Würzburg

Ich, das Pferd und der Spiegel der Seele

Redakteur Michael Bauer beim Selbstversuch mit Pferd - hier mit Missy. Foto: Patty Varasano

Wenn Romulus steht, dann steht er. Dann mag er nicht mehr. Und sorgt am anderen Ende der Leine für Hilflosigkeit. Mit der ganzen Erfahrung seiner 22 Lebensjahre beschließt der Hengst, sich nicht weiter durch die Herde führen zu lassen. Dass genau das gerade meine Aufgabe ist, interessiert ihn wenig. Denn ich habe einen Fehler gemacht.

Romulus weiß nicht, was ich von ihm will.  In der Regel sollen Führungskräfte oder Leistungssportler von ihm lernen. Lernen durch Erleben - das ist das Konzept von "Equibrain". Was im Norden Deutschlands weit verbreitet ist und von Firmen für Weiterbildung stark genutzt wird, gibt's in dieser Form in Unterfranken nur auf Marion Neubert-Walters Reitanlage am Schenkenturm, hoch droben über den Dächern Würzburgs.  

Angefangen hat die "Pferdeflüsterin" mit einer Reitschule in Prosselsheim, ehe sie 2017 mit allen Pferden nach Würzburg umzog. Auf der neuen, weitläufigen Anlage bietet sie ihre Seminare mit einer auf 25 Pferde angewachsenen Herde an. Bei so vielen und großen Tieren kostet schon das Betreten der Koppel Überwindung - eine erste Prüfung. Meine Prüfung. Mit Romulus. Für ihn ist Neubert-Walter das Oberhaupt der Herde, das Leittier - und gerade weit weg. Bei dem Hengst bin nur ich - und zerre am Strick.

Pferdecoach Marion Neubert-Walter mit Romulus. Foto: Patty Varasano

Dabei hat sich Romulus mir regelrecht angeboten, mich gestupst, sich streicheln lassen. Ist es Mitgefühl? Ahnt das Tier, dass ich mich nach sensibler Annäherung sehne?  Dass ich ein Mensch bin, der Leid erfahren hat und von Depressionen gebrochen ist? Einer, bei dem die taffe Schale nichts weiter als Selbstschutz ist? 

Fakt ist: Er hat die Ohren nach vorn geneigt, den Kopf zur Seite - Gesten der Freundlichkeit. Die Tiere verständigen sich zu 100 Prozent nonverbal, wir Menschen aber auch nur zu 20 Prozent mit Worten, der Rest funktioniert über Gestik, Mimik, Lautstärke oder Tonlage. Kann das Pferd uns instinktiv lesen, einordnen, verstehen? Geht es davon aus, dass wir das mit seinen Reaktionen ebenfalls können? Die meisten Menschen verstehen Pferdesprache nur bedingt. Marion Neubert-Walter schon.

Ein nicht ganz ernst gemeinter Seitensprung

Und sie versteht und weiß, warum Romulus erst mitgeht, als ich ihn ganz lange, ganz zärtlich streichle, ihm liebevoll ins Ohr flüstere - nicht mehr frontal, sondern von der Seite. Jetzt hat das Pferd offenbar verstanden: Ich will es nicht dominieren, sondern sein Freund sein - und der kleine Streichel-Seitensprung eben rüber zu Bilou war auch nicht so ernst gemeint. Findet auch Stute Charisma, die brav an der Seite "ihres" Hengstes hinterher trottet, ganz ohne Führstrick. 

Walter-Neubert lehrt, wie der  Mensch von Pferden lernen kann. Am einfachsten, indem er ist, wie er ist. Denn der Mensch greift außerhalb seiner Komfortzone, auf seine unbewussten Denk-, Gefühls- und Verhaltensmuster zurück. So kommen individuelle Ressourcen und Hindernisse unverfälscht zutage. "Pferde sind ein gutes Hilfsmittel, sie geben Menschen die Möglichkeit, sich weiter zu entwickeln", sagt die 54-Jährige, die früher selbst in der Versicherungsbranche Führungsaufgaben zu erledigen hatte - und nur knapp einem Burnout entgangen war.

Der Mensch wiederum sehe, wie das Pferd auf ihn reagiere - das sei nichts weiter als eine wertschätzende Spiegelung des eigenen Verhaltens, des Charakters, der Seele. Dann könne jeder entscheiden, was er an sich ändern möchte. "Ich kann keine Hard-Skills trainieren", sagt sie. "Aber soziale, persönliche und methodische Kompetenz."

"Romulus ist mein Feng-Shui-Pferd, er erdet Menschen."
Pferde-Coach Marion Neubert-Walter

Schnell wird klar: Ich führe zu dominant, ich bin ungeduldig und nicht wirklich teamfähig. Das habe ich geahnt - und bekomme es von Neubert-Walter auch gleich bestätigt. Diese Attribute würden aber nicht im Einklang mit meinem Wesen stehen, erläutert sie und attestiert mir neben etwas Hektik ("völlig normal außerhalb der persönlichen Komfortzone") einen sehr liebevollen und wertschätzenden Umgang mit den Tieren. Dennoch: Die Erfahrung sitzt.

Auch wenn ich es schonend beigebracht bekomme. Denn das Pferd an sich ist menschenfreundlich, Romulus ("er ist mein Feng-Shui-Pferd, er erdet die Menschen") offenbar im besonderen. Weil er in einer Herde groß geworden ist und Herdentiere als sozial ausgeglichen gelten. Pferde aus dem Renn- oder Springsport, die isoliert aufwachsen, seien häufig  verhaltensgestört und latent aggressiv, sagt Coach Neubert-Walter - "weil sie nie innerhalb einer gestuften Hierarchie die Grenzen aufgezeigt bekommen haben".

Die 25 Pferde auf Neubert-Walters Anlage sind allesamt Herdentiere. Mal mehr, mal weniger kuschelbedürftig.  Freilich gibt's auch einen Sonderling: Bilou - der Seitensprung von gerade eben. Er drängt sich beim zweiten Versuch, ein Pferd aus der Herde zu führen, vehement auf. "Das macht er sonst nie", wundert sich Neubert-Walter. "Er ist psychisch angeschlagen." Und wieder geht die Phantasie mit mir durch: Hat Bilou einen siebten Sinn? Fühlt das Tier meine Erkrankung? Merkt es, dass ich gerne als zu- und umgänglich verstanden werden möchte?

Parallelen zum Berufsleben

Ausgerechnet ich zeige aber kein Interesse an Bilou. Weil ich längst die kleine weiße Stute auserkoren habe, die da hinten ganz alleine am Zaun steht. "Das gibt es auch im Berufsleben", sagt Neubert-Walter. "Einer will unbedingt eine Aufgabe übernehmen und wird nicht gesehen." Später, im Analyse-Video ist zu erkennen: Bilou läuft mir hinterher, versucht noch einmal sein Glück. Der arme Kerl wäre mir wahrscheinlich bis nach Hause am Führstrick gefolgt.

Hat gut lachen: Rambo. Foto: Michael Bauer

Stattdessen klickt der Karabiner bei Josey. Und diesmal nehme ich mir von Anfang an Zeit, erkläre dem Schimmel, was ich mit ihm vorhabe. Stehe nicht frontal zur Schnauze, zeige ihm auch die Seite, versuche seine Sprache zu sprechen. Ich nutze meine Chance, mein vorheriges Verhalten zu verändern. Ich bin ich, muss dem Pferd nichts beweisen, nur Freund sein . Ein Freund, der trotzdem führt, den Weg weist, den Ton angibt, entschlossen ist, die Aufgabe gemeinsam zu lösen. So lässig und ohne unnötigen Druck, dass Hengst Levantes nur kurz nach dem Rechten schaut und mich mit "seinem Mädel" umher stromern lässt."Eine kameradschaftliche, partnerschaftliche Führung passt viel besser zu dir", urteilt die Trainerin, beeindruckt vom Resultat - auf das es letztlich ankommt im Job. "Wer eine Rolle spielt, ist angreifbar. Es geht beim Führen aber darum, nicht angreifbar zu sein."

Harmonie zwischen verbaler und nonverbaler Botschaft

Das würde es mir leichter machen in einem Leben, in dem ich es mir oft genug selbst schwer gemacht habe.  "Wenn die verbale und die nonverbalen Botschaften eines Lebewesens nicht harmonieren, führt das zu Missklang in der Wahrnehmung. Aber vor einem Pferd kann man sich nicht verstellen", so Neubert Walter. 

Ein Herz und eine Seele: Mainpost-Redakteur Michael Bauer und Vox. Foto: Michael Bauer

"Aber ich bin Trainerin, keine Therapeutin. Ich kann nur aufdecken, nicht behandeln. Es sind hier schon Kunden an der Schwere der persönlichen Erfahrungen zusammengebrochen, denen empfehle ich professionelle Hilfe eines Psychotherapeuten." Meine Angst- und Identitätsstörung sind rasch auf dem Tisch, ohne dass ich sie angesprochen hätte.  Ich denke mal: Weder Romulus, noch Josey oder Bilou hatten - anders als viele, möglicherweise überforderte  Menschen - ein Problem damit. Und schon gar nicht Vox. Der drängelt sich Wange an Wange mit aufs finale Selfie. Er will mich gar nicht gehen lassen. Und ganz ehrlich: Ich wäre gerne geblieben.

Training nach der Horsesense-Methode
Marion Neubert-Walter ist seit 2015 ausgebildeter Coach für das Training nach der Horsesense-Methode, die sich der Sinne der Pferