Würzburg

IHK kritisiert Söders Hightech-Pläne: "Region kommt zu kurz"

Eine Frau spricht im Reisenzetrum des Hauptbahnhofs mit "Semmi", einem Roboter vom Kundenservice der Deutsche Bahn, der auf Basis Künstlicher Intelligenz (KI) funktioniert. Foto: Lisa Ducret, dpa

Verzicht auf Schuldentilgung bis 2021, dafür zwei Milliarden Euro für die Hightech-Forschung: Ministerpräsident Markus Söder (CSU) hat in seiner Regierungserklärung geklotzt. Er will die Künstliche Intelligenz (KI) als Zukunftstechnologie anschieben – mit einem bayernweiten Netzwerk.

Wichtige Stützpunkte sollen dabei die Würzburger Julius-Maximilians-Universität (JMU) und die Hochschule für Angewandte Wissenschaften Würzburg-Schweinfurt (FHWS) werden. Hier sind Zentren für KI und Robotik geplant. In die Freude über die Finanzierungszusagen aus München mischen sich allerdings Fragen – und Kritik, geäußert von der Industrie- und Handelskammer (IHK) Würzburg-Schweinfurt. "Die Region Mainfranken kommt viel zu kurz", moniert deren Hauptgeschäftsführer Ralf Jahn.

IHK sieht Mainfranken benachteiligt

Er bemängelt den regionalen Proporz, die meisten Einrichtungen entstünden in Südbayern. Der IHK-Chef verweist darauf, dass laut Söder-Agenda die Luft- und Raumfahrt sowie Satellitentechnologien in München, Oberpfaffenhofen und Augsburg gefördert werden – nicht aber in Würzburg. "Obwohl am Zentrum für Telematik und an der Universität seit mehr als zehn Jahren sehr erfolgreich anwendungsorientierte Forschung und Industriekooperationen stattfanden."

Unverständnis zeigt Jahn auch ob geplanter Investitionen an drei weiteren Standorten für ein Bayerisches Batterienetzwerk. Schließlich werde am Würzburger Fraunhofer-Institut (ISC), das ebenfalls zu dem Netzwerk gehören soll, bereits seit Jahren erfolgreich an der Entwicklung klimafreundlicher und leistungsfähiger Batterie für die Elektromobilität geforscht.

Freude an der Uni über neues Quanten-Institut

An Würzburgs Uni freut man sich indes über das zugesagte Institut für Quantentechnologie: Es soll als gemeinsame Einrichtung mit dem Forschungszentrum Jülich die Entwicklung von Quantencomputern auf Basis topologischer Materialien voranbringen. Für den Aufbau der Gruppen und den Betrieb sind laut Uni in den ersten beiden Jahren 13,2 Millionen Euro veranschlagt.

Assistiert der Roboter in Zukunft bei der Kandidatenauswahl?  Foto: Getty Images

Quantencomputer sind extrem leistungsfähig und schnell. Weltweit liefern sich Forscher einen Wettlauf um deren Entwicklung. Söder habe deutlich gemacht, dass die Quantentechnologie "zu den großen Zukunftsthemen weltweit und auch für Bayern gehört", sagt Uni-Präsident Alfred Forchel. Das neue außeruniversitäre Institut soll in Würzburg eng mit dem Institut für topologische Isolatoren zusammenarbeiten, für das gerade ein millionenschwerer Neubau am Hubland-Campus entsteht.

Hochschulen setzen auf Finanzierung des Geplanten

Wichtigste Botschaft in Söders Hightech-Agenda ist für Uni und FHWS das Versprechen, bestehende Ausbaupläne jetzt auch komplett zu finanzieren. Noch vor wenigen Wochen sah es so aus, als würde das ehrgeizige KI-Zentrum der Universität zum Rohrkrepierer, weil nur zwei von sechs Professuren über den aktuellen Doppelhaushalt des Freistaats finanziert sind.

Nun sagte Söder in der Regierungserklärung: "Das Institut und die Stellen waren seit langem erwünscht und können jetzt umgesetzt werden." Im Landtag sprach er von zehn KI-Professuren für die Uni Würzburg. Also sogar vier mehr als erhofft?  "Das würde uns sehr freuen", sagt Informatik-Professor Andreas Hotho, der an der Uni das "Zentrum für Künstliche Intelligenz in Forschung und Anwendung" (CAIRA) aufbaut. Man schreibe nun die ersten Professuren aus.

Wollen die Forschung zur Künstlichen Intelligenz an der Würzburger Julius-Maximilians-Universität voranbringen: Präsident Alfred Forchel (rechts) und Informatik-Professor Andreas Hotho. Foto: Andreas Jungbauer

Noch fehlt es aber an Informationen aus dem Ministerium. Das gilt auch für den geplanten Neubau.  Wie berichtet, sollen in dem Zentrum für Data-Wissenschaften sechs KI-Spezialisten aus der Informatik mit sechs Professoren aus verschiedenen Fachgebieten zusammenarbeiten. Zunächst, so Uni-Präsident Forchel, wolle man Räume in Nähe der Universität anmieten. Er hofft aber auf die baldige Finanzierung des vom Kabinett versprochenen Forschungsneubaus.

FHWS verbindet Künstliche Intelligenz mit Robotik

Zehn KI-Professuren? Vermutlich hat Söder jene vier Lehrstühle eingerechnet, die die Fachhochschule an ihrem neuen "Kompetenzzentrum für Künstliche Intelligenz" (CAIRO) schaffen will. Dort soll vor allem der Einsatz intelligenter Roboter erforscht werden. Das Zentrum, in das die FHWS ähnlich der Uni vier eigene Professuren einbringt, taucht in der Regierungserklärung nicht explizit auf. Doch FHWS-Präsident Grebner geht nach der allgemeinen Zusage des Ministerpräsidenten auch hier von voller Finanzierung aus. 

Freuten sich im Juli 2018 über die Zusage der Staatsregierung für ein 33 Millionen Euro teures  Robotik-Lehrzentrum und 19 neue Stellen am Standort Schweinfurt: FHWS-Präsident Robert Grebner (rechts) und der damalige Würzburger CSU-MdL Oliver Jörg. Foto: Thomas Obermeier

Planungssicherheit versprach Söder der FHWS für das Robotik-Center für Mensch-Maschine-Interaktion in Schweinfurt. Für 33 Millionen Euro soll dort in zwei Jahren neu gebaut werden. Das Zentrum mit einem neuen, zweisprachigen Robotik-Studiengang  ist in der Regierungserklärung konkret erwähnt – allerdings nur mit 260 Studienplätzen. Für die Hochschule wäre das viel zu wenig.

FHWS-Präsident Robert Grebner vermutet, dass damit nur die weitere Aufstockung beziffert ist. Denn 360 Robotik-Studienplätze waren bereits angemeldet, "in drei Jahren wollen wir bei 600, im Endausbau bei 1100 Robotik-Studierenden sein", sagt der FHWS-Chef. Der neue Studiengang startet zum Wintersemester 2020/21 mit jeweils 100 Studierenden in der deutschen und englischen Variante. Erste Anmeldungen liegen laut Grebner schon vor.

Professoren bekommen mehr Zeit für Forschung

Begeistert ist der Informatiker von der angekündigten Hochschulreform. Weniger Lehrverpflichtung für die Professoren, dafür mehr Zeit und wissenschaftliche Stellen für die Forschung: "Das ist sensationell, ein Quantensprung", sagt Grebner mit Blick auf die Hochschulen für angewandte Wissenschaften. Das schaffe ganz neue Perspektiven für Professoren. "Wir dürfen sie nicht im Lehrsaal verheizen."

Und dann wären da noch die 50 zusätzlichen KI-Professuren, die Söder in einem Wettbewerb bayernweit vergeben will. Politische Gießkanne für die Fläche? Die beiden Würzburger Präsidenten hoffen auf einen offenen Wettbewerb für alle Hochschulen, so wie Söder dies gegenüber Journalisten avisiert hat. Dann wolle man sich auf jeden Fall für weitere Lehrstühle bewerben. 

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