Große Not, bescheidene Geschenke

MaIN-SPESSART "1945 - Die erste Nachkriegsweihnacht." Wie erlebten Menschen in unserer Heimat die Zeit um das erste Christfest nach dem Zweiten Weltkrieg, als in vielen Familien noch die blanke Not herrschte und mancher Wunsch unerfüllt blieb?
Erlebte Weihnachten 1945 in der       -  Erlebte Weihnachten 1945 in der
alten Heimat: Marktheidenfelds
Ruhestands-Oberin Gertrud
Hampel.
Erlebte Weihnachten 1945 in der alten Heimat: Marktheidenfelds Ruhestands-Oberin Gertrud Hampel. Foto: FOTOS (4) GÜNTER REINWARTH
In der alten Heimat Polen erlebte Gertrud Hampel, langjährige Oberin des Diakonissen-Mutterhauses Lehmgruben, den Heiligen Abend 1945. Das hört sich im ersten Moment vielleicht romantisch an, doch für Hampel war das Weihnachtsfest im bereits russisch besetzten Riesengebirge bei weitem nicht so besinnlich und friedlich wie in den Vorkriegs-Jahren.

 

Es war die "blanke Not", die vor sechs Jahrzehnten das Leben bei Familie Hampel im polnischen Bertelsdorf (Kreis Hirschberg) bestimmte. Die Hampels wohnten mit neun Kindern im Alter von drei bis 20 Jahren auf einem Gutshof, auf dem der Vater als Wirtschaftsinspektor tätig war und auf dem auch polnische Soldaten untergebracht waren. "Man wollte uns wohl ausfrieren lassen", vermutet die heute 80-jährige Gertrud Hampel, wenn sie die bitterkalten Wintertage aus ihrem Gedächtnis holt.

Hungersnot und Kälte beherrschten den Alltag. Mit dem bisschen Kohle und dem wenigen Holz, das der Familie zur Verfügung gestellt wurde, musste sie so sparsam wie möglich umgehen. Aber man wusste sich zu helfen, indem man die Wärme, die ein kleiner Eisenofen erzeugte, über lange Rohre in das Wohnzimmer "verteilte".

An Heiligabend, das weiß Gertrud Hampel heute noch, hat ihre Mutter ein paar Kerzen hervorgezaubert, um etwas Licht in den trüb-kalten Dezembertag zu bringen. Die Frage nach dem Speisezettel beantwortet die Seniorin so: "Wir waren über die schönen Kartoffeln sehr glücklich!" Mit den "schönen Kartoffeln" meint die Diakonisse Erdfrüchte, die ihr Vater heimlich aus einer gefrorenen Kartoffelmiete ausgegraben hatte.

Weil es den Hampels nicht erlaubt war, im nächsten Dorf das Allernötigste für einen "Hauch von Christtagsfreude" zu besorgen, raspelte die Mutter noch ein paar Steckrüben und würzte sie mit Viehsalz. Mit gequetschtem Hafer wurde noch eine Suppe zubereitet. "Über die in der Suppe noch vorhandenen Spelzen waren wir nicht einmal böse", blättert Gertrud Hampel weiter im etwas anderen weihnachtlichen "Speisekalender".

Bei der Frage, welche Geschenke am 24. Dezember 1945 unter dem Christbaum lagen, muss Gertrud Hampel nicht lange überlegen. "Wir bekamen keine!"

Pfarrer Reinhold Herbig

Wie erinnert sich ein damals sechsjähriger Bub an die erste Nachkriegs-Weihnacht? Pfarrer Reinhold Herbig (67) aus Zimmern wuchs auf dem Bauernhof seiner Eltern in Oberpleichfeld (Landkreis Würzburg) auf. "Eine direkte Not haben wir nicht gelitten, aber wir haben sehr bescheiden gelebt", umschreibt der Geistliche seine Kinder- und Jugendjahre. Vor sechs Jahrzehnten saßen in der Großfamilie Herbig, bei der eine Flüchtlingsfamilie aus Böhmen untergebracht war, bis zu 14 Personen am Tisch.

Weihnachten begann für den Oberpleichfelder Bub schon in den ersten Adventstagen, weil plötzlich "unser ganzes Spielzeug verschwand". Seine Mutter wusste immer die gleiche Antwort: "Das hat das Christkind geholt!" Die Bescherung fand bei den Herbigs schon am Nachmittag statt und wurde durch das Klingeln der Mutter eingeläutet. "Dann wurde gebetet und gesungen", erinnert sich der Pfarrer von Zimmern und Krankenhaus-Seelsorger.

Die Geschenke, die die Herbig-Kinder auspacken durften, waren eher bescheidener Natur. Reinhold freute sich meistens über "die schöne Holzbauklötz", mit denen "ich als Kind immer sehr gerne gespielt habe". Viel wichtiger war für den Bub die Bitte an die Mutter, ob er am nächsten Morgen in die Hirtenmesse, wie die Frühmesse am 1. Feiertag in dem Bauerndorf genannt wurde, gehen dürfe. Als er dann in den Kinderbänken saß, bekam er glänzende Augen. "Ich war von all den schönen Bildern im Altarraum so fasziniert, dass schon damals in mir der Gedanke aufkam, Priester werden zu wollen.

