WÜRZBURG

Helfer im Einsatz: Die Angst kommt erst später.

Rettungsassistent Axt-Attentat
Er wird den Einsatz nicht so schnell vergessen: Rettungsassistent Florian Hauck vom BRK in Würzburg. Foto: Daniel Peter

Es ist der 18. Juli 2016. Es ist der Abend, an dem der islamistische Terror Deutschland erreicht. Als der Notruf über das Axt-Attentat im Regionalzug zwischen Ochsenfurt und Würzburg in der Einsatzzentrale eingeht, wird Vollalarm ausgelöst. „Alles, was ein Blaulicht auf dem Dach hat, wird alarmiert“, sagt Stefan Dietz vom Bayerischen Roten Kreuz (BRK) in Würzburg.

Er war damals einer der beiden Gesamteinsatzleiter. Insgesamt waren rund 120 Helfer vom BRK, den Maltesern, den Johannitern sowie Notärzte und Notfallseelsorger im Einsatz. Dazu kommen die Kräfte der Berufsfeuerwehr Würzburg sowie der Freiwilligen Feuerwehr Heidingsfeld – und die Beamten der Polizei und des Sondereinsatzkommandos.

Diese Nacht war eine Herausforderung – gerade für die Rettungssanitäter, die nicht genau wussten, was passiert war. Sie mussten als Ersthelfer an den Tatort, um die Verletzten zu versorgen. Einer von ihnen ist der 24-jährige Rettungsassistent Florian Hauck vom BRK in Würzburg: Wie viele Schüsse es waren, weiß er nicht. Aber den Klang kann er noch genau beschreiben. „Wir waren nur 150 Meter vom Täter entfernt. Wenn ich mir vorstelle, in welcher Gefahr wir da waren. Das habe ich erst im Nachhinein realisiert“, sagt er im Gespräch mit dieser Redaktion.

Florian Hauck versorgt angegriffene Spaziergängerin

Florian Hauck hat sich im Stadtteil Heidingsfeld um die Würzburger Spaziergängerin gekümmert, die der Attentäter nach dem Anschlag im Zug auf seiner Flucht lebensbedrohlich verletzt hatte. Bis dahin war es für den 24-jährigen Hauck eigentlich ein entspannter Tag. Mit einem Kollegen saß er im Café D.O.C. am Vierröhrenbrunnen – beide erfahrene Rettungsdienstler, an diesem Abend in ehrenamtlicher Bereitschaft, um die Diensthabenden in Spitzenzeiten zu unterstützen. Dann kam der Alarm. Nichts Genaueres, ein Unfall in einem Zug. Die zwei Männer haben den Rettungswagen an der Wache geholt und sind zum Einsatzort nach Heidingsfeld gefahren.

Polizei schützt die Helfer

„Von der Leitstelle kam zwischenzeitlich die Warnung, dass es eine besondere Situation ist und dass Selbstschutz an erster Stelle steht. Wir sollten vorsichtig sein.“ Wie außergewöhnlich die Situation war, wurde den beiden bewusst, als sie unterwegs von mehreren Streifenwagen der Polizei überholt wurden. „Die fahren normalerweise hinter uns und lassen den Rettungsdienst erst mal arbeiten. Da musste schon mehr Gewalt im Spiel sein“, berichtet der Würzburger.

Hauck und sein Kollege wurden an die zweite Einsatzstelle gerufen, an der nicht die Zuginsassen, sondern die Fußgängerin betreut wurde. Die Einsatzorte lagen nicht weit voneinander entfernt, die Frau lag etwas weiter Richtung Main in einem Heidingsfelder Industriegebiet. Vier Polizisten in Zivil waren bereits dort, zwei von ihnen mit gezogener Waffe. „Da hat?s Klick gemacht. Irgendwas passte überhaupt nicht“, sagt Hauck.

Das SEK trifft ein

Die Situation vor Ort hieß für die beiden Rettungsassistenten und den eingetroffenen Notarzt: anders agieren. „Wir mussten die Patientin möglichst schnell ins Auto holen und ins Krankenhaus bringen.“ Sie habe unter Schock gestanden, die ganze Zeit gesagt, dass es ein Täter war. „Ich habe an mir selbst beobachtet, dass ich in dem Moment viel besser funktioniert habe als in einem normalen, weniger stressigen Einsatz. Es war Wahnsinn, wie schnell man gearbeitet hat.“ Noch während Hauck und sein Kollege die Patientin behandelt haben, kam das Sondereinsatzkommando. „Die Autos sind um uns herum stehen geblieben. Man hat von den Beamten wenig gehört, nicht mal ein Martinshorn.

