OCHSENFURT

Gedankenspiel: Der Jakobus-Pilger von Frickenhausen

Das Epiphat an der St. Galluskirche in Frickenhausen zeigt den gekreuzigten Jesus, seine Mutter Maria, seinen Lieblingsjünger Johannes sowie eine knieende Frau zu Füßen von Johannes und neben Maria einen Mann mit Jakobsmuschel und Pilgerbeutel.
Das Epiphat an der St. Galluskirche in Frickenhausen zeigt den gekreuzigten Jesus, seine Mutter Maria, seinen Lieblingsjünger Johannes sowie eine knieende Frau zu Füßen von Johannes und neben Maria einen Mann mit Jakobsmuschel und Pilgerbeutel. Foto: Franz Schmitt

Da ist doch eine Jakobsmuschel. Erst beim näheren Hinsehen fällt sie mir auf.

An der Südseite der St. Galluskirche in Frickenhausen am Main gehe ich immer wieder einmal an einem Epitaph vorbei. Es ist eine Kreuzigungsszene mit dem gekreuzigten Jesus. Rechts und links stehen seine Mutter Maria und sein Lieblingsjünger Johannes. Dann knien, als kleine Figuren dargestellt, zu Füßen von Johannes eine Frau und neben Maria ein Mann.

Nach der umlaufenden Inschrift stiftete im Jahre 1461 Hans Holtzkirchner einen Altar und dieses Steinbildnis. Erst spät entdecke ich hinter der Schulter dieses Hans Holtzkirchner die Jakobsmuschel und jetzt sehe ich auch den umhängenden Pilgerbeutel.

Wer war Hans Holtzkirchner?

1461, da stand dieses Gotteshaus noch gar nicht. In Gedanken gehe ich die 450 Jahre zurück und frage mich: Wer war dieser Hans Holtzkirchner? Was hat ihm bewegt, als Jakobuspilger unterwegs zu sein? Was war der Anlass für seine Stiftung?

Wenn er Frickenhäuser Bürger war, dann war sein Leben wie bei vielen anderen Frickenhäusern geprägt von der Landwirtschaft, vom Weinbau und vom Fischfang im nahen Main. Natürlich könnte er auch eines der gängigen Handwerke betrieben haben als Schmied, als Wagner, als Steinmetz oder als Büttner.

Auf ähnlichen Steinbildnissen sind zu dem Stifterpaar oft auch Kinder mit abgebildet. Dies ist bei Hans Holtzkirchner nicht der Fall. Also könnte das Paar kinderlos gewesen sein. Aber was hat ihn bewegt, sich zur Pilgerschaft auf Jakobswegen aufzumachen, vielleicht sogar bis ans Grab des Apostels Jakobus im spanischen Santiago de Compostella?

Möglicherweise ist er in jungen Jahren vor seiner Heirat als religiös Suchender oder mit Abenteuerlust aufgebrochen. Haben ihn ein Schicksalsschlag oder eine Not auf den Weg gebracht? Gab es für ihn oder seine Familie etwas abzubüßen? Alles wird Spekulation bleiben.

Glaubensdemonstration

Allerdings seine Stiftung des Altars und des Steinbildnisses deutet auf eine überstandene Not oder Schicksalsherausforderung hin. Wohl aus Dankbarkeit für etwas Überstandenes. Er stellt sich ja mit seiner Frau unter das Kreuz Jesu. Vielleicht weil er selbst oder die Familie ein Kreuz zu tragen hatte.

Mit gefalteten Händen knien sie unter dem Kreuz. Auch nach 450 Jahren demonstrieren sie den heute Vorübergehenden ihren Glauben und ihre Dankbarkeit.

Und den Frickenhäusern oder denen, die, die als Besucher unseres Weinortes vor dem Epitaph stehen bleiben, könnte dieser Hans Holtzkirchner zurufen:

„Bleich ruhig stehen und lass dir sagen: Auch du bist ein Pilger, ein Suchender. Manchmal auch ein Gehetzter, Gejagter und Getriebener auf dem Weg. Nimm dir Zeit, im Zeichen der Muschel Schritt für Schritt unterwegs zu sein, das heißt mit dem Blick auf einen ganz tief von Jesus geprägten Heiligen, wie den Jakobus. Nimm dir Zeit, dich unter das Kreuz zu stellen mit deiner eigenen Not und mit der Not und den Herausforderungen so vieler Mitmenschen. Und eines darfst du noch wissen: Wo immer Menschen die Hände zum Gebet falten, werden sie diese nicht so schnell zu Fäusten ballen. Guten Weg dir – Buen camino.“

