OCHSENFURT

„Hier wird der Falsche abgeschoben“

Täglich lernt Timothy Oko-Oboh Deutsch. Die praktische Prüfung in seinem Traumberuf Altenpflegehelfer bestand er mit der Note eins. Foto: Pat Christ

Die Zukunft von Timothy Oko-Oboh beschäftigt die Öffentlichkeit, seit diese Zeitung vor wenigen Tagen über den 18-jährigen Nigerianer berichtet hat. Timothy soll abgeschoben werden, obwohl er gut integriert ist, eine Ausbildung als Pflegefachhelfer abgeschlossen hat und ihm ein fester Arbeitsplatz im Ochsenfurter Seniorenheim Haus Franziskus zugesichert wurde. Am 8. September entscheidet sich sein weiteres Schicksal vor dem Würzburger Verwaltungsgericht.

Mit zwölf Jahren floh Timothy aus Nigeria – aus Angst, von einer kriminellen Gang zwangsrekrutiert oder getötet zu werden. Seit drei Jahren lebt er in Deutschland. Als Pflegekind haben ihn Claire und Sven Stabenow aufgenommen. Sven Stabenow ist niedergelassener Arzt und Leiter der Freien Evangelischen Gemeinde in Ochsenfurt.

Das Ehepaar kämpft um ein dauerhaftes Bleiberecht für Timothy, nachdem sein Asylantrag abgelehnt wurde und ihm nun die Abschiebung droht. Für den Fall, dass das Verwaltungsgericht Würzburg die Ablehnung bestätigt, haben sie bereits eine Petition in Gang gebracht, auf der sich inzwischen über 2000 Unterzeichner für Timothy einsetzen.

Mut machende Reaktionen

In Zuschriften an die Redaktion und Internetkommentaren haben viele Leser ihr Unverständnis zum Ausdruck gebracht. „Wir wurden von vielen Leuten angesprochen“, erzählt auch Claire Stabenow, „und haben so gut wie nur zustimmende und Mut machende Reaktionen bekommen.“

In einer E-Mail hat sich inzwischen auch der Vorstand des Landkreis-Kommunalunternehmens und Geschäftsführer des Seniorenheims Haus Franziskus, Alexander Schraml, an Politiker gewandt und seine Unterstützung für den jungen Nigerianer ausgedrückt. Im Haus Franziskus hat Timothy gerade ein vierwöchiges Praktikum beendet. Nachdem er in Würzburg eine Ausbildung zum Pflegefachhelfer beendet hat – mit Note eins im praktischen Teil – hat ihm Haus Franziskus einen festen Arbeitsplatz und eine Weiterbildung zur Pflegefachkraft zugesichert.

„In Zeiten des Fachkräftemangel, der vor allem die pflegerische Versorgung unserer älteren Menschen betrifft und bedroht, soll ein engagierter junger Mann das Land verlassen, der den Beruf der Altenpflege ergreifen will“, entrüstet sich Schraml, „und das obwohl ein öffentlicher Arbeitgeber bereits eine Zusage für eine Beschäftigung gegeben hat“.

Auch Einrichtungsleiterin Martha Eck würde Timothy Oko-Oboh gerne weiter beschäftigen. „Unsere Omas mögen ihn sehr“, sagt sie über den engagierten jungen Mann. Alexander Schraml unterstreicht: „Das hat mit dem Asylrecht gar nichts zu tun.“ Gleichzeitig werbe nämlich die Bundesagentur mit dem Programm „Triple Win“ in Ländern wie den Philippinen um Pflegekräfte und stelle ihnen eine dauerhafte Beschäftigung in Deutschland in Aussicht. „Die, die schon da sind, schieben wir ab“, so Schraml.

In den sozialen Netzwerken stößt die drohende Abschiebung ebenso auf Unverständnis. Selbst ein bekennender AfD-Anhänger meint auf der Facebook-Seite der Mainpost: „In diesem Fall wird der Falsche abgeschoben.“

Das Wiehern des Amtsschimmels

„Die meisten Migranten kommen nicht, um sich hier irgendwie zu bereichern oder andere Menschen auszunutzen, sondern einfach, um sich hier mit einer anständigen Ausbildung Perspektiven für die Zukunft schaffen zu können“, schreibt eine andere Facebook-Nutzerin.

Wie blanker Hohn kommt Seniorenheim-Chef Alexander Schraml da ein anderer Hinweis vor. „Seitens der Behörden haben wir den Hinweis bekommen, Herr Oko-Oboh solle doch ausreisen, einen Antrag auf Arbeits- und Aufenthaltserlaubnis stellen und dann wieder einreisen“, sagt er. „Das ist nicht nur ein Amtsschimmel, das ist eine ganze Herde, die ich da wiehern höre.“

Die praktische Prüfung in seinem Traumberuf Altenpflegehelfer bestand Timothy Oko-Oboh mit der Note eins. Foto: Pat Christ

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