Es kann sein, dass uns gesagt wurde, dass sich der Täter noch in der Nähe aufhält. Aber es fehlen immer ein paar Sekunden in der Erinnerung. Realisiert habe ich alles erst einen Tag später.“

Rettungsassistent hört die Schüsse

Als die Helfer die Patientin schließlich ins Rettungsfahrzeug einladen wollten, hat die Polizei einen Funkspruch empfangen. „Wir wurden ins Auto reingedrängt, der Dritte dahinter gezerrt.“ Dann fiel ein Schuss. Oder Schüsse. Hauck kann es nicht mehr genau sagen. Später wurde klar: Die SEK-Beamten haben den Axt-Attentäter keine 200 Meter vom Einsatzort des Sanitäters erschossen.

Die Patientin wurde in die Uniklinik gebracht, wo sie von einem „perfekt vorbereiteten Team“ in Empfang genommen wurde. Vom Café D.O.C. bis hierhin seien gerade einmal 45 Minuten vergangen. „Der Moment der Angst kam erst danach. Als wir aus dem Krankenhaus wieder rausgefahren sind. Da habe ich habe meine Familie angerufen und ihr gesagt, dass es mir gut geht.“

Merkwürdige Stimmung in der Stadt

Während der Fahrt durch die Stadt war die Stimmung atemraubend. „Man hat niemanden gesehen, auf dem Handy kam eine Mitteilung nach der anderen von den Nachrichtendiensten. Es war schon merkwürdig. Im kleinen Würzburg erwartet man so einen Anschlag einfach nicht.“ Noch in der Nacht wurde eine Gruppe gegründet, in der die Helfer nicht nur miteinander, sondern auch mit Notfallseelsorgern sprechen konnten. „Wichtig ist immer, dass man schnell darüber redet. Das hilft beim Verarbeiten.“ Auch die Zusammenarbeit zwischen den drei Hilfsorganisationen – Malteser, Johanniter und dem Roten Kreuz – sowie der Feuerwehr habe in dieser Nacht so gut funktioniert wie noch nie.

Heute – ein Jahr später – habe Hauck mit den Ereignissen abgeschlossen. „Das hat schon seine Zeit gedauert. Gerade von neuen Kollegen wird man oft gefragt, welche Einsätze man schon erlebt hat. Und das ist der einzige, bei dem es nicht leicht fällt, locker darüber zu sprechen.“

Dominik Merten hatte gerade erst Geburtstag

Auch Dominik Merten hat Nachtschicht. Einen Tag nach seinem 28. Geburtstag tritt er am 18. Juli 2016 um 21.30 Uhr seinen Dienst in der Rettungswache der Malteser in der Mainaustraße an. Kurz danach kommt schon der erste Funkspruch: Ein „Massenanfall von Verletzten“ in Heidingsfeld wird gemeldet. Mit Martinshorn und Blaulicht rücken Dominik Merten und sein Kollege aus. Einsatzort Winterhäuser Straße. Noch ahnen sie nicht, dass dieser Einsatz im Zusammenhang mit einem Terroranschlag steht.

Erst ein normaler Einsatz

Massenanfall von Verletzten: Der Funkspruch kann alles bedeuten. Ein Verkehrsunfall mit vielen Beteiligten, ein Brand, eine Schulklasse mit Norovirus. So ist es auch ganz normal für die beiden Sanitäter, dass am Einsatzort jede Menge Einsatzkräfte und Polizisten sind. Die beiden fahren ihr Programm ab. Sie melden, dass sie vor Ort sind und werden sofort zum Behandlungsplatz geschickt. Dort warten sie erst einmal auf weitere Instruktionen. Seit zehn Jahren fährt Dominik Merten neben dem Studium Rettungseinsätze für die Malteser. Der 28-Jährige will einmal Zahnarzt werden. Bisher hatte er immer Glück, erzählt er.

Ein wirklich schlimmer Einsatz war noch nicht dabei. Und dann hat er ausgerechnet an jenem Abend Dienst, als der islamistische Terror nach Deutschland kommt. „Irgendwann trifft es wohl jeden einmal, dass er einen Einsatz erwischt, den er nicht so schnell vergisst“, sagt er nachdenklich. Überhaupt ist der junge Sanitäter sehr in seinen Gedanken versunken. Das Axt-Attentat eines jungen Flüchtlings, es verändert ihn. Dominik Merten fängt an, sich Sorgen zu machen. Er denkt viel über seine Sicherheit nach.