Gedankenspiel: Viel mehr, viel größer, viel unbeschreiblicher       -  Die Wetterbedingungen stimmen. Wir haben herrliche Sicht und heben mit dem Ballon am Sportplatz ab. Ich erlebe etwas Einzigartiges, das ich kaum in Worte fassen kann. Da liegt jetzt das Dorf mit seinen 550 Einwohnern unter mir ganz friedlich da. Ich sehe die Häuser und Straßen, die Pfarrkirche mit dem markanten Turm, das Pfarrhaus, den Sportplatz, die Felder mit der wachsenden Saat, den Wald, die Straßen in die Nachbardörfer.  Ich hatte eigentlich gedacht: Nach elf Jahren als Pfarrer kenne ich Dipbach durch und durch und habe eine Vorstellung von allem. Aber jetzt, so 200 Meter über dem Dorf, spüre ich: Das ist viel mehr und größer und gar nicht in meine begrenzten Vorstellungen und Sinneswahrnehmungen einzupassen.  Über allem, was ich so alltäglich sehe und höre, fühle und denke, erlebe und wahrnehme, gibt es eine Wirklichkeit, die viel mehr und viel größer und viel unbeschreiblicher ist. Vieles geht mir durch den Kopf und durch das Herz: Und in ein paar Tagen wirst du als Pfarrer am Dreifaltigkeitssonntag wieder vom dreifaltigen Gott sprechen, vom Vater, vom Sohn, vom Heiligen Geist. Du wirst Gott verkünden als drei Personen in einem Wesen: Gott, den Schöpfer der Welt, Gott Mensch geworden in Jesus Christus, Gott die belebende Kraft des Heiligen Geistes. In den Gottesdiensten und Gebeten wirst von Gott so sprechen, als ob du Gott durch und durch kennen würden.  Bei der weiteren Ballonfahrt über die fränkischen Dörfer und über den Main Richtung Steigerwald kommt mir der Text eines modernen religiösen Liedes in den Sinn:  „Mehr, mehr, viel mehr als unsre Sprache sagen kann. Anders, anders, ganz anders als unser Sinn es fassen kann.  Alles, mehr als alles, anders als alles ist Gott.“ Und ich sage mir: So musst du von Gott reden: stotternd, feinfühlig und bruchstückhaft, vorsichtig, tastend und ehrfurchtsvoll.  Ich denke mir heute, 20 Jahren nach diesem Aha-Erlebnis: Vielleicht bräuchten wir Pfarrer, Seelsorgerinnen und Seelsorger und alle, die von Gott reden oder singen auch immer wieder einmal eine solche Ballonfahrt, ein solches Darüberschauen und Tieferschauen. Vielleicht erkennt der eine oder andere dann: Mein Reden von Gott ist nur menschlich begrenztes Stückwerk. Gott ist viel unbeschreiblicher als ich Gott beschreiben könnten. Gott ist viel unfassbarer als ich Gott erfassen könnten. Gott ist mehr als ich es in Zahlen und Begriffen ausdrücken könnten.   Gott ist viel mehr und viel größer und viel unbeschreiblicher.
Die Wetterbedingungen stimmen. Wir haben herrliche Sicht und heben mit dem Ballon am Sportplatz ab. Ich erlebe etwas Einzigartiges, das ich kaum in Worte fassen kann. Da liegt jetzt das Dorf mit seinen 550 Einwohnern unter mir ganz friedlich da. Ich sehe die Häuser und Straßen, die Pfarrkirche mit dem markanten Turm, das Pfarrhaus, den Sportplatz, die Felder mit der wachsenden Saat, den Wald, die Straßen in die Nachbardörfer. Ich hatte eigentlich gedacht: Nach elf Jahren als Pfarrer kenne ich Dipbach durch und durch und habe eine Vorstellung von allem. Aber jetzt, so 200 Meter über dem Dorf, spüre ich: Das ist viel mehr und größer und gar nicht in meine begrenzten Vorstellungen und Sinneswahrnehmungen einzupassen. Über allem, was ich so alltäglich sehe und höre, fühle und denke, erlebe und wahrnehme, gibt es eine Wirklichkeit, die viel mehr und viel größer und viel unbeschreiblicher ist. Vieles geht mir durch den Kopf und durch das Herz: Und in ein paar Tagen wirst du als Pfarrer am Dreifaltigkeitssonntag wieder vom dreifaltigen Gott sprechen, vom Vater, vom Sohn, vom Heiligen Geist. Du wirst Gott verkünden als drei Personen in einem Wesen: Gott, den Schöpfer der Welt, Gott Mensch geworden in Jesus Christus, Gott die belebende Kraft des Heiligen Geistes. In den Gottesdiensten und Gebeten wirst von Gott so sprechen, als ob du Gott durch und durch kennen würden. Bei der weiteren Ballonfahrt über die fränkischen Dörfer und über den Main Richtung Steigerwald kommt mir der Text eines modernen religiösen Liedes in den Sinn: „Mehr, mehr, viel mehr als unsre Sprache sagen kann. Anders, anders, ganz anders als unser Sinn es fassen kann. Alles, mehr als alles, anders als alles ist Gott.“ Und ich sage mir: So musst du von Gott reden: stotternd, feinfühlig und bruchstückhaft, vorsichtig, tastend und ehrfurchtsvoll. Ich denke mir heute, 20 Jahren nach diesem Aha-Erlebnis: Vielleicht bräuchten wir Pfarrer, Seelsorgerinnen und Seelsorger und alle, die von Gott reden oder singen auch immer wieder einmal eine solche Ballonfahrt, ein solches Darüberschauen und Tieferschauen. Vielleicht erkennt der eine oder andere dann: Mein Reden von Gott ist nur menschlich begrenztes Stückwerk. Gott ist viel unbeschreiblicher als ich Gott beschreiben könnten. Gott ist viel unfassbarer als ich Gott erfassen könnten. Gott ist mehr als ich es in Zahlen und Begriffen ausdrücken könnten. Gott ist viel mehr und viel größer und viel unbeschreiblicher.

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