Würzburg

Hausarzt-Mangel: Zieht es den Nachwuchs wieder aufs Land?

Aktuell droht vielen Praxen das Aus, weil der Ärzte-Nachwuchs fehlt. Die Würzburger Professorin Anne Simmenroth ist allerdings optimistisch: Bayern sei auf einem guten Weg im Kampf gegen den Mangel. Foto: Stephan Jansen

Jeder dritte Hausarzt in Bayern ist älter als 60 Jahre. Für viele Praxen findet sich kein Nachfolger. Die Politik versucht, mit immer neuen Förderprogrammen junge Mediziner für ein Landarzt-Dasein zu begeistern. 380 Hausärzte seien so bisher bei der Praxisgründung unterstützt worden, heißt es aus dem Bayerischen Gesundheitsministerium. 182 Stipendien wurden vergeben, neu gibt es seit Ende Oktober das Ausbildungsprogramm „Beste Landpartie Allgemeinmedizin“ und nächstes Jahr soll eine Landarztquote kommen. Nur: Reicht das? Nicht allein, sagt Prof. Anne Simmenroth, Leiterin des Instituts für Allgemeinmedizin an der Universität Würzburg. Schwarz sieht sie für den Hausarzt-Beruf dennoch nicht. Ein Gespräch über Verpflichtungen wie bei der Bundeswehr, jammernde Vorbilder und die Angst vor dem Landleben.

Prof. Anne Simmenroth (rechts) und Prof. Ildikó Gágyor, die Leiterinnen des Instituts für Allgemeinmedizin in Würzburg Foto: Daniel Peter

Frage: Den Lehrstuhl Allgemeinmedizin gibt es seit Anfang des Jahres an der Uni Würzburg. Sichern Sie den künftigen Hausärzte-Nachwuchs für die Region?

Anne Simmenroth: Das ist nicht unser einziges Ziel. Einen Lehrstuhl für Allgemeinmedizin gibt es inzwischen an fast allen medizinischen Fakultäten, da war Würzburg einfach ein bisschen 'hintendran'. Jeder Student muss, ebenso wie er etwa Gynäkologie oder Pädiatrie lernt, etwas über Allgemeinmedizin lernen. Vorher haben den Unterricht hier niedergelassene Kollegen übernommen, was sehr hilfreich war. Aber es gab keine institutionalisierte Allgemeinmedizin. Jetzt sind wir in den Gremien der Uni vertreten, es wird geforscht, man kann hier promovieren oder habilitieren. Das ist neu. Und wir sind dabei, es weiter auszubauen.

Wie hoch ist das Interesse am Hausarzt-Beruf unter Ihren Studenten?

Simmenroth: Das ist schwer zu sagen. Nur wenige wissen von Anfang an sicher, dass sie Allgemeinmedizin machen wollen. Das ist aber überall in Deutschland so. Etwa zehn bis zwanzig Prozent sagen zu Beginn des Studiums, sie könnten sich den Hausarzt-Beruf vorstellen. Aber ob sie das verwirklichen, wissen wir nicht.

Hat der Beruf ein Image-Problem?

Simmenroth: Er hatte ein bisschen eines. Aber ich glaube, wir sind auf einem guten Weg. Gerade in Bayern gibt es derzeit einen Aufschwung. Hier tun die Ärztekammer, der Bayerische Hausärzteverband und auch die Kassenärztliche Vereinigung sehr viel für diesen Image-Wechsel. Längere Zeit gab es Kollegen, die ein bisschen gejammert haben: dass das Geld nicht reicht, dass sie zu viel arbeiten, dass sie nicht wissen, wie es mit ihren Praxen weitergeht. Davon haben sich manche Studenten in den letzten Jahren abschrecken lassen. Aber ich glaube nicht, dass wir momentan noch ein richtiges Image-Problem haben.

Was macht Sie so optimistisch?

Simmenroth: Ich glaube, dass wir in Bayern im Moment eher 'vorne dran' sind, unter anderem, weil in der niedergelassenen Medizin und speziell in der Hausarztmedizin neue Arbeitsmodelle entstehen. Es gibt zum Beispiel immer mehr angestellte Ärztinnen und Ärzte, die zusammen als Team in Gruppenpraxen arbeiten, was gerade auf dem Land zukunftsweisend ist. Immer mehr junge Mediziner können sich so gut verwirklichen und Beruf und Familie vereinbaren. Auch die Zahlen für die Facharztprüfungen in unserem Fach steigen in Bayern stetig. Deshalb glaube ich, die Talsohle ist schon durchschritten.

Warum wird dann noch immer geklagt, dass der Nachwuchs fehle?

Simmenroth: Nicht jeder, der gestern seine Facharztprüfung bestanden hat, kauft morgen schon eine Praxis. Da gibt es immer noch ein paar Jahre Durststrecke, bis die jungen Ärzte entscheiden, sich wirklich selbstständig zu machen.

Die Politik versucht aktuell, Medizinstudenten mit verschiedenen Förderprogrammen an das Landarzt-Dasein zu binden. Hat das den Umschwung ausgelöst? Und ist das der richtige Weg?

Simmenroth: Das ist ein Weg. Stipendien sehe ich aber ambivalent: Für ganz junge Studierende halte ich sie nicht für sinnvoll, weil diese oft noch nicht sicher sind, was sie später wollen. Mit Stipendien werden sie aber verpflichtet, so wie früher zum Beispiel bei der Bundeswehr. Das finde ich nicht richtig. Später greifende Stipendien, etwa im Praktischen Jahr, sind sinnvoller. Allerdings sind es, gemessen an der Gesamtzahl aller Medizinstudenten in Bayern, ja nur ein paar Stipendien. Und die sind natürlich nicht verantwortlich für den positiven Effekt. Aber die Imagekampagne und dass Politik und Öffentlichkeit darüber sprechen, das ist sicher positiv.

Und reicht das aus? Oder muss sich noch mehr verändern?

Simmenroth: Komplexe Probleme haben nie nur eine Lösung. Wir müssen in der Universität sehr guten Unterricht machen und hier bereits anfangen, die Studierenden zu begeistern. Dann braucht es Vorbilder, die nicht jammern, sondern vermitteln, wie toll dieser Beruf ist – und das ist er definitiv. Es braucht strukturelle Vereinfachungen, Stichwort Gruppenpraxen oder Medizinische Versorgungszentren. Viele Studenten, die nicht vom Land kommen, schreckt es noch, dort zu leben. Das heißt, die Infrastruktur, die Möglichkeiten für Familien, gerade weil die Medizin immer weiblicher wird, gilt es noch zu verbessern. Das muss die Politik lösen.

Eine Pflegerin legt einer Patientin bei einer elektronischen Visite in einer Seniorenresidenz ein EKG-Gerät an, dass die... Foto: Marius Becker, dpa

Welche Rolle spielt die Digitalisierung, die Telemedizin, in der Lehre und für die künftige medizinische Versorgung auf dem Land?

Simmenroth: Telemedizin bringen wir nicht bei. Die Studenten müssen erst einmal Medizin beherrschen, später können sie Telemedizin lernen. Generell ist diese Generation technikaffin, die Studenten können alles bedienen und haben keine Berührungsängste. Das müssen wir nicht beibringen. Außerdem lebt Hausarztmedizin nach wie vor von der Begegnung zwischen Arzt und Patient. Manche Sachen lassen sich vielleicht telemedizinisch lösen, aber der chronisch kranke, der ältere oder palliative Patient muss meiner Meinung nach einen echten Arzt sehen.

Machen Sie also Werbung für das Landarzt-Dasein?

Simmenroth: Wir stellen uns nicht in den Hörsaal und sagen, jetzt müssen alle Hausarzt werden. Das wäre eventuell kontraproduktiv. Wir machen das implizit, indem wir spannenden Unterricht bieten und die Leute so aufwecken. Es geht beispielsweise darum, zu zeigen, dass im echten Leben auch in Hausarztpraxen nicht alles simpel ist: Wenn ein Patient mit Brustschmerzen kommt, muss er nicht immer sofort ins Krankenhaus geschickt werden. Vielleicht leidet er unter Angst, Panikattacken oder Stress. Natürlich wollen wir keinen Herzinfarkt übersehen, aber wir schauen anders als ein Kardiologe in der Notaufnahme. Als Hausarzt hat man mehr das 'Drumherum' seiner Patienten im Blick. Wenn wir solche Fälle mit den Studenten im Hörsaal durchspielen, sind sie oft erstaunt, wie breit unser Fach ist. Manchmal kommen sie dann auf uns zu und sagen: ‚Ich dachte Hausarztmedizin ist nur Husten, Schnupfen und Krankschreiben – aber das ist ja spannend und anspruchsvoll.‘

Zur Person
Anne Simmenroth (geboren 1968) ist Lehrstuhlinhaberin des Instituts für Allgemeinmedizin an der Universität Würzburg. Nach einer Ausbildung zur Erzieherin studierte sie Medizin in Göttingen und promovierte dort 2003. Seit Dezember 2017 ist sie als Professorin an der Würzburger Uni tätig; sie führt den Lehrstuhl in einer Doppelspitze mit Prof. Ildikó Gágyor.

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