WÜRZBURG

Gesellschaft muss sich auf neue Bedrohungen einstellen

Das Axt-Attentat in Heidingsfeld: Die Feuerwehr rettet, sichert, beleuchtet und sperrt ab. Foto: Würzburg erleben/pascal Höfig

Die Feuerwehr Würzburg, das sind 570 Menschen, die für die Sicherheit in der Stadt stehen: Ehrenamtliche Feuerwehrfrauen und -männer, Beamte der Berufsfeuerwehr sowie technisches und Verwaltungspersonal im Amt für Zivil- und Brandschutz.

Gemeinsam bewältigten sie im Jahr 2016 über 3000 Einsätze, von der Kleintierrettung über Großbrände bis zum Axt-Attentat von Würzburg durch einen jungen Flüchtling.

Verschärfung der Sicherheitslage

„Das Jahr 2016 war geprägt von einer drastischen Verschärfung der Sicherheitslage. Unsere Gesellschaft muss sich auf neue Bedrohungen einstellen. Großflächige Stromausfälle, extreme Wetterlagen oder Terror- und Amoklagen stellen uns vor neue und schwierige Herausforderungen“, schreibt Harald Rehmann, Chef der Würzburger Berufsfeuerwehr, in seinem Jahresbericht für 2016. Den legte er Stadträten vor.

Dramatischer Terroranschlag

Auch für ihn war der Terroranschlag im Juli in Heidingsfeld, bei dem ein islamitischer Attentäter fünf Menschen schwer verletzte, bevor er von der Polizei erschossen wurde, das dramatischste Erlebnis aus dem Jahr 2016. Rehmann: „Für alle Einsatzkräfte, die unter dem Eindruck dieses Terroranschlags tätig waren, war es eine große psychische Belastung.“

18. Juli 2016, Würzburg wird von einem Terroranschlag erschüttert. Am Montagabend werden Polizei, Feuerwehr und Rettungsdienst zu einem Terror-Szenario in einem Zug gerufen. Standort und Lage im Zug sind zunächst unklar.

Später stellt sich heraus: Der junge Flüchtling steigt nach 21 Uhr in Ochsenfurt in den Regionalexpress von Treuchtlingen nach Würzburg. Auf einer Toilette nimmt er Axt und Messer aus dem Rucksack. Danach attackiert er eine vierköpfige chinesische Familie.

Alle vier Personen erleiden schwere Hieb- und Stichverletzungen. Mitreisende ziehen die Notbremse und der Zug hält in Heidingsfeld, parallel zur Winterhäuser Straße in Höhe des Röthenwegs. Der Täter geht zu Boden, kann dann jedoch aus dem Zug flüchten.

Passantin mit Axt verletzt

In Höhe des Hauses Winterhäuser Straße 72 stößt er auf eine Passantin, die er mit der Axt an Kopf und Rumpf schwer verletzt. Er setzt seine Flucht in Richtung Grünanlagen fort. Dann erschießen Männer eines Spezialeinsatzkommandos (SEK) den jungen Attentäter in den Mainauen.

Der Feuerwehr-Jahresbericht schildert den Einsatz so: Zufällig ist in sechs Kilometern Entfernung ein Zugriff des SEK Bayern Nord für einen anderen Fall geplant. Die Beamten stehen zum Notrufzeitpunkt unmittelbar vor ihrem Einsatz. Sie brechen diesen sofort ab und fahren den letzten Ort des Täterkontaktes an.

Durch die schnelle Hubschrauberunterstützung kann der Täter auf seiner Flucht Richtung Main verfolgt werden. Der Attentäter steht schließlich zwei Beamten im mannshohen Gestrüpp in wenigen Metern Entfernung gegenüber. Er stürmt mit erhobenen Waffen auf sie zu. Die Beamten feuern auf ihn und stoppen ihn so.

Alarm für Feuerwehr

Die Einsatzkräfte von Feuerwehr und Rettungsdienst werden um 21.18 Uhr alarmiert: „Terrorakt im Zug, Täter mit Axt“. Die Berufsfeuerwehr rückt mit einem Hilfeleistungslöschfahrzeug und dem Rüstwagen aus, der Löschzug 5 der freiwilligen Brandbekämpfer Würzburg stößt dazu.

Nachdem der Standort des Zuges und die Lage für die anfahrenden Kräfte zunächst unklar ist, richtet man den Bereitstellungsplatz etwa zwei Kilometer vor der vermuteten Einsatzstelle ein. Als Hilfe für den Einsatzleiter wird die Unterstützungsgruppe Einsatzleitung alarmiert. Das sind Kräfte aus Freiwilligen Feuerwehren.

Rettung der Schwerverletzten

Der Zugführer des Löschzuges 5 trifft am Zug ein. Zwei Rettungswagen und die Polizei sind schon vor Ort. Die Kräfte führen jetzt die Rettung im und am Zug durch. Die Schwerverletzten werden zu den Rettungswagen getragen.

Alle anderen Betroffenen kommen in den ersten größeren Garagenhof einer Einfamilienhaus-Siedlung. Nach der Polizei-Befragung verlegt man die Menschen in die Betreuungsstelle in der s.Oliver-Arena.

Die Winterhäuser Straße wird als Hauptverbindung in das Umland zwischen Seilerstraße und Unterem Kirchbergweg gesperrt. Sie dauert bis Mitternacht. Gegen 22.30 Uhr beleuchtet die Feuerwehr den Fundort des erschossenen Täters in den Mainauen.

Angst vor weiteren Anschlägen

Folgeanschläge sind nicht auszuschließen. Polizei und Feuerwehr erstellen eine Strategie, um das Stadtgebiet abzusichern. Diese Aufgabe übernehmen die Versbacher Wehr und der Löschzug 3 mit drei Fahrzeugen. Dienstfreie Kräfte der Berufsfeuerwehr werden alarmiert, ein erweiterter Zug in der Hauptfeuerwache in Bereitschaft versetzt.

Um die Tat zu verarbeiten, wird eine gemeinsame Einsatzbewältigung für alle Hilfssparten festgelegt. Sie findet direkt nach Ende des Geschehens beim Bayerischen Roten Kreuz statt. Es werden erste Gespräche geführt. Zwei Tage später wird das wiederholt.

Rückblick

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