VEITSHÖCHHEIM

Grüße aus aller Welt

Sammelleidenschaft Ihr Tor zur Welt ist ihr Dachboden. Hier lagert Sigrid Heckl aus Veitshöchheim ihre Schätze: Tausende Postkarten in akribisch beschrifteten Boxen.
Blick in den Briefkasten: Postkartensammlerin Sigrid Heckl in Veitshöchheim freut sich immer über Post.
Blick in den Briefkasten: Postkartensammlerin Sigrid Heckl in Veitshöchheim freut sich immer über Post. Foto: Theresa Müller

Am frühen Morgen, noch vor der Arbeit im Büro, beginnt für Sigrid Heckl der schönste Teil des Tages. Neue Karten werden akribisch genau in Register einsortiert: Das Ausland kategorisch nach Ländern, das Inland nach Städten und Orten. Die genaue Anzahl der Herkunftsländer ihrer Schätze weiß sie nicht: „Es kommen immer wieder welche dazu.“

Begonnen hatte Sigrid Heckls Sammelleidenschaft Anfang der 1970er Jahre. Auslöser war die Urlaubs-Postkarte einer Schulfreundin. Aus welchem Land der Gruß kam, weiß sie heute nicht mehr. Das Motiv aber fand sie schön. Fern und exotisch sei es gewesen. Wenn sie da schon nicht hinkomme, möchte sie wenigstens die Orte durch Ansichtskarten kennenlernen, sagt Heckl.

„In meinem Haus versammelt sich die ganze Welt.“

Sigrid Heckl Veitshöchheim

Heute blickt sie auf ein Meer von Postkarten: „In meinem Haus versammelt sich die ganze Welt. Bei manchen Motiven wird mir ganz schön wehmütig ums Herz. Selbst komme ich da wohl nie hin.“ Denn Ehemann Peter hat Flugangst.

Eines ihrer Sehnsuchtsziele ist die Golden Gate Bridge in San Francisco. „Von mir aus kann sie gerne alleine verreisen“, sagt Peter Heckl. Doch seine Frau möchte das nicht. Die Erlebnisse möchte sie mit ihm teilen. „Also dann doch lieber Wohnwagen anstatt Flugzeug, Bodensee anstatt Kalifornien“, ergänzt sie. Denn da kommt Peter mit. Fürs Fernweh gibt es immer noch den Dachboden.

Die Sammelleidenschaft wurde der kaufmännischen Angestellten in die Wiege gelegt. Die Mutter sammelte Puppen, der Vater Bierkrüge. Ordnen und Beschriften hat sie schon als Kind gerne gemacht. „Sämtliche Freunde und Bekannte meiner Eltern wussten, dass ich Postkarten sammle und haben mir aus den Ferien geschrieben. Außerdem tauschte ich mit Schulkameraden.“ Zu Beginn der Pubertät endete das Hobby. „Da waren die Jungs interessanter“, sagt sie heute schmunzelnd. Jahrzehntelang schlummerten ihre Schätze daher in dicken Alben.

Eine Karte aus der Türkei vor fünf Jahren war der erneute Auslöser, sie erinnerte an die vielen Alben im Elternhaus. Wieder motivierte Heckl Freunde und Bekannte, zu schreiben oder ihr Postkarten, auch unbeschriebene zum Tauschen, mitzubringen. Mittlerweile hatte sich die 50-Jährige auf bestimmte Kategorien festgelegt: Karten mit Chroniken und Landkarten sowie mit Ansichten von Schlössern, Burgen und Landschaften.

Aber die eingehenden Karten reichten ihr nicht. Sie begann, Brieffreunde auf der ganzen Welt zu suchen. „Ein junger Mann aus Afrika wollte mich nach der ersten Postkarte gleich heiraten.“ Über eine Brieffreundin aus Hamburg hörte sie schließlich von Postcrossing. „Anfangs war mir das System nicht geheuer, doch ich bin neugierig geworden.“ 2008 wurde sie Mitglied und schlagartig um eine Vielzahl an Karten reicher.

Ehemann Peter sieht die Sammelleidenschaft seiner Frau eher skeptisch. „Ich versuche, das Ganze so gut es geht zu ignorieren. Wie sie damit umgeht – das ist mir manchmal zu viel.“ Trotzdem macht er sie im Urlaub ständig auf Postkartenständer aufmerksam, freut sich die Sammlerin.

Grundsätzlich verschickt sie nur Karten aus ihrer Heimatstadt, mal mit einem Burgmotiv, mal mit einem Kirchenpanorama. Je nach Gusto des Empfängers.

Tochter Lisa hilft, so gut es geht. Mit dem Postkarten-Virus hat sie sich allerdings nicht infiziert. „Ich kann da ganz gut abschalten, helfe auch nur in der semesterfreien Zeit“, sagt die 19-Jährige. Trotzdem ist es für die Studentin schön, die Freude der Mutter mitzuerleben. „Immer wenn Postkarten ins Haus flattern, ist sie ganz aufgeregt. Doch ihr Hobby halte ich schon für ein wenig übertrieben.“ Außerdem geht es ins Geld. „Porto, der Kauf der Ansichtskarten, da kommen im Monat leicht 60 Euro zusammen“, sagt Sigrid Heckl. Sie möchte ein wenig kürzertreten. Trotzdem hofft sie auf eine größere Begeisterung seitens der Tochter. „Schließlich wird sie das ganze Archiv einmal erben.“ Und weltweite Freundschaften entstehen dabei auch – ganz nebenbei.

Postcrossing

Postkarten sammeln, indem man Postkarten versendet und andere Postkarten zurückerhält, und das über die ganze Welt verteilt, darum geht es im Wesentlichen bei Postcrossing.

 

Das Projekt wurde am 14. Juli 2005 von Paulo Magalhaes begonnen. Es wird über eine Webseite (http://postcrossing.com) abgewickelt und ist auf Englisch gehalten. Die englische Sprache ist auch Voraussetzung für die Teilnahme. Dadurch wird die Kommunikation zwischen den Teilnehmern gewährleistet. Über 366 000 Mitglieder aus 213 Ländern nehmen aktuell an Postcrossing teil. Die Mitglieder sind zu 65 Prozent Frauen, 14 Prozent sind Männer, ein Prozent Gruppen (20 Prozent ohne Angabe).

 

Mehr als 15 Millionen Postkarten wurden bereits versandt und registriert. Dabei haben sie mehr als 79 Milliarden Kilometer zurückgelegt.

Etwa 458 000 Karten sind zur Zeit unterwegs. Durchschnittlich ist eine Postkarte 23 Tage unterwegs, wobei mehr als die Hälfte aller Karten weniger als 16 Tage benötigt.

Teilnahmebedingungen: Um Postcrossing nutzen zu können, muss man sich registrieren, Postadresse und eine E-Mail-Adresse hinterlegen. Um nun eine Postkarte zu versenden, muss eine Adresse angefordert werden. Die Vergabe erfolgt zufällig, das Zielland kann nicht ausgesucht werden. Jede Karte erhält eine Nummer (ID). Beim Schreiben der Postkarte ist der Absender an keine Regeln gebunden, es muss lediglich die ID auf der Postkarte auftauchen, damit der Empfänger den Empfang bestätigen kann. Ist eine Postkarte angekommen, registriert der Empfänger die Karte, indem er auf der Website die ID eingibt. Dadurch wird die Absenderadresse freigegeben und per Zufallsprinzip an einen anderen Teilnehmer verteilt. So kann nur eine Postkarte erhalten, wer selbst eine verschickt hat. quelle: wikipedia

Die Welt in Karteikästen: Sigrid Heckl sortiert alle Postkartenakribisch genau in Register ein; das Ausland nach Ländern, das Inland nach Städten und Orten.
Die Welt in Karteikästen: Sigrid Heckl sortiert alle Postkartenakribisch genau in Register ein; das Ausland nach Ländern, das Inland nach Städten und Orten.

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