WÜRZBURG

Hospizbegleiter sind da: Würdiges Leben bis zuletzt

Im Juliusspital liest eine ehrenamtliche Hospizmitarbeiterin einem Patienten vor. Wird Hilfe erbeten, lässt der Hospizverein niemanden auf seinem letzten Weg allein.
Im Juliusspital liest eine ehrenamtliche Hospizmitarbeiterin einem Patienten vor. Wird Hilfe erbeten, lässt der Hospizverein niemanden auf seinem letzten Weg allein. Foto: THERESA MÜLLER

Die Lebenden sind die Sterbenden von morgen, das verbindet sie mit Sterbenden von heute.“ Das grüne Heft, auf dem das steht, gibt Auskunft über den Hospizverein Würzburg. Er hat durch seine Sterbebegleitung und den Aufbau der Trauerbegleitung einen Platz in der Gesellschaft eingenommen, von dem er nach 25 Jahren gar nicht mehr wegzudenken ist.

Respekt zollen, Menschlichkeit vermitteln, da sein. Hospizbegleiter nehmen den Patienten ernst, sind tolerant, schreiben keine Religion vor, richten sich nach den Wünschen des oder der Sterbenden. Sie müssen der Tatsache ins Auge sehen können, dass jemand für immer geht: dies womöglich in ihrem Beisein – und wenn der Sterbende keine Angehörigen hat, dann manchmal auch sehr nah, mit ihm oder ihr allein.

Annemarie Heiß gehört zum Team in der Sterbebegleitung. Als Beispiel für ihre Tätigkeit nennt sie eine etwa 40-jährige Frau, für die sie in der Uniklinik da sein konnte. Die Patientin hatte zwei gescheiterte Nierentransplantationen hinter sich, musste immer wieder an die Dialyse, und hatte weit fortgeschrittene Diabetes. Sie hatte immer gern gelesen, aber ihre Augen machten nicht mehr mit. Deshalb fragte sie, ob ihr jemand vorlesen könne, so Annemarie Heiß.

Heiß stellte schnell fest, dass sie und die betreute Frau den gleichen Literaturgeschmack hatten, „und im Lauf der Zeit kam das ,Du'“, so die Sterbebegleiterin, und weiter: „Ich habe sie immer bewundert, weil sie nie gejammert hat.“ Da berichtete die Sterbende, „sie sei zum Buddhismus übergetreten und schon auf einer anderen Ebene.“

Die Patientin habe sich einen Krankenhauskeim eingefangen und die Zehen infiziert. Ein Bein musste abgenommen werden. „Bei der Dialyse haben wir uns immer unterhalten“, immer wieder war die Begleiterin bei ihr. „Sie hatte einen neunjährigen Sohn und hätte gern noch seinen zehnten Geburtstag erlebt“, berichtet die Begleiterin weiter. Doch die Patientin erlitt auch noch einen Schlaganfall, und bald sollte auch noch das zweite Bein abgenommen werden. Dazu kam es nicht mehr. „Es war gut, dass sie gestorben ist.“ Den zehnten Geburtstag ihres Sohnes erlebte die schwer kranke Frau nicht.

Seit 24 Jahren gehört Heiß dem Hospizverein an. Fünfmal, sagt sie, war sie an der Seite der Patienten, als sie starben. Heiß hatte, nachdem ihre Kinder aus dem Haus waren, „was anderes“ tun wollen, „etwas Soziales. Ich hatte viel Unterstützung von meiner Familie.“ Theresia Then aus Sommerach gehört ebenfalls dem Hospizverein (Regionalgruppe Kitzingen) an. Angesprochen, um Sterbende zu begleiten, wird sie rund um ihren Wohnort. Oft führt sie ihr Weg auch in eine Klinik.

„Ich mache das aus Überzeugung und Liebe“, sagt sie. Sie trägt ein kleines goldenes Kettchen mit einem Kreuz um den Hals. „Es ist mir keiner zu schwer“, sagt sie, „und wenn sich einer übergibt, dann ist das halt so.“

Beispiel: Theresia Then war gerade mit ihrer Arbeit im Weinberg fertig und eigentlich müde, als sie zu einem 78-Jährigen mit drei Hirntumoren gerufen wurde. Dessen Frau empfing die Begleiterin vor dem Krankenzimmer mit den Worten: „Da drinne liegt mei Mann – nehmen Sie ihn net ernst, der spinnt!“

Und so traf ihn Theresia Then an: Der Sterbende sei immer wieder außer sich gewesen, kämpfte vermeintlich mit einem Löwen und glaubte dann, im Wolfsrudel zu sein, so dass er die Begleiterin bat zu schießen, wenn er es ihr sage. Immer wieder beruhigte sie ihn: „Keine Angst: es passiert nix!“ Bald meinte er: „Is a ä Scheiß-Job, dass du nachts da harri kummst! Gell, du gehst mit mir?“ Then: „Ich begleite Sie.“ Der Patient: „...zu dem, der mich gerufen hat?“ „Sollen wir beten, singen?“ fragt die Hospizbegleiterin, und sie tun das gemeinsam. „Jetzt schlafen'S bissle.“ Then: „Ab 22.30 war es ruhig. Es war schön, dass er so friedlich gegangen ist.“

Dass Sterben etwas Harmonisches ist, sei „bei Weitem nicht immer der Fall“, sagt der Vorsitzende des Hospizvereins Wolfgang Engert und berichtet von einer Familie, die die Mutter nicht loslassen wollte. Jedes Kind hielt eine Hand oder einen Fuß, bis die Sterbebegleiterin rief: „Wir halten uns jetzt an den Händen.“ Erst dann starb die Frau.

Sterbebegleiter bemühen sich um Abschiedskultur mit Kerzen, Bildern und Zeit für die Angehörigen. Stabilisiert sich eine Situation, dann helfen sie dort, wo Angehörige sich überfordert fühlen, organisieren zum Beispiel ein Pflegebett.

Nach dem Tod sind Angehörige eingeladen, zu einer Trauergruppe zu kommen. Das gleiche Schicksal führt oft zu Freundschaften. Kinder können von einer ausgebildeten Trauertherapeutin betreut werden.

Die Hospizhelfer halten Vorträge – knapp 70 waren es im Vorjahr – in Schulen oder Pfarrgemeinden etwa. Theresia Then geht so weit, dass sie vor Studenten im Hörsaal die Sterbende mimt und damit Diskussionen in Gang setzt. Die Sterbebegleiter des Hospizvereins sind zwischen 23 und 82 Jahre alt.

Der Verein arbeitet mit Kliniken, Ärzten und weiteren Fachleuten zusammen. Insgesamt 400 Sterbebegleiter waren in dem Vierteljahrhundert für den Verein tätig; aktuell sind es 107, alle ehrenamtlich, die sich auch zur Supervision zweimal monatlich verpflichtet haben; das bedeutet: Fachleute begleiten ihrerseits die Sterbebegleiter. Es ist ein Raum, in dem Sterbebegleiter viel – auch Persönliches – berichten können, während sie ansonsten zur Diskretion verpflichtet sind.

„Unsere Dienste sind kostenlos“, sagt Engert, frühestens ein halbes Jahr nach dem Einschnitt durch den Tod eines Angehörigen nimmt der Hospizverein Spenden an – gerne, wenn zu einem runden Geburtstag statt Geschenken Spenden erbeten worden sind.

Vor 25 Jahren, sagt der Vorsitzende, starben Leute ohne Angehörige allein, und „Trauer war etwas für die eigenen vier Wände.“ Heute gibt es vielfältig vernetzte Hilfe bis hin zu Palliativbetten oder -stationen, wo Schwerkranke medizinisch eingestellt werden, um schmerzfrei zu bleiben – bis zum Tod.

Begonnen hat die Hospizbewegung in Würzburg im Wohnzimmer der Gründungsvorsitzenden Brigitte Müller, es folgte ein Büro bei den Ritaschwestern, dann in der Handgasse und schließlich zog der Hospizverein in die Neutorstraße 9.

Der Hospizverein hat fünf Angestellte plus eine Halbtagskraft im Büro und lebt hauptsächlich von Spenden.

Der Würzburger Hospizverein

Die Hospizidee: Der Würzburger Verein, gegründet 1991, folgt der Idee der modernen Hospizbewegung, die auf die beiden Ärztinnen Cicely Saunders (*1918, †2005) und Elisabeth Kübler-Ross (*1926, †2004) zurückgeht. Es geht um die Würde des Menschen – bis zuletzt. Saunders sagte zu einem Sterbenden: „Sie sind uns wichtig, weil Sie eben Sie sind. Sie sind bis zum letzten Augenblick Ihres Lebens wichtig!“ In diesem Sinne macht der Hospizverein das Thema Tod greifbar.

Koordination: Birgit Graber übernimmt die Koordination vom Büro in der Neutorstraße Nr. 9 aus, außerdem arbeitet der Hospizverein unter anderem mit der Palliativstation am Juliusspital in Würzburg zusammen. Der Verein stellt ein „Brückenteam“: Es nimmt Kontakt mit Patient und Angehörigen auf, vermittelt Hospizbegleitung vor Ort oder die Aufnahme auf die Palliativstation, wo Patienten eine spezielle Schmerztherapie erhalten. Die Hospizhelfer übernehmen die psychosoziale Unterstützung.

Kontakt: Tel. (0931) 5 33 44. Mo., Mi., Fr., 10 bis 12 Uhr und über Anrufbeantworter. E-Mail: hospizverein.wuerzburg@t-online.de Internet: www.hospizverein-wuerzburg.de

Spenden: Liga Bank Würzburg, BIC: GENODEF 1M05,

IBAN: DE 70 750 903 00 000 30 10 520.

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