Und was kam im Herbigschen Bauernhof auf den Tisch? Es waren Köstlichkeiten, die sich der Geistliche heute noch "leistet": "hausgemachte Bratwürscht mit Kraut und Kipf".

Andreas Albert

Andreas Albert (85) bringt auf den Punkt, was in den Köpfen der Menschen damals vorging: "Man war froh, dass man noch da war und die erste Friedens-Weihnacht überhaupt erleben durfte." Der Malermeister, damals 25 Jahre alt und erst seit wenigen Wochen verheiratet, weiß wovon er spricht. Er hatte drei Jahre zuvor als verletzter Soldat nicht nur die Bruchlandung einer JU 52 beim Ausflug aus dem Kessel von Stalingrad ohne allzu große Blessuren überlebt, sondern auch das als "Hungerlager" bekannte Kriegsgefangenen-Camp der Amerikaner bei Bad Kreuznach überstanden.

"Man war froh, dass man Weihnachten 1945 überhaupt erleben durfte"

Andreas Albert blickt 60 Jahre zurück

In der Nachkriegszeit sei man auf dem Land besser zurecht gekommen, weil man die Möglichkeit der Selbstversorgung und Hausschlachtung hatte, sagt Albert. Aber "Beziehungen, Schwarzmarkt-Talent und Improvisation" gehörten zum Alltag. An Heiligabend 1945 lief Andreas Albert mit seiner Familie in das drei Kilometer entfernte "Michet" (Michelrieth) zum Besuch des Gottesdienstes und freute sich auf dem Heimweg schon auf die Bescherung und auf das, was auf den Tisch kam: "heiße Knackwürscht", die er als "etwas einmaliges" empfand.

Bei den Alberts, damals ein Malerhaus in der dritten Generation, befand sich in der Vorweihnachtszeit ein ganzer "Pferdestall" unter dem Dach - in Form von "Holzgäulen". Albert und sein Vater waren wochenlang damit beschäftigt, die hölzernen Rösser auf "Vordermann und Hochglanz" zu bringen. Alberts Malkunst war im Dorf gefragt. "In jedem zweiten Haus hängt ein Bild von uns", erzählt der Senior, der heute noch zum Pinsel greift und seit Jahrzehnten die Menschen des Straßendorfes mit Gemälden mit christlichen Motiven versorgt.

Den Christbaum besorgte man sich früher, ob erlaubt oder nicht, einfach aus dem Gemeindewald. Niemand störte sich an dieser Praxis. Der Schwarzmarkt hatte ohnedies seine eigene Währung. Albert erinnert sich, dass er einmal in Homburg eine Fuhre Stroh gegen Wein vom Kallmuth eintauschte.

Alfred Wiegand

Wein als Tauschwährung nutzte in Homburg auch Alfred Wiegand (79). Der damals 19-jährige Bursche musste 1945 im Elternhaus seinen in Gefangenschaft befindlichen Vater Rudolf ersetzen und sich darum kümmern, dass Weinberge und Landwirtschaft die Familie so gut wie möglich ernährten. Was es nicht zu kaufen gab, musste über den Schwarzmarkt besorgt werden. So tauschte Wiegand in Großumstadt eine Pflugschar gegen hausgemachten Bauernschinken ein und musste ein anderes Mal dafür sorgen, dass er beim Dorfschmied erst dann zu einem "Karscht" (landwirtschaftliche Hacke) kam, wenn US-Zigaretten und ein paar Sack Zement in den "Tauschring geworfen" wurden.

Der Heiligabend war früher in Homburg ein Fasttag, gegessen wurde erst nach dem Besuch der Christmette. Während sich die Wiegands zu später Stunde mit Kartoffeln und Wurst zufrieden gaben, sei es am 1. Feiertag "festlicher" zugegangen, als es in der Küche nach gebratenem Stallhasen roch. Wiegand kann sich nicht mehr an sein Weihnachtsgeschenk von 1945 erinnern - im Bubenalter lagen jahrelang immer die gleichen "aufgemöbelten" Spielsachen auf dem Gabentisch. Wichtig waren für den pensionierten Versicherungskaufmann nicht die materiellen Dinge des Lebens, sondern die Gewissheit, dass er - als Nichtschwimmer mit einer gehörigen Portion Glück am 31. Januar 1945 eine der größten Schiffskatastrophen überlebt hatte: Den Untergang der "Wilhelm Gustloff" in der Ostsee.

Malt auch mit 85 Jahren       -  Malt auch mit 85 Jahren noch
Bilder als Weihnachtsgeschenke:
Andreas Albert aus Altfeld.
Malt auch mit 85 Jahren noch Bilder als Weihnachtsgeschenke: Andreas Albert aus Altfeld.

War zu Weihnachten 1945 froh,       -  War zu Weihnachten 1945 froh,
dass er den Untergang der Wilhelm
Gustloff überlebt hatte: Alfred
Wiegand aus Homburg.
War zu Weihnachten 1945 froh, dass er den Untergang der Wilhelm Gustloff überlebt hatte: Alfred Wiegand aus Homburg.

Wusste schon als Bub, dass       -  Wusste schon als Bub, dass er
einmal Priester werden wollte: Pfarrer
Reinhold Herbig aus Zimmern.
Wusste schon als Bub, dass er einmal Priester werden wollte: Pfarrer Reinhold Herbig aus Zimmern.

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