LINDLEINSMÜHLE

Hochhäuser im Tal und Eigenheimer am Hügel

Die Lindleinsmühle: Früher ein Stadtteil mit eigenen Läden und einer gesunden Infrastruktur, heute eher eine Schlafstadt für viele Menschen, die nicht gerne im Würzburger Kessel wohnen wollen.
Der erste Eindruck des Stadtteils von der Versbacher Straße aus: Er ist grün. Überall Rasen, Büsche, Bäume und sogar wildromantische Flecken wie entlang des Albertus-Magnus-Weges, der sich an der Pleichach durch die Lindleinsmühle schlängelt. Der zweite Eindruck: Jede Menge Hochhäuser, die in den Sommerhimmel ragen. Und es gibt keine Plätze mehr, an denen sich Menschen treffen.

Die Lindleinsmühle wirkt eher wie eine Schlafstatt für Leute, die in Würzburg arbeiten. Lebt man dort? In früheren Zeiten einer gesunden Infrastruktur mit einem Einkaufsmarkt war der Platz vor der Kirche von St. Albert mit seinem großen Brunnen bevölkert. Doch das Wasser ist versiegt, genauso wie der Besucherstrom. Jetzt geht es ruhig zu auf dem Stadtteil-Platz. Ab und zu kommen Frauen zum Fitness-Center Mrs. Sporty, gehen Kunden zur Bäckerei Rösner oder erledigen Bankgeschäfte in der Sparkasse. Nur am Sonntag, nach dem Gottesdienst, füllt sich der Platz kurzfristig.

Rolf Huttner, Sprecher des Stadtteilprojektes „Lindleinsmühle lebenswert“ wohnt seit 1967 im Stadtteil, von dem nur wenige ganz genau wissen, wo er in Richtung Versbach endet. Er kennt die Verhältnisse und arbeitet mit allen Institutionen an einer Verbesserung der Verhältnisse in der Lindleinsmühle. Die Probleme: Die Lindleinsmühle ist kein organischer gewachsener Stadtteil wie beispielsweise das lange Zeit eigenständige Versbach. 1961 beschloss der Würzburger Stadtrat, die Lücke zwischen der Gemeinde Versbach und der Stadt zu schließen. Das Ziel: Wohnbebauung in kürzester Zeit schaffen. Der Name des Stadtteils geht auf eine der drei Mühlen an der Pleichach zurück – Straubmühle, Neumühle und Lindleinsmühle. Die Lindleinsmühle wurde am 16. März 1945 bei der Bombardierung Würzburgs durch die Alliierten zerstört. Heute steht an dieser Stelle in der Schwabenstraße ein Hochhaus.

Aus den 60er Jahren stammen die meisten Häuser und die Planung der Infrastruktur. Im Tal, also Neumühle, Bayern-, Schwaben-, Ostpreußenstraße und am Schwarzenberg entstanden fast ausschließlich Sozialwohnungen von Wohnbaugesellschaften. Besonders stark ist die Stadtbau GmbH vertreten, die 808 Wohnungen in ihrem Bestand hat. Im Tal, so Huttner, wohnen überwiegend sozial schwächere Familien und viele Menschen mit Migrationshintergrund, darunter viele Gruppen aus Ostgebieten. Etwa 80 Nationen leben im Tal. Stadt, Kirche und Verbände haben reagiert und viele pädagogische Einrichtungen installiert. So gibt es Kindergärten, Sozialdienste, Kinderhaus, Erziehungsberatungsstelle, den Aktivspielplatz am Steinlein, das Jugendzentrum Zoom. Krasser Gegensatz dazu: der Hang. In der Franken- und Hessenstraße und im oberen Bereich des Schwarzenberg gibt es viele Reihen- und Einzelhäuser, in denen die Eigentümer wohnen. Dort ist der Anteil der Senioren überdurchschnittlich hoch.

Einer, der gerne in der Lindleinsmühle wohnt, und noch dazu am einzigen Stadtteilplatz, ist Berthold Gehret. Seit 1969 ist er in der Lindleinsmühle und er sieht keinen Grund, das zu verändern. Obwohl sich vieles verändert hat. „Als ich damals neu in Würzburg bei der Sparkasse anfing, war diese Wohnung frei, sie gefiel meiner Frau und mir. Es gab eine intakte Infrastruktur. Sogar ein Schuhladen war im Stadtteil. Und die City ist ganz nah.“ Der Einbruch kam, als die Edeka den Platz vor St. Albert verließ, sagt Gehret. Da trafen sich die Menschen auf ein Schwätzchen beim oder nach dem Einkaufen. Heute gibt es in dem Bereich noch ein Schreibwarengeschäft, einen russischen Lebensmittelladen, einen Dönershop, einen Friseur, den Fitnessladen und die Bäckerei nebst Café, das Hotel Lindleinsmühle und die kleine Kneipe Lindleinsmühle.

Der Discounter Lidl hat derzeit eine Filiale am Steinlein. Die schließt zugunsten einer neuen Filiale in der Versbacher Straße in der Nähe der Fußgängerbrücke, die zum Schwarzenberg führt. Die Stadtbau, die viel in der Lindleinsmühle bewegt, hat das Grundstück mit der Prämisse Einzelhandel verkauft. Lidl hat laut Stadtbau-Geschäftsführer Hans Sartoris jetzt Planungsrecht und wird im Herbst mit dem Bau beginnen. Ein Jahr später soll Eröffnung sein.

Ein Anliegen von Sartoris war es, das Bild des Stadtteils langfristig zu verbessern. Und dazu gehört die neue Anlage am See, die das Unternehmen 750 000 Euro gekostet hat. Wo vorher alles zugewuchert war und sich ein paar Jugendliche herumtrieben, gibt es jetzt eine Seepromenade, Freizeitflächen und einen Spielplatz: ein Kleinod. Ein 72-jähriger Lokführer, aufgewachsen in der Innenstadt, genießt den Sommer-Nachmittag. Sein Blick fällt auf die Jugendlichen, die auf dem Gras picknicken, auf den jungen Familienvater, der mit seinem Sohn ein Fernsteuerboot über die Wasserfläche flitzen lässt. „Hier kann man durchatmen, ganz anders als in der stickigen City.“ Während er am See sitzt, kommen Enten angewackelt, zum Streicheln nahe, und wollen Futter haben. Er hat sich im Stadtteil eine Wohnung gekauft.

Josef Hylla schwitzt im Garten. Eine oberschlesische Fahne hängt träge im Wind und ein Wichtelgesicht, geschnitzt aus einem Baumstumpf, starrt auf die Besucher. Vor 23 Jahren kam der Oberschlesier nach Franken, lange Jahre arbeitete er als Dreher in Schweinfurt. Jetzt verbringt er seine Freizeit im Garten seines Sohnes. „All die Jahre wusste ich nicht, dass es in der Lindleinsmühle so eine schöne Kleingartenanlage gibt.“ Fast alle Pächter der Parzellen am Hölzlesweg sind Lindleinsmühler. Während Hylla die Wiesenkante schneidet, entspannt Ehefrau Christine in der Hängematte. Urlaubsort Lindleinsmühle!
Lindleinsmühle
Stadtteilserie,Lindleinsmühle,jetzt zwei Hochhäuser,früher stand hier die Lindleinsmühle Foto: Theresa Müller

Rückblick

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