Diffuse Einsatzlage

In Heidingsfeld wissen Merten und sein Kollege immer noch nicht, was eigentlich los ist. Der Funk überschlägt sich. Die Hinweise sind diffus. „Gerade bei solchen Einsätzen ist der Funk immer unübersichtlich“, sagt der Sanitäter. „Da ist es schwierig, etwas heraus zu finden.“ Bekannt war die Amoklage, sagt Christina Gold, Pressesprecherin der Malteser in Würzburg. „Mehr habe ich auch nicht gewusst.“ Erst gegen ein Uhr in der Nacht hat sie mitbekommen, dass es ein Terroranschlag war. An die Einsatzkräfte gehen immer die Informationen raus, die sie brauchen. Bewusst zurückgehalten werde da nichts, sagt sie.

Merten: „Alle funktionieren in dieser Nacht“

Dominik Merten macht weiter sein Ding in Heidingsfeld. Den Tatort-Zug sieht er nicht und auch keine Verletzten. Er funktioniert. „Alle funktionieren in dieser Nacht“, sagt er. „Wenn die Prozesse nicht klar wären, wenn wir von Angst getrieben wären, dann würde es nicht funktionieren.“ Auch, wenn er an diesem Abend nur in der zweiten Reihe steht, sein Blut ist voller Adrenalin.

Dominik Merten ist seit zehn Jahren Sanitäter. Über den Einsatz beim Axt-Attentat hat er viel nachgedacht. Foto: Thomas Obermeier

Viele Fragen

Gegen ein Uhr wird der Einsatz zurückgefahren. Merten und sein Kollege werden zu einem Standort an der Talavera geschickt. Hier sollen sie weiter in Bereitschaft sein. Martinshörner sind kaum noch zu hören. Der Attentäter wurde vom SEK erschossen. Längst überschlagen sich die Nachrichten mit den Vorfällen aus Würzburg. Sondersendungen laufen im Fernsehen. Die Würzburger wissen, was gerade in ihrer Stadt passiert ist. Dominik Merten weiß es nicht. Er bekommt von all dem nichts mit. Radio hört er im Rettungswagen nicht und über Funk werden andere Informationen verbreitet. „Aber auch das ist ganz normal“, sagt er. „Es geht einfach weiter. Die Nacht ist eben noch nicht vorbei.“

Erst zwei Tage später wird ihm so richtig bewusst, was eigentlich an diesem Abend geschehen ist. Er ist mit dem Fahrrad unterwegs, um den Kopf frei zu bekommen. Seine Gedanken drehen sich um diese schreckliche Nacht, um diese Brutalität, die von einem Menschen ausgehen kann. Erst jetzt wird ihm klar, in welch gefährlicher Lage er sich befunden hat. Erst da spürte er so etwas wie Angst.

Es dominiert die Unsicherheit

„Wie soll ich bei künftigen Einsätzen reagieren? Ich muss mehr auf meinen Eigenschutz achten. Wie schaffe ich das überhaupt? Fahre ich noch zum Einsatzort, wenn ich vorher weiß, wie gefährlich die Situation dort ist? Aber ich kann doch die Verletzten nicht liegen lassen.“ Merten sucht Antworten auf seine vielen Fragen. Doch es dominiert die Unsicherheit. Der 18. Juli – er wirkt nach.

„Der Eigenschutz der Rettungskräfte hat immer Vorrang“, sagt Christina Gold. Wenn sie angegriffen werden, dürfen sie den Verletzten liegen lassen und sich zurückziehen. „Keiner ist verpflichtet, sich in Gefahr zu begeben.“ Bei derart großen Einsätzen sei es auch die Aufgabe des Einsatzleiters, sichere Räume frei zu geben. „Darauf habe ich mich auch verlassen“, sagt Dominik Merten.

Wichtig sind Gespräche mit den Kollegen

Es dauert eine Weile, dann spricht er mit Kollegen noch einmal den Einsatz durch. Auch sie waren in Heidingsfeld. „Vielleicht habe ich ja etwas falsch eingeschätzt“, fragt Dominik Merten nachdenklich. Doch auch seine Kollegen haben die Nacht des Attentats ähnlich empfunden wie er. Erst hinterher wird ihnen die Gefahrenlage bewusst.

Vielleicht seit 20 Jahren, schätzt Christina Gold, gibt es bei den Hilfsdiensten eine psychologische Nachsorge. Auch nach dem Axt-Attentat standen ihnen Psychologen und ein Kriseninterventionsteam zur Verfügung. Merten – wie auch Hauck – haben die psychologische Hilfe nicht in Anspruch genommen. Ihnen tat das Gespräch mit befreundeten Sanitätern gut. Sie fahren weiter Rettungsdienst, auch wenn sie bei manchen Einsatzlagen nun nicht mehr unbedarft ausrücken, sondern auch an ihre eigene Sicherheit denken.

„Ich reiß mich nicht darum, so etwas noch mal zu erleben“, sagt Dominik Merten.

Rückblick

  1. Axt-Attentat in Würzburg: Hongkonger bekommt Rettungsmedaille überreicht
  2. Drei Jahre nach Würzburger Axt-Anschlag: Ermittlungen dauern an
  3. Drei Jahre nach Axt-Attentat: Rettungsmedaille für Hongkonger
  4. Drei Jahre nach Axt-Attentat: Opfer von damals heiraten
  5. Würzburger Muslime besorgt um den Ruf ihrer Religion
  6. Kennt Bundesanwaltschaft den Hintermann des Axt-Anschlags?
  7. Axt-Attentat: Der Terror vor der Haustüre
  8. Wie die Polizei mit gefährdeten Jugendlichen umgeht
  9. Jugendliche stark machen im Kampf gegen Radikalisierung
  10. Landrat plädiert für anderen Umgang mit Flüchtlingen
  11. „Diese Politik ist menschenverachtend“
  12. „Und immer wieder bleibt eine gewisse Ratlosigkeit zurück“
  13. Terror: Mehr Schutz für die Ersthelfer
  14. Helfer im Einsatz: Die Angst kommt erst später.
  15. „Kein Anschlagsszenario, das zuvor irgendjemand im Blick hatte“
  16. Leitartikel: Der Anschlag von Würzburg bleibt rätselhaft
  17. Axt-Attentat in Würzburg - Ein Jahr danach
  18. Der blutige Sommer 2016 muss uns stark machen
  19. Gesellschaft muss sich auf neue Bedrohungen einstellen
  20. Die Feuerwehr im Einsatz: Das Jahr 2016
  21. Nach dem Axt-Attentat: Checkliste für Retter im Einsatz
  22. Pilotprojekt gegen Radikalisierung
  23. Wie die Welt der Salafisten aussieht
  24. Opfer des Axt-Attentats bleiben optimistisch
  25. Der Tag, an dem Würzburg zur Zielscheibe des Terrors wurde
  26. Leitartikel: Es braucht Wahrheit und Wehrhaftigkeit
  27. Gerhard Kallert: „Kein Grund für mehr Ängste“
  28. Axt-Attentat: „Es tat gut, helfen zu können“
  29. Axt-Attentat: Die Frage nach dem Warum bleibt
  30. Schüsse auf Axtattentäter waren einzige Chance für Polizei
  31. Leitartikel: Trauer und Leid ohne Groll
  32. Axt-Attentatsopfer melden sich erstmals zu Wort
  33. Axt-Attentat: Zustand der Opfer hat sich weiter verbessert
  34. Nach Axt-Attentat: Erste Opfer fliegen nach China zurück
  35. Axt-Attentat: Chat belegt Kaltblütigkeit
  36. Nach Axt-Attentat: Konferenz für Pflegefamilien
  37. Axt-Attentäter anonym in Bayern bestattet
  38. Ein Monat zwischen Alptraum und Alltag
  39. Nach dem Axt-Attentat: „Nichts ist mehr so, wie es mal war“
  40. Asylantrag wegen technischer Störung unentdeckt
  41. Axt-Attentat: Spendenkonto für die Opfer eingerichtet
  42. Gesellschaft für deutsch-chinesische Freundschaft kümmert sich um Angehörige
  43. Ein anonymes Grab für den Axt-Attentäter?
  44. Axt-Terrorist schlüpfte ungeprüft aus Ungarn herein
  45. Zweifel an islamischem Begräbnis für Attentäter
  46. Die Zugfahrt, die im Alptraum endete
  47. Keine jungen Flüchtlinge in Pflegefamilien
  48. Bahn will hunderte Sicherheitskräfte neu einstellen
  49. Die Angst vor dem Terror
  50. Axt-Attacke: Leiche des Täters noch nicht freigegeben

Schlagworte

  • Würzburg
  • Thomas Fritz
  • Svenja Kloos
  • Attentat in Würzburg
  • Attentäter
  • Deutsches Rotes Kreuz
  • Heidingsfeld
  • Islamistischer Terror
  • Rettungssanitäter
  • Rotes Kreuz
  • Sanitäter
  • Terroranschläge
Lädt

Schlagwort zu
„Meine Themen“

hinzufügen

Sie haben bereits
/ 15 Themen gewählt

bearbeiten

Sie folgen diesem Thema bereits

entfernen

Um "Meine Themen" nutzen zu können müssen Sie der Datenspeicherung zustimmen

zustimmen
0 0
Kommentar schreiben

Der Diskussionszeitraum für diesen Artikel ist leider schon abgelaufen. Sie können daher keine neuen Beiträge zu diesem Artikel verfassen!