Giebelstadt

Hausarzt zur Coronakrise: "Wir haben eine sehr ernste Situation"

Das Coronavirus hält die Region in Atem. Auch für Hausärzte hat sich der Alltag verändert. Christian Pfeiffer, Bezirksvorsitzender im Hausärzteverband, gibt Einblicke.
Dr. Christian Pfeiffer hat es beruflich mit einer völlig neuen Situation zu tun. Als Hausarzt muss er seinen Praxisalltag wegen des Coronavirus' komplett umstellen.
Dr. Christian Pfeiffer hat es beruflich mit einer völlig neuen Situation zu tun. Als Hausarzt muss er seinen Praxisalltag wegen des Coronavirus' komplett umstellen. Foto: Thomas Obermeier

Die Corona-Pandemie hat auch Unterfranken in einer Schärfe gepackt, bei der keiner vorhersehen kann, wie sich die Situation genau entwickeln wird. Allein das Gesundheitsamt in Würzburg berät täglich mehr als 600 Anrufer, die Kliniken testen unter Hochdruck Menschen auf das Virus. Und auch die Hausärzte in der Region arbeiten in vielen Fällen am Limit. Mit welchen Problemen sie derzeit zu kämpfen haben und was sie von der Gesellschaft fordern, weiß Dr. Christian Pfeiffer, unterfränkischer Bezirksvorsitzender im Bayerischen Hausärzteverband und Beauftragter der Kassenärztlichen Vereinigung (KVB).

Frage: Wenn Sie sich an die Anfänge des Corona-Ausbruchs zurückerinnern: Wie stark hat das Virus die Hausärzte in Unterfranken getroffen?

Christian Pfeiffer: Sehr, sehr stark. Wir machen eine Katastrophenmedizin, die nichts mit unserem bisher etablierten Arbeiten zu tun hat. Eine Pandemie in dieser Art gab es noch nie und ich hoffe, dass wir sie auch nur einmalig erleben werden. Normale Praxen sind in keinster Weise dafür ausgerüstet, wir konnten es ja nicht vorhersehen.

Was heißt das genau?

Pfeiffer: Das betrifft vor allem Schutzmaterialien. Einen gewissen Lagerbestand gibt es. Aber es ist nicht so, dass es ganze Regale davon gibt. Wir leben in einer Gesellschaft, in der man normalerweise zu jeder Tages- und Nachtzeit alles bekommt. Und genau so ist es in medizinischen Bereichen. Eine große Lagerhaltung gibt es nicht mehr. Das schafft uns jetzt die Riesen-Probleme. Angefangen von Kleinigkeiten wie Desinfektionsmitteln und Handschuhen, die in vielen Praxen schon ausgehen.

Von diesem Engpass hatten Sie bereits zu Beginn der Ausbreitung gesprochen. Daran hat sich also in den vergangenen Wochen nichts geändert?

Pfeiffer: Da hat sich gar nichts verändert. Ich vom Verband weiß, es wird an der ganzen Geschichte gearbeitet. Wir Hausärzte wissen aber nicht, wann und wie es besser wird.

Wo standen Sie als Hausarzt am Anfang der Ausbreitung, wo stehen Sie jetzt?

Pfeiffer: Wir lernen von Tag zu Tag. Die Situation ändert sich auch täglich. Am Anfang konnten wir die Infektionsquelle nachvollziehen, zum Beispiel in Südtirol. Da war es einfach. Momentan befinden wir uns aber in der Phase, in der Infektionsfälle kaum mehr nachvollziehbar sind. Das heißt für uns: Theoretisch könnte jeder Patient mit Atemwegserkrankungen Corona-Träger sein.

Wie haben sich die Arbeitsabläufe in den Praxen geändert?

Pfeiffer: Wir in Giebelstadt haben unsere Eingangstüre geschlossen. Das hat sich nach einem Tag schon herumgesprochen (lacht). Jeder Patient muss läuten und wird abgefragt. Zudem telefonieren wir jeden Tag mehrere Stunden. Alle nicht notwendigen Kontakte werden heruntergefahren. Wir sind ja auch ein sozialer Treffpunkt beim Doktor. Früher haben die Patienten gesagt, im Wartezimmer kann man ja super quatschen. Das darf es nicht mehr geben. Deswegen sitzen auch maximal drei Patienten in großem Abstand in unseren Wartezimmern.

Kürzlich ist in Bayern der Katastrophenfall ausgerufen worden, seit dem Wochenende nun gelten weitreichende Ausgangsbeschränkungen. Befürworten Sie das?

Pfeiffer: Das waren richtige Schritte. Ich habe kein Verständnis dafür, wenn ältere Leute, die wir schützen müssen, weiter selbst einkaufen gehen oder junge Leute immer noch privat feiern. Natürlich ist es schlimm, unsere sozialen Kontakte einzuschränken, weil wir das nie gewohnt waren. Aber wenn wir das nicht unter Kontrolle kriegen, fliegt uns das Ganze wie in Italien um die Ohren.

Ist die Versorgung von Patienten durch die Vorauswahl schwieriger oder einfacher geworden?

Pfeiffer: Ich finde, sie ist schwieriger, weil sie komplizierter für uns Ärzte geworden ist. Wir müssen noch mehr auf die Patienten aufpassen. Und: Wir müssen auch den Spagat hinbekommen, uns als Praxen zu schützen. Das hört sich erst einmal komisch an. Aber wir haben in Bayern schon einige Praxen, die vom Gesundheitsamt wegen des Kontakts mit Corona geschlossen worden sind.

Auch in Unterfranken?

Pfeiffer: Ja, auch hier. Nicht nur in einem Fall.

Was sind die Folgen?

Pfeiffer: Wenn das großflächig passiert, dann wissen die Leute nicht mehr, wo sie hingehen sollen. In die Notaufnahmen können sie nicht spazieren. Erstens sind sie dort oft fehl am Platz, und die Kliniken sind bereits überlastet. Wir müssen also versuchen, dass das ambulante System am Laufen bleibt.

Wie lautet Ihr Appell, damit das auch klappt?

Pfeiffer: Nicht in Panik verfallen, aber es nicht herunterspielen. Wir haben wirklich eine sehr ernste Situation. Bleiben Sie zu Hause und vermeiden Sie soziale Kontakte. Man darf raus gehen ins Freie, mit dem Hund spazieren, eine Radtour mit dem Partner unternehmen. Das ist alles kein Problem. Sich aber abends mit Freunden zusammenzusetzen auf ein Bier oder Wein, das ist ein absolutes No-Go. Ich höre es von Jüngeren, die sich teilweise sehr sorglos verhalten. Man sollte dabei an alle Eltern und Großeltern denken. Ich möchte nicht derjenige sein, der sich später vielleicht den Vorwurf machen muss, dass ein älterer Verwandter ums Leben gekommen ist, weil ich mich falsch verhalten habe.

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