgemeinschaften. Sie arbeiten rund um die Uhr, weil die Not der Menschen, die ihnen anvertraut sind, so unendlich groß ist.

Müssen wir die Pflegenden nicht um Entschuldigung bitten?

Pflegende, die einst aus guten Gründen ihren Arbeitsplatz im Heim oder in der Klinik verlassen haben, kommen jetzt zurück, um ihre Kolleginnen zu unterstützen. „Nun ist die Pandemie“, schreibt Döpfner. „Alle dürfen Angst vor dem Virus haben. Nur die Schwestern und Pfleger nicht. Sie müssen da sein. Jeden Tag und jede Nacht. Der Gedanke, dass auch sie erkranken können, mit viel höherem Risiko als alle anderen, wird verdrängt. Sie riskieren ihr Leben und das ihrer Angehörigen, um die Leben anderer zu retten. Sie machen das einfach, ohne viele Worte. Ich verneige mich vor allen Krankenschwestern und Pflegern.“

Aber kann eine Verneigung ausreichen? Müssen wir nicht vielmehr die Pflegenden um Entschuldigung bitten? Dass wir ihre Tätigkeit nicht als systemrelevant angesehen haben? Für die schlechte Bezahlung? Für das Alleinlassen? Für die Abwertung ihres Berufs, insbesondere der Altenpflege? Und nicht zuletzt für den Rassismus gegenüber Pflegenden mit einem Migrationshintergrund?

Der Würzburger Theologie und Sozialpädagoge Ernst Engelke.
Der Würzburger Theologie und Sozialpädagoge Ernst Engelke. Foto: Engelke

Was macht die Stilisierung zu Helden mit den Pflegenden – auch mit den Ärztinnen und Ärzten? Wollen sie überhaupt als Helden verehrt werden? Vermutlich nicht. Als Held angesehen zu werden, bedeutet ja nicht nur riesiges Lob, sondern löst zugleich auch enormen Druck aus: Helden werden nicht müde, haben keine Angst, geben nicht auf, stellen sich dem Kampf bis zum eigenen Tod.

Viele Pflegende haben Angst, dass sie im Zentrum heftiger Angriffe stehen könnten

Nein, die Pflegenden verstehen sich nicht als Helden. Sie sind Menschen wie Sie und ich. Sie tun ihre Pflicht und freuen sich über die ungewohnte Anerkennung, befürchten aber, dass es bei schönen Worten bleiben könnte. Viele Pflegende haben Angst, dass sie bald im Zentrum heftiger Angriffe stehen könnten, wenn erkannt wird, dass die Helden auch nur Menschen sind und die Ansprüche an die Pflege nicht wie gewünscht erfüllt werden konnten.

Mit besonders scharfer Kritik müssen die Leitungskräfte und das Management von Pflegeeinrichtungen rechnen. Dabei wird zumeist verschwiegen, dass sie gerade am Anfang weitgehend allein gelassen wurden (keine Epidemieexperten, fehlende Schutzausrüstung, langes Warten auf Testergebnisse usw.). Und dann äußert ein verantwortlicher Staatsminister öffentlich auch noch den Verdacht, dass das Virus wahrscheinlich durch einen Pfleger eingeschleppt wurde.

Wenige Tage nach der Verneigung ist Bild.de schon wieder Vorreiterin der Attacken auf die Pflege. Am 6. April 2020 haben Angehörige in Bild.de „schwere Vorwürfe gegen Würzburger Todesheim“ unter dem Titel: „Mutters Tod fühlt sich an wie eine Säuberungsaktion“ erhoben. Mit einem Foto des Ehepaares, das anklagt.

Krankenkassen und Pflegeversicherungen können uns nicht pflegen

Das Seniorenheim St. Nikolaus wird als Todesheim bezeichnet. „Säuberungsaktion“ erinnert an die Euthanasieprogramme des Dritten Reichs! Was passiert, wenn die „Helden“ nur noch erschöpft und müde sind und dann solche öffentlichen Angriffe ertragen müssen? Wenn sie auf einmal "systemrelevant" werden, um an ihnen Trauer und Zorn über das Unheil auszulassen? Wer wird angesichts solcher Verunglimpfungen noch bereit sein, unter schwierigsten Bedingungen pflegebedürftige alte Menschen in Pflegeheimen zu pflegen?

Es ist nur zu verständlich, dass viele davon abgeschreckt werden, den Pflegeberuf überhaupt zu ergreifen oder ihn – noch schlimmer – weiter ausüben zu wollen, trotz der Verneigungen und des momentanen Applauses. Was dann? Vergessen wir nicht, dass Krankenkassen und Pflegeversicherungen uns nicht pflegen können. Das können nur Menschen. Wie finden wir Menschen, die mit Hirn, Herz und Hand sich um Kranke, Alte und Sterbende kümmern?

Ernst Engelke
Ernst Engelke (79) ist Theologie und Sozialpädagoge. An der Fachhochschule Würzburg war er Professor für Soziale Arbeit. Schon früh engagierte er sich in der Hospizbewegung und der Palliative Care. Zur Sozialen Arbeit und zur Sterbeforschung hat er zahlreiche Veröffentlichungen verfasst. Er hat unter anderem über das Erleben und Verhalten sterbenskranker Menschen, insbesondere über die Kommunikation mit ihnen, geforscht.

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