WÜRZBURG

Hand in Hand gegen das Holocaust-Vergessen

Am 27. Januar 1945 befreiten sowjetische Truppen die Insassen des KZ Auschwitz-Birkenau. 70 Jahre nach der Befreiung verarbeiten deutsche und israelische Jugendliche die Geschichte bei einem Jugendaustausch in Würzburg.
Hand in Hand ist nicht nur ein Motto: Israel und Deutschland verbindet eine Geschichte, deswegen versuchen die Jugendlichen beim deutsch-israelischen Austausch daran, den Holocaust zu verstehen und zu verarbeiten. Am Donnerstag wurden sie im Rathaus empfangen. Foto: Patty Varasano

Eine Millionen Menschen wurden im größten Vernichtungslager der Nazis in Auschwitz-Birkenau getötet. Sie wurden erschossen, erhängt, vergast, starben an Misshandlungen oder Unterernährung. Auschwitz ist heute ein Synonym für den Holocaust, die Massenvernichtung der Juden. Am 27. Januar 1945 befreiten sowjetische Truppen die Insassen des KZ Auschwitz-Birkenau. 70 Jahre nach der Befreiung verarbeiten Jugendliche nicht nur in der Schule das Thema Holocaust. Auch in vielen Projekten steht der Umgang mit dieser Zeit im Mittelpunkt.

Ein Projekt ist der deutsch-israelische Jugendaustausch „Yad b´Yad“, was übersetzt „Hand in Hand“ bedeutet. Ihn gibt es jetzt bereits im zehnten Jahr. Anlaufstätte dieses Jahr ist Würzburg.

Hand in Hand durch das KZ

Heiner Arzet von der Vineyard Gemeinde in Würzburg ist Gastgeber des Austausches. Vor zwei Jahren reiste er selbst nach Israel. Dort erzählte ein Israeli ihm von dem Austausch und davon, wie Israelis und Deutsche Hand in Hand durch Auschwitz gehen. Ein rührender Moment, der Arzet geprägt hat. „Wir müssen ein neues Kapitel aufschlagen“, sagt er. Es reiche nicht, nur die Vergangenheit zu überdenken, es gehe darum, die Zukunft zu gestalten.

Dabei soll der insgesamt zweiwöchige Austausch helfen. Am Montag reisten die Jugendlichen aus Israel an, am Donnerstag wurden sie von Würzburgs Bürgermeisterin Marion Schäfer-Blake im Rathaussaal begrüßt. Sie zeigte den insgesamt 20 Jugendlichen gleich das große Wandgemälde im Rathaussaal, das eine Szene aus dem Zweiten Weltkrieg zeigt. „So etwas darf nie wieder passieren“, fügte sie dabei hinzu.

Die erste Woche, bei der es um den Aufbau der freundschaftlichen Beziehungen geht, ist am Sonntag bereits vorbei. Jeder Israeli wohnt bei einem deutschen Partner, die Verständigung sei kein Problem gewesen. „Die Geschichte verbindet sie“, so Arzet.

Für Jugendliche ist es nicht einfach, sich an den Holocaust zu erinnern

Vormittags stehen zentrale Themen des Holocausts wie Schuld und Vergebung im Mittelpunkt, am Nachmittag gibt es soziale Freizeitbeschäftigungen. Beispielsweise war die Gruppe bereits in einem Kletterpark. Am Montag fährt die Gruppe dann von Würzburg nach Polen, um Auschwitz zu besichtigen. „Wie das wird, kann ich nicht sagen“, so Arzet. Für Jugendliche sei es nicht einfach, sich daran zu erinnern.

Das bestätigt auch der 18-Jährige Nicolas Raschke aus Estenfeld. Er macht zum ersten Mal bei dem Austausch mit und hatte zu Beginn Bedenken, was das Thema Holocaust angeht: „Als Jugendlicher hat man nicht so den großen Bezug dazu, weil alles schon so lange her ist“. Wichtig sei es, sich geistig darauf einzulassen.

Als Deutscher Schuldgefühle

Mit seinem israelischen Partner sei er auf einer Wellenlänge, ernste Themen zu besprechen sei ebenso möglich wie einfach mal zu „chillen“, so Nicolas. Die Fahrt nach Auschwitz am Montag sieht er mit gemischten Gefühlen: „Als Deutscher fühlt man sich schuldig und so wird sich das auch anfühlen“, sagt der 18-Jährige. Doch bereits jetzt habe er viel aus dem Austausch mitnehmen können, vor allem sein Denken zum Holocaust und Israel habe sich verändert.

„Die Jugendlichen sind alle zwischen 15 und Anfang 20, also in einem Alter, wo sie den Holocaust verstehen können“, sagt Leiter Heiner Arzet. Sowohl in Deutschland als auch in Israel werde das Thema ja in Schulen behandelt. Israel habe aber einen prägnanten Spruch, der weder Vergessen noch Vergeben einfach macht. „Dort heißt es ,Never forget, never forgive‘, also ,niemals vergessen, niemals vergeben‘“, sagt er.

Den Spruch kennt Roman Shargaev aus Israel nur zu gut. „Israelis wollen nicht vergeben und damit verhindern, dass so etwas noch einmal passiert. Sie wollen sich schützen.“ Doch der 23-Jährige merkt, dass in den Köpfen der Israelis langsam ein Umdenken stattfindet, was er begrüßt. Er ist bereits das dritte Mal beim „Yad b´Yad“-Austausch dabei, dieses Mal wohnt er beim 18-Jährigen Nicolas in Estenfeld. Zwar wusste er bereits in etwa, was ihn erwartet, aber er entdeckt und erlebt immer wieder Neues.

Trauma nach Auschwitz-Besuch

„Ich fühle mich nach jedem Austausch besser, ich spüre die Erleichterung und Vergebung“, sagt Roman in perfektem Englisch. Auch in Auschwitz war er schon mehrmals, in Israel sei es nämlich Teil des Lehrplans, dorthin zu fliegen. Er weiß, was nächste Woche bei der Besichtigung von Auschwitz auf ihn zukommt. Anders als damals in der Schule – dort seien viele Kinder traumatisiert zurück gekommen.

Isrealis und Deutsche verbindet eine Geschichte, die von Schuld und Vergebung geprägt ist. Deswegen habe es laut Heiner Arzet keinen Sinn, nur auf die Vergangenheit zu blicken: „Es geht darum, die Zukunft neu zu schreiben, Hand in Hand“.

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