WÜRZBURG

Hommage an Wolfgang Schulz

Zornig, maßlos, vielfältig und prägend: Werkstattbühnen-Chef Wolfgang Schulz (1940 bis 2012) in „Das letzte Band“.
Zornig, maßlos, vielfältig und prägend: Werkstattbühnen-Chef Wolfgang Schulz (1940 bis 2012) in „Das letzte Band“. Foto: Thomas Obermeier

Die Werkstattbühne hat sich mit einer Hommage von ihrem Gründer und Leiter Wolfgang Schulz verabschiedet. Schulz ist im Oktober 2012 im Alter von 72 Jahren an einem Herzinfarkt gestorben. Über 50 Jahre lang arbeitete er als Schauspieler, Regisseur und Autor, 31 Jahre lang führte er die Werkstattbühne.

Thomas Lazarus, der Künstlerische Leiter, und Stephan Ladnar, der Geschäftsführer, versuchten keine repräsentative Schau; unwahrscheinlich bei Schulz' reichem OEuvre, dass das an einem Abend gelungen wäre. Sie luden Weggefährten ein, Szenen beliebig und nach eigenem Gutdünken aufzuführen.

Wesentlich ist Schulz' Antibürgerlichkeit. In „Ruf der Eule“ schüttet er in einem 329 Wörter langen Satz eine wortgewaltige, sprachmächtige, maßlose Suada über Touristen aus. Seine „Mordsgefühle“, die er in diesen einen gewaltigen Satz packt, scheinen in vielen Variationen in seinem Arbeiten auf. Aber er war und fühlte ambivalent. Der Satz endet in Mitleid; auch diese Menschen seien „nicht nur von kreatürlicher Not, sondern auch vom selbst verschuldeten Elend ihrer Anpassung gepeinigt“– wie er selbst, so bekennt er. Der Unterschied sei, „dass er sich und sein Elend klaren Blickes erlebt“.

Als Hermann Drexler den Text vortrug, glucksten die Zuschauer vergnügt. Das ist ein Kummer des Schulz gewesen: Er, der freie, kritische Geist, formte sein Publikum, bis es sich nicht einmal von ihm mehr schrecken ließ. Nicht nur, dass Zuschauer ausblieben. In den letzten Jahren war da kaum mehr jemand, der sich aufregte. Der zornige Maßlose wurde nicht mehr ernst genommen.

Schulz aber wurde prägend und bedeutend in der Würzburger Kulturszene, weil er vielfältig war. Er machte mehr als Theaterdonner. Eine seiner besten Arbeiten überhaupt war außerordentlich leise, mit Lyrik und Prosa des Portugiesen Fernando Pessoa. Die Main-Post rezensierte, dies sei „einer dieser wenigen wunderbaren Abende, wie ihn wohl nur die kleinen Bühnen wagen und inszenieren können. Selten erlebt man in einem Theater so intensive Momente.“

Die Zeit seiner „großen Theaterfeste und großen Schlachten“ (Kulturreferent Muchtar Al Ghusain) waren die 1980-er und 90-er Jahre. Schulz experimentierte auf der kleine Bühne im Keller der Rüdigerstraße 4 mit Formen und Inhalten, wie es sie sonst in Würzburg nicht zu sehen gab. Sein größtes Stück – „Phalásarna/D Micro-Macro. Loci. Foci. Torsi. Der IC fährt jetzt 260 KaEmHa. Archaeologica. Metaphora. Quodlibets & Divertissements“, geschrieben 1992 – stand im Mittelpunkt der Hommage. Es ist zum Mythos geworden. Mehr als 30 Leute arbeiteten ein halbes Jahr lang an der Umsetzung, bis Schulz große Teile des Ensembles verschlissen und neben seiner Bühne die kooperierenden Theater am Neunerplatz und Chambinzky an den finanziellen Abgrund getrieben hatte. Das sinn- und sinnenverwirrende Monstrum erwies sich als unaufführbar. Die fragmentarische Vorstellung des Werks dauerte über vier Stunden lang.

Als Running Gag tauchten in der Hommage immer wieder bescheuerte Gestalten aus Schulz' Phalásarna-Universum auf. Der Mann mit dem großen Intellekt und den großen Ansprüchen konnte auch sehr platt und komisch sein.

Es waren zwei melancholische Abende, mehr ein Abschiednehmen von einem großen Würzburger Theatermacher als eine Werkschau. In den Pausen und hinterher erzählten sich Schauspieler und Zuschauer Anekdoten; es gibt offenbar unendlich viele um ihn. Bemerkenswert, mit wie viel Trauer und Dankbarkeit die Leute des Mannes gedenken, der sie triezte und malträtierte wie selten einer. Aber viele erinnern sich an ihn wie der Schauspieler, Regisseur und Bühnenbildner Markus Czygan: Als einen, der sie inspiriert und gefördert und ihr Leben geprägt hat.

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