WÜRZBURG

Gold mit fremder Lunge und Niere

Franziska Liebhardt ist von der Stadt als „Sportlerin des Jahres 2016“ geehrt worden. Pokal und Blumen übergaben Oberbürgermeister Christian Schuchardt (links) und Sportreferent Muchtar Al Ghusain. Foto: Patrick Wötzel

Im letzten Jahr wurde zum ersten Mal eine eigene Sportlerin des Jahres gekürt, und auch in diesem Jahr gab es eine Premiere bei der städtischen Sportlerehrung: Mit Franziska Liebhardt wurde zum ersten Mal eine Athletin mit Handicap als „Würzburger Sportlerin des Jahres“ ausgezeichnet. Die 35-Jährige hat im vergangenen Jahr bei den Paralympics in Rio de Janeiro eine Gold- und eine Silbermedaille gewonnen. Sportler des Jahres wurde zum ersten Mal ein Ruderer: Konstantin Steinhübel vom Akademischen Ruderclub Würzburg (ARCW) war 2016 unter anderem Vize-Europameister im Leichtgewichts-Einer.

„Würzburg ganz fortschrittlich“

Bei den meisten Ehrungen in Deutschland wird immer noch zwischen Sportlern mit und ohne Behinderung unterschieden. Nicht so in Würzburg, wo das Thema Inklusion und Integration aller Menschen schon lange ganz weit oben auf der Tagesordnung steht: „Wir machen diese Unterscheidung nicht mehr“, betonte Oberbürgermeister Christian Schuchardt.

Bundespräsident Joachim Gauck ging im vergangenen November mit gutem Beispiel voran: Er hat allen deutschen Medaillengewinnern der Olympischen und Paralympischen Spiele in Rio das Silberne Lorbeerblatt verliehen, ohne zwischen den Sportlern mit und ohne Handicap zu differenzieren.

„Diese Ehrung macht weit nach außen deutlich, wie fortgeschritten wir in Würzburg sind“, sagte auch der Präsident des Verbandes der Würzburger Sportvereine, Christoph Hoffmann: „Das ist die Spitze dessen, was in unserer Stadt seit Jahren in Sachen Inklusion und Integration geleistet wird.“

Zwei Jahre hartes Training

Aufgrund einer Autoimmunerkrankung, die ihre Organe angreift, lebt Franziska Liebhardt seit acht Jahren mit einer neuen Lunge und seit 2012 mit einer gespendeten Niere. Weitere Folge der Krankheit ist eine halbseitige Spastik, wegen der sie als Behindertensportlerin gilt. Zwei Jahre lang hat sie ihre Wahlheimat Würzburg verlassen, um sich bei Bundestrainerin Steffi Nerius in Leverkusen auf die Paralympics vorzubereiten. Die harte Arbeit hat sich gelohnt: Gold im Kugelstoßen mit der Weltrekordweite von 13,96 Metern und Silber im Weitsprung brachte sie aus Brasilien mit.

Der Würzburger Sportler des Jahres 2016 wäre fast auch nach Rio gefahren: Die Qualifikation für die Olympia-Teilnahme verpasste Konstantin Steinhübel im Leichtgewichts-Einer mit der drittschnellsten Zeit bei den Deutschen Meisterschaften nur knapp.

Dass mit Steinhübel zum ersten Mal ein Ruderer den Titel „Sportler des Jahres“ erhalten hat, überraschte auch OB Schuchardt. Schließlich gehören die Ruderer aus Würzburg seit Jahrzehnten immer wieder zur Weltspitze. Der 27-Jährige ist sechsfacher deutscher Meister, zweimaliger Vize-Europameister und hat bei sieben Weltmeisterschaften eine Gold- und drei Silbermedaillen gewonnen. Schiffsbau-Student Steinhübel stehe „ein Stück weit auch stellvertretend für viele andere erfolgreiche Ruderinnen und Ruderer aus Würzburg“ so Schuchardt.

Weitere 100 Sportlerinnen und Sportler aus 15 Vereinen wurden bei der Sportlerehrung im voll besetzten Ratssaal für ihre Spitzenleistungen im vergangenen Jahr von der Bayerischen bis zur Weltmeisterschaft ausgezeichnet. Mit 46 Geehrten, darunter Olympia-Teilnehmerin Leonie Beck, war der SV 05 Würzburg wieder einmal am stärksten vertreten – das lag aber auch daran, dass dieses Mal gleich zwei Wasserball-Mannschaften dabei waren.

73 Männer und 27 Frauen erhielten Medaillen und Urkunden. „Da können die Frauen in Zukunft noch etwas nachlegen“, meinte Sportreferent Muchtar Al Ghusain.

Ehrenbriefe für zwei Heidingsfelder

Fester Bestandteil der Sportlerehrung sind jedes Jahr auch die Auszeichnungen für verdiente Vereinsfunktionäre. Die höchste Auszeichnung im Würzburger Sport ist der Ehrenbrief, der am Montag gleich zweimal vergeben wurde. Beide Geehrte kommen von einem Heidingsfelder Sportverein und haben den Nachnamen gemeinsam. Sigmar Stumpf war von 1978 bis 2015 stolze 37 Jahre lang der Vorsitzende des 1. Radler-Clubs Heidingsfeld, nachdem sein Vater den Verein zuvor bereits 40 Jahre geführt hatte. Auch im Bayerischen Radsportverband und im Bund Deutscher Radfahrer war er mehrere Jahrzehnte lang ehrenamtlich aktiv.

Bruno Stumpf ist inzwischen Ehrenvorsitzender der Turngemeinde Würzburg-Heidingsfeld – in seine Zeit als aktiver Vorsitzender fällt der Bau der neuen Dreifach-Turnhalle inklusive Laufbahn, Weitsprunganlage und Tennisplätze am Wiesenweg. „Ich habe aber nichts anderes getan, als die mir von den Mitgliedern übertragenen Aufgaben und Verantwortlichkeiten zu erfüllen“, betonte Stumpf. Alleine könne man als Vereinsvorsitzender gar nichts erreichen, fügte er hinzu: „Ohne die Gemeinschaft in der Turngemeinde wäre das alles nicht möglich gewesen. Ich widme die Ehrung vor allem meinen Kollegen im Vorstand.“

Zwei Verdienstmedaillen für großen ehrenamtlichen Einsatz im Verein händigten Schuchardt und Al Ghusain an Heiner Galm (Tischtennis-Abteilung SB Versbach) und Hermann Biedermann (Leichtathletik-Abteilung TG 1848 Würzburg) aus. Biedermann gehörte außerdem 25 Jahre lang zur sportlichen Leitung des Residenzlaufs, der in dieser Zeit nicht nur zu einem der schnellsten Zehn-Kilometer-Straßenläufe der Welt, sondern auch zur größten Breitensportveranstaltung Unterfrankens mit bis zu 8000 Teilnehmern wurde.

Sportlerehrung der Stadt Würzburg

EHRENBRIEF

Sigmar Stumpf (1. Radlerclub Heidingsfeld), Bruno Stumpf (Turngemeinde Heidingsfeld) VERDIENSTMEDAILLE Heiner Galm (Sportbund Versbach), Hermann Biedermann (Turngemeinde 1848 Würzburg) SPORTLER DES JAHRES 2016 Konstantin Steinhübel (Akademischer Ruderclub), Franziska Liebhardt (Turngemeinde 1848, Vitalsportverein) * Akademischer Ruderclub: Sebastian Kiesel, Julia Kosmol, Ines Weidle, Lucas Jacobs, Andreas Holz, Petra Ehinger, Joachim Agne, Konstantin Steinhübel.

Athletik Sportverein: Werner Deppner.

Bogenschützen Oberdürrbach: Herbert Köhler, Edgar Scheiner, Gerhard Endres.

DJK Würzburg: Ibrahim Jeton, Julian, Burzer, Martin Ziegler, Thomas Nagel, Andre Jonas, Paul Stöhr, Joshua Kärcher, Rudolf Jean, Marco Richter; Julius Hartrich, Adela Wittmannova, Victoria Wittmannova, Semir Kamhawi, Nina Hanisch, Hans Pöhlmann.

Disc-o-Fever: Andreas Wohlleber, Martin Wohlleber, Anna Gerner, Carsten Meinhardt, Franziska Wehner.

Gehörlosen-Sportverein: Jörg Werner.

Rudergemeinschaft Olympos: Cornelia Drewitzki.

Schwimmverein 05: Benjamin Flammersberger, Inaki Urkiaga, Anton Lang, Robert Seifert, Riccardo Klopfer, Jonas Fehn, Maximilian Müller, Samuel Dewald, Friedrich Streun, Daniel Ivlev, Paul Volkwein, Marc Schauer, Benedek Toth, Daniel Schwinning, Sebastian Bruch, Matthias Försch, Alexander Försch, Simon Stier, Jan Gäbler, Tonio Issing, Nicola März, Vincent Schmitt, Balazs Papp, Lennart Böhme; Gerald Lehrieder, Julia Dammann, Sebastian Beck, Carolin Dorfner, Alina Hennl, Lena Kalla, Klemens Degenhardt, Shay Toledano, Jakob Markowski, Sebastian Greß, Sebastian Rüdiger, Maximilian Beck, Leonie Beck, Svenja Zihsler, Alina Jungklaus, Sören Meißner, Ruwen Straub, Lukasz Wojt, Petra Nickel.

Sportverein Oberdürrbach: Franziska Freudenberger, Dennis Benz.

Tanzclub Rot-Gold: Isolde Beck, Martin Beck, Kerstin Hahn, Achim Hobl, Karin Anton, Roland Lein.

Tauchsportgruppe: Andi Weisenberger.

TSV Grombühl: Maria Meigen, Steffi Eisenhauer, Matthias Raab.

Turngemeinde 1848 Würzburg: Dominique Walz, Sebastian Schäfer.

Vitalsportverein: Nadia Schumacher, Dieter Beiderbeck.

Ruderverein Bayern: Hermann Greß.

Mit dem Ehrenbrief ausgezeichnet: Sigmar Stumpf Foto: Patrick Wötzel
Sportler des Jahres 2016: Konstantin Steinhübel Foto: Patrick Wötzel
Mit dem Ehrenbrief ausgezeichnet: Bruno Stumpf Foto: Patrick Wötzel

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