Greußenheim

Greußenheimer Bürgermeisterin hegt Mauerteil als Schatz

Als die Mauer fiel, reiste die Familie Kuhn sofort nach Berlin. Bürgermeisterin Karin Kuhn erklärt, wie die Kinder heute als Erwachsene von diesem Besuch profitieren.
Oberflächlich betrachtet ist der graue Brocken, den Karin Kuhn und Tochter Melanie in den Händen halten, nur ein Stück Beton. Tatsächlich aber ist es für das Mutter-Tochter-Duo ein wertvolles Stück Deutscher Geschichte. Foto: Herbert Ehehalt

Ein langes Stück Armierungseisen ragt aus einem Stück Beton. Es ist bunt, mit Graffiti besprüht. Das gewundene Ende des Stahls lässt es wie ein Kunstwerk wirken. Oberflächlich betrachtet ist der graue Brocken, den Karin Kuhn und Tochter Melanie in Händen halten, nur ein Stück Beton. Tatsächlich aber ist es für das Duo ein wertvolles Stück Deutscher Geschichte. Ein Betonbrocken, den die damals 15-jährige Melanie einst mit ihren Brüdern Oliver (damals zehn) und Sebastian (damals vier Jahre alt) als "Mauerspechte" mit bloßen Händen aus der Mauer brach.

An jener Stelle in der Bernauer Straße, die die Kuhns besuchten, wurde 1998 eine Gedenkstätte zur Erinnerung an die dunklen Nachkriegsjahre eingeweiht: Am Jahrestag des Mauerbaus und "in Erinnerung an die Teilung der Stadt vom 13. August 1961 bis 9. November 1989 und zum Gedenken an die Opfer kommunistischer Gewaltherrschaft". So verkündet es eine Inschrift in dem Denkmal.

Neugierde treibt die Familie an

Wie für die meisten Zeitgenossen im November 1989 war auch für Greußenheims Bürgermeisterin Karin Kuhn (BMG) die Nachricht von der Öffnung der deutsch-deutschen Grenze eine gewaltige Überraschung. Unvergesslich ist noch heute für Kuhn, was sie mit ihrer Familie in den Wochen nach dem Mauerfall erlebte. Brennende Neugierde, was sich hinter dem "Eisernen Vorhang" verbarg, war Auslöser dafür, dass sich die fünfköpfige Familie unvermittelt in Richtung Osten auf den Weg machte, mit Ziel Berlin und der dort "bröckelnden" Mauer. Tochter Melanie und die Söhne Oliver und Sebastian begleiteten Kuhn und ihren Mann Reinhold.

Gemeinsam mit ihrem Vater Reinhold Kuhn (Mitte) betätigten sich der damals zehnjährige Oliver (rechts) und Sebastian (4) mit bloßen Händen als Mauerspechte. Foto: Karin Kuhn

Auch drei Jahrzehnte nachdem sich Kuhns Mann Reinhold und die drei Kinder in Berlin als Mauerspechte betätigten, ist die Erinnerung an die Erlebnisse noch wach. Eine Sammlung kleinerer Mauerstücke erinnert die Familie stets daran.

"Schon der Grenzübertritt bei Hof rief mulmige Gefühle unter den Familienmitglieder hervor", erinnert sich die Mutter. Über Meißen, Bitterfeld und Dresden führte die Erkundungsroute zunächst nach Leipzig. Hier hatte letztlich die zum Mauerfall führende friedliche Revolution mit den Montagsdemonstrationen ihren Anfang genommen.

"Mauerspechte" brechen mit bloßen Händen Stücke aus der Berliner Mauer

Mittlerweile beide Pädagogen, können die damals 15-jährige Melanie und ihr 4-jähriger Bruder Sebastian ihre Erinnerungen als Zeitzeugen des Mauerfalls an ihre Schüler weitergeben. Foto: Karin Kuhn

In Berlin angekommen, betätigen sich Vater Reinhold und die drei Kinder, wie zahllose andere Menschen, als Mauerspechte. Mit bloßen Händen, einem kleinen Hammer und einem Schraubenzieher versuchten die Kuhns, Betonteile als Souvenir aus der Berliner Mauer herauszubrechen. "Einfach war das nicht nicht", erinnert sich Karin Kuhn. Zwar konnten kleine Betonteile abgesprengt werden. Doch wurden diese von den Armierungseisen zusammengehalten. "Schließlich gelang es meinem Mann, das herausragende Eisen durch unzählige Drehungen abzudrehen." Das ist auch die Erklärung für das runde Ende Eisens, das aus dem Betonbrocken ragt. Ihr Stück Mauer hütet die Familie wie einen Schatz.

Nach Überzeugung von Greußenheims Bürgermeisterin haben die beeindruckenden Erlebnisse rund um den Mauerfall auch bei ihren Kindern viel bewirkt. Dankbar ist Kuhn deshalb, dass sowohl ihre Tochter Melanie als auch ihr Sohn Sebastian inzwischen als Pädagogen den nachfolgenden Generationen im Unterricht als mahnende Zeitzeugen berichten können.

Die Gedenkstätte Berliner Mauer in der Bernauer Straße
Am 2. Oktober 1990, am Tag vor der Wiedervereinigung, stellte der Ost-Berliner Magistrat den über den Sophienfriedhof verlaufenden Grenzabschnitt unter Denkmalschutz. 1994 wurde ein Wettbewerb ausgelobt, der die Gestaltung eines Denkmals für die Opfer des Mauerbaus und in Erinnerung an die Teilung der Stadt zum Ziel hatte. Das Denkmal wurde am 13. August 1998 eingeweiht. Die Gedenkstätte Berliner Mauer erstreckt sich am historischen Ort in der Bernauer Straße auf 1,4 Kilometern Länge über den ehemaligen Grenzstreifen. Auf dem Areal der Gedenkstätte befindet sich das letzte Stück der Berliner Mauer, das in seiner Tiefenstaffelung erhalten geblieben ist und einen Eindruck vom Aufbau der Grenzanlagen zum Ende der 1980er Jahre vermittelt.
Visuelle Erinnerung aus dem Kuhn-Fotoalbum an den Mauerfall. Foto: Karin Kuhn

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