Röttingen

Geballte Frauenpower bei den Frankenfestspielen Röttingen

Bei allen Stücken auf Burg Brattenstein stehen in dieser Saison starke Frauen im Fokus. Die Hauptdarstellerinnen über geplant schlechten Gesang und Gleichberechtigung.
Sie bringen die Geschichten unterschiedlichster Frauen auf die Bühne der Frankenfestspiele: (v.l.) Anne Steffens ("Der Vetter aus Dingsda"), Susanne Jansen ("Glorious!"), Antje Rietz ("Hello Dolly"). Foto: Catharina Hettiger

Am 13. Juni feiert auf Burg Brattenstein mit „Hello, Dolly!“ das erste von drei Stücken der Frankenfestspiele Röttingen Premiere. Im Zentrum des Musicals steht eine starke Frau, die eine Vision hat – genau wie bei der Komödie „Glorious“ über die „schlimmste Sängerin der Welt“ und in der Operette „Der Vetter aus Dingsda“. Wir haben uns mit den drei Hauptdarstellerinnen über ihre Figuren, geplant schrägen Gesang und Gleichberechtigung unterhalten.

Frage: Alle Stücke dieser Festspielsaison handeln von starken Frauen. Wen spielen Sie?

Antje Rietz: Dolly Levi, eine Heiratsvermittlerin im Jahre 1890, im Musical „Hello, Dolly!“. Dolly ist verwitwet und möchte wieder heiraten. Sie hat sich dafür einen Kunden ausgeguckt, der sie gebeten hat, ihm eine Frau zu suchen. Dolly findet, dass sie das ist und versucht, ihm das beizubringen. Und weil der Mann ein bisschen schwer von Kapee ist, dauert das Stück zwei Stunden (lacht).

Antje Rietz (links) als Heiratsvermittlerin Dolly bei den Proben zu "Hello, Dolly!". Foto: Evelyn Fischer

Susanne Jansen: Florence Foster Jenkins in der Komödie "Glorious!", die 1944 spielt. Jenkins war eine reale Person, eine reiche, exzentrische Amerikanerin; Musik war ihr Leben. Sie brachte viele Künstler und Musiker zusammen und sang auch selbst. Man sagt, ihr erster Mann hätte sie mit Syphilis angesteckt, so dass sie gesundheitliche Probleme hatte und nicht hören konnte, dass sie beim Singen nicht die Töne traf. Jenkins wurde dafür berühmt, dass sie etwas nicht konnte – und gleichzeitig ihren Traum verwirklichen wollte. 

Anne Steffens: Meine Rolle ist die der Julia  in „Der Vetter aus Dingsda“, einer Operette, die in unserer Version im Jahr 1959 spielt. Julia ist eine Romantikerin, die vor Jahren ihrem Vetter ewige Treue geschworen hat und seitdem wartet, dass er wiederkommt. Eines Tages kommt ein Fremder, dem Julia gefällt, weswegen er sich als der lang erwartete Vetter ausgibt. Die beiden verlieben sich; dann kommt raus, dass er gar nicht der echte Vetter ist. Am Schluss finden sich aber alle Paare, wie es sich für eine Operette gehört (lacht).

Anne Steffens als Julia in "Der Vetter aus Dingsda" - mit Manuel Ried als vermeintlichem Vetter. Foto: Catharina Hettiger

Was reizt Sie an Ihrer Rolle?

Rietz: Ich mag die alten Musicals gerne der Musik wegen. Außerdem bin ich jetzt privat in einem Alter, in dem ich nicht mehr jung, und auch noch nicht alt bin. Dolly ist eine Figur, die nicht jung sein muss – die darf Mitte, Ende 40, aber auch 60 sein. Mit der Rolle habe ich einen Fachwechsel vorgenommen, das finde ich gut.

Jansen: Florence Foster Jenkins war eine Persönlichkeit. Man kriegt selten Figuren zu spielen, die so viel Substanz haben. Auch ihre große Naivität und Fröhlichkeit reizen mich: Ich habe bisher viele harte Figuren gespielt – wie Lady Milford und Lady Macbeth. Außerdem ist es eine Hauptrolle, die das Stück tragen muss, da ist das gesamte Können gefragt. Gereizt hat mich auch, dass die Rolle nicht jung ist. Hier zählen ganz andere Dinge, es geht nicht um Sex-Appeal.

Steffens: Die Julia ist eine Rolle, in der ich wirklich singen darf, diese ganzen tollen Operetten-Schlager, diese Ohrwürmer, die man jetzt schon nachts nicht mehr loswird. Da darf man richtig was rauslassen, das freut mich sehr.

Was ist das Herausforderndste an Ihrer Rolle?

Rietz: Dolly redet ohne Ende – hat die viel Text (lacht)! Und das in einem Affenzahn. Das ist aber schön, ich gehe gerne mit Text um. Für den Partner ist es schwer. Ich führe die Szenen an, er muss reagieren – auch in einem Affenzahn, aber ohne zu reden, das ist genauso schwer.

Steffens: Für mich ist es das Musikalische. Beim „Vetter aus Dingsda“ hat man den Eindruck, dass mehrere Komponisten darin enthalten sind. Das Finale klingt wie Rossini; wenn der erste Fremde auftritt, denkt man an eine Wagner-Oper. Man muss viel zwischen den Genres hin- und herhüpfen. Außerdem haben Operetten oft etwas leicht Oberflächliches – da als Tenor und Sopran nicht nur dazustehen, Hände zu halten und sich hohe Cs zuzusingen, sondern Tiefe herauszuarbeiten und berührende Momente zu schaffen, ist herausfordernd.

Jansen: Das Herausforderndste ist die Komplexität der Rolle. Als Florence Foster Jenkins muss ich 150 Prozent geben, weil das Stück mit ihr steht und fällt. Und der Sympathiefaktor: Diese Frau wurde geliebt, das muss man sich als Schauspielerin erstmal erspielen. Der verbrämte Gesang ist natürlich auch nicht ohne.

Susanne Jansen als exzentrische Sängerin Florence Foster Jenkins bei den Proben zu "Glorious!". Foto: Evelyn Fischer

Wie schafft man es, mit seinem Gesang immer knapp daneben zu liegen?

Jansen: Da mussten wir uns was überlegen. Es gibt drei Arien, die voll ausgesungen werden: „Mein Herr Maquis“, „Königin der Nacht“ und ein spanisches Musikstück, das abartig hoch ist. Ich bin gesanglich ganz gut dabei, aber selbst meine „Königin der Nacht“ würde ich nicht in der Metropolitan Opera singen wollen (lacht). Bei manchem muss ich mir also gar keine großen Gedanken machen, dass es scheußlich klingt, aber es gibt auch Stellen, bei denen wir daran arbeiten, was lustig ist.

"Ich finde, der Schrei und die Forderung nach Gleichberechtigung können nicht laut genug sein."
Susanne Jansen, Hauptdarstellerin in "Glorious!"

Wie machen Sie das?

Jansen: Wir haben einen schlechten Gesang erarbeitet, es gibt eine Partitur, durch die ich zum Beispiel weiß: An genau dieser Stelle kippt meine Stimme über und ich treffe den Ton zu hoch. Schlechten Gesang kann man auch darstellen, indem man vollkommen aus dem Rhythmus rausgeht oder zu spät einsetzt.

Wie aktuell ist das Thema Ihres Stückes?

Rietz: Ich finde es weise, das Stück in 1890 angesiedelt zu lassen. Heiratsvermittlung , sowas findet doch heutzutage alles online statt. Das Stück spielt auch mit der damaligen Prüderie, die gibt es so auch nicht mehr. 

Jansen: „Glorious!“ erzählt die Biografie von Florence Foster Jenkins. Der Bogen zu heute: Bei Castingshows reagiert die Gesellschaft ähnlich wie damals. Wir wollen Leute scheitern sehen und uns daran erfreuen; dieses Phänomen hat Jenkins bekannt gemacht. Auch die Tragik hat etwas Aktuelles: Jenkins ist kurz nach ihrem legendären Konzert an der Metropolitan Opera gestorben – viele sagen, an gebrochenem Herzen, weil die Kritiken sehr böse waren. Auf heute übertragen: Was macht es mit all den Semi-Promis, die vor die Kamera gezerrt werden – die müssen hinterher ja auch weiterleben?

Steffens: Beim „Vetter aus Dingsda“ geht es um Menschen und um Gefühle; jede Figur hat ihr Thema und verfolgt ganz eigene Ziele – das ist immer aktuell.

Stichwort „starke Frauen“ – wie es ist um Gleichberechtigung in unserer Gesellschaft bestellt?

Jansen: Ich finde es erschütternd, wie man glaubt, dass Gleichberechtigung im Gange ist, die Fakten aber klar dagegen sprechen. Stichwort Gehalt: Es muss gleiche Bezahlung für gleiche Arbeit her, andere Länder in Europa sind schon viel weiter als Deutschland. Eine Frauenquote fand ich immer schwierig, weil ich dachte, Qualität setzt sich durch. Inzwischen bin ich anderer Meinung. Ich finde, der Schrei und die Forderung nach Gleichberechtigung können nicht laut genug sein.

Rietz: Ich musste in meinem persönlichen Leben selten über Gleichberechtigung nachdenken. Ich bin in einem Beruf gelandet, in dem ich Frau sein darf und muss. Ich muss mich nicht gegen Männer durchsetzen– wie etwa eine Physikerin, die, wie man so hört, dreimal so viel leisten muss wie ihre männlichen Kollegen, um anerkannt zu werden. Da ich aus beruflichen Gründen viel unterwegs bin, hat mein Mann das Familienmanagement übernommen. Er arbeitet genauso viel wie ich, also hat er die Doppelbelastung. Was mir auffällt, ist, dass nur ich als Frau gefragt werde: „Wie machen Sie denn das mit den Kindern?“

Steffens: Wo ich Frauen in unserem Beruf für stark benachteiligt halte, ist beim Thema Familie. Viele Kolleginnen sagen: Krieg‘ auf keinen Fall ein Kind, danach bekommst du keinen Job mehr, weil Du nicht mehr flexibel bist. Hier könnte einiges für Frauen getan werden.

Sie bringen die Geschichten unterschiedlichster Frauen auf die Bühne der Frankenfestspiele: (v.l.) Anne Steffens ("Der Vetter aus Dingsda"), Susanne Jansen ("Glorious!"), Antje Rietz ("Hello Dolly"). Foto: Catharina Hettiger
Frankenfestspiele 2019: Hauptdarstellerinnen und Stücke
Antje Rietz ist Schauspielerin, Sangerin und Musikerin. Die gebürtige Berlinerin studierte an der Universität der Künste Berlin und spielte unter anderem am Theater des Westens, der Neuköllner Oper und dem Friedrichstadtpalast. Bei den Frankenfestspielen Röttingen war sie 2017 in „My Fair Lady“ und 2018 in „Monty Python‘s Spamalot“zu erleben.
Susanne Jansen arbeitet als freie Schauspielerin, gibt Solokonzerte als Jazz- und Bluessängerin, schreibt eigene Theaterstücke und ist in Film und Fernsehen zu sehen. Die gebürtige Berlinerin spielte unter anderem am Theaterhaus Jena, der Volksbühne Berlin und dem Schauspiel Hannover.
Anne Steffens studierte Gesang an der Hochschule für Musik Nürnberg und an der Universität der Künste Berlin. Ihre Engagements führten sie unter anderem ans Mecklenburgische Staatstheater Schwerin, das Stadttheater Pforzheim, das Theater Osnabrück. Mit verschiedenen Orchestern war sie in ganz Deutschland, der Schweiz und Istanbul unterwegs.
Am 13. Juni ist Premiere des Musicals "Hello Dolly". Danach stehen die Komödie "Glorious!" (Premiere 27. Juni) und die Operette "Der Vetter aus Dingsda" (Premiere 4. Juli) auf dem Spielplan. Weitere Pogrammpunkte: Open-Air-Kabarett "Letzte Patrone" mit Django Asül am 16. Juli,"Festspiel-Cocktail" (musikalischer Abend mit dem Ensemble der Festspiele) am 28. Juli und das Konzert von Radio Doria - Jan Josef Liefers & Band am 13. August. Weitere Infos zu den Röttinger Frankenfestspiele unter Tel. (0 93 38) 97 28 55 oder online: www.frankenfestspiele.de

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