Glosse: Wenn Wanderer verloren gehen

Wandern ist gesund und macht Spaß. Auf Beschilderung und Wegbeschreibung sollte man sich allerdings lieber nicht verlassen.
Wandern macht ja echt Spaß – wenn man nur ab und an einen Hinweis bekäme, wo man sich eigentlich befindet. Foto: Jürgen Haug-Peichl

Manchmal fragt sich der geneigte Wanderfreund schon, warum er zur Orientierung im Wald überhaupt eine Wanderkarte mitnimmt. Hänsel und Gretel hatten schon Recht – mit ein paar Brotkrumen kommt man eigentlich genauso weit. Woran das liegt? An dem undurchschaubaren Dickicht aus Markierungen und Beschilderungen, die sich gegenseitig munter widersprechen und ihr Opfer rettungslos in die Irre leiten. Dermaßen in die Irre, dass der Wanderer irgendwann bedauert, Biwaksack und Gaskocher nicht mitgenommen zu haben.

Dazu muss man nicht in die Rocky Mountains reisen oder nach Kamtschatka. Das funktioniert auch prima im Spessart oder in der Rhön – bei uns in der Ochsenfurter Ecke eher nicht, weil da wenig Wald ist und man immer sehen kann, wo man sich ungefähr befindet. Aber kehren wir zurück in die Abgeschiedenheit der Spessartwälder. Dort verspricht eine Rundwanderung, die auf einem mit rotem Querstrich markierten Weg beginnen und dann auf den "Fuchs"  überleiten soll, einen Streifzug durch schöne Landschaft.

Ein X, ein Punkt, aber kein Querstrich

Am Parkplatz jedoch findet sich kein mit rotem Querstrich markierter Forstweg. Ein rotes X, ein roter Punkt und ein roter Hase, das ja. Und ein schwarzes B. Was jetzt? Eine eingehende Inspektion der wegnahen Bäume fördert einen ganz verblichenen roten Schrägstrich zutage. Eigentlich sollte es ja ein Querstrich sein, aber in der Not  frisst der Teufel ja bekanntlich Fliegen.

Der Weg mit dem verblichenen Schrägstrich führt selbstredend weder am versprochenen Bildstock vorbei, noch an der Quellfassung aus Sandstein. Dafür durch schönen Hochwald direkt zu einer Straße, die laut Wanderkarte an dieser Stelle gar nicht sein dürfte. Egal. Der Schrägstrich hat sich mittlerweile in einen gelben Pilz verwandelt. Den Pilz-Weg verortet die Wanderkarte zwei Täler weiter. Es könnte aber sein, dass er irgendwo in der Nähe auf den bislang durch Abwesenheit glänzenden roten Querstrich trifft.

Heimkehr in der Abenddämmerung

Natürlich tut er das nicht. 300 Höhenmeter weiter unten quert der Pilz einen Weg mit blauem Doppelquerbalken, den die Wanderkarte als roten Habicht kennt, die verblichene Markierung an einem Baum war früher wohl mal ein blaues X. Der (schon etwas ältere) Wanderführer spricht von einem gelben Kreis. Inzwischen steckt der Frischluftfreund so tief im Wald, dass nicht einmal mehr das Smartphone eine Antwort auf die Frage liefern kann, ob diese Gemarkung noch zu Bayern oder schon zu Hessen gehört.

Also keuchend die Falllinie hinauf auf den nächsten Hügelkamm. Die Sonne sinkt, die Hoffnung schwindet, der Tee in der Thermoskanne ist alle. Da – ein Forstweg! Markiert mit dem roten Hasen! Und ein schwarzes B ist auch an den Baum gepinselt. Der Parkplatz kann nicht weit sein. Als schon die Lichter vorbeifahrender Autos durch die Bäume zu sehen sind, taucht im Halbdunkel eine Markierung auf: der ewig abgängige rote Querstrich. Jetzt kann er mir auch gestohlen bleiben.

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