HÖCHBERG

Gedenkfeier am Armenierstein

Am Gedenkstein: Bekenntnis zur Gemeinschaft.
Am Gedenkstein: Bekenntnis zur Gemeinschaft. Foto: Matthias Ernst

Am neuen Friedhof in Höchberg steht ein auf den ersten Blick seltsam anmutender Gedenkstein. Selbst viele Höchberger wissen nichts über den mit reichen Ornamenten verzierten Tuffstein. Erst ein Blick auf die Rückseite bietet eine Erklärung. „In Dankbarkeit den Höchberger Bürgern“ steht hier. 1991 vom armenischen Künstler Sergej Danieliyan geschaffen, war er „der erste Gedenkstein für die Opfer des Genozids an den Armeniern auf deutschem Boden“, so Bürgermeister Peter Stichler (SPD) bei der Gedenkfeier zum 100. Jahrestag der Massenvernichtung des armenischen Volkes.

Jedes Jahr versammeln sich viele in Deutschland lebende Armenier und gedenken an diesem Stein ihrer verstorbenen Vorfahren. Weit über 200 waren gekommen, um durch das Erscheinen zu dokumentieren, dass ihre Väter, Mütter und Großeltern nicht vergessen sind.

Zu Beginn der Feier hatte Uta Kosel, Vorstandsmitglied von Interkap Deutschland, ein Zitat eines Augenzeugen verlesen, der das ganze brutale Ausmaß des Völkermordes verdeutlichte. Ihr Mann, Reiner Kosel, Vorsitzender von Interkap, sprach das aus, was viele in der Aussegnungshalle und davor im Freien dachten: „Wir fordern von der türkischen Regierung die Anerkennung des Völkermordes“.

Der Historiker Dr. Bernd Rottenbacher ordnete das Geschehen von 1915 in die damalige politische Lage ein. Die jungtürkische Regierung im osmanischen Reich hatte als Kriegspartner Deutschlands im 1. Weltkrieg viele militärische Probleme. Um von der Außenpolitik abzulenken und ein Zeichen zu setzen für die Schaffung einer türkischen Nation ließ sie 1,5 Millionen Armenier verschleppen und ermorden. Doch auch andere Volksstämme, die im osmanischen Reich lebten, wie Ponton-Griechen, Aramäer oder Assyrer wurden verfolgt und hingerichtet. So fand eine ethnische Säuberung statt, die als die erste „moderne“ Massenvernichtung von Menschen in die Geschichtsbücher eingegangen ist. Hamurabi Braham von „Tur Abdin Würzburg“ erinnerte daran, dass die Armenier, wie auch die anderen verfolgten Volksgruppen, dem christlichen Glauben angehörten und nicht mehr in das Bild der islamisch geprägten Türkei passten. Auch er forderte die jetzige Regierung der Türkei auf, den Völkermord nicht weiter zu leugnen. §312 der türkischen Verfassung verbiete es unter Strafe, dass der Völkermord in der Türkei benannt werden darf oder dass man überhaupt darüber redet. Das dürfe in einer aufgeklärten Gesellschaft nicht mehr sein. Ebenso forderte er die Türkei auf, die damals annektierten Gebiete an die rechtmäßigen Besitzer zurückzugeben.

Der Festredner, SPD-Bundestagsabgeordneter Walter Kolbow, wagte die Aussicht, dass sich in naher Zukunft etwas bewegen könnte, denn „Versöhnung muss auf Wahrheit beruhen und nicht auf Verleugnung“ und „ohne die Erinnerung an die Armenier kann es keine europäische Einheit geben“. Die Erinnerung könne auch befreiend sein, und so freute er sich an den Texten und Liedern armenischer Künstler, die den Völkermord überlebt hatten und die armenische Kultur weitertrugen, trotz der damals niedergebrannten Häuser und Gebäude. Der armenische Priester Ter Ajgik sprach aus, was viele dachten: „Solange der Völkermord nicht verurteilt wird, wird das Morden weiter gehen“. Zusammen mit seinen Amtskollegen, Pfarrerin Antje Biller von der evangelischen Kirche in Höchberg und Pastoralreferent Bernd Götz von der katholischen Kirche, sprach er am Gedenkstein einen Segen aus. Das „Vater unser“ schließlich vermittelte ein tiefes Gefühl der Gemeinschaft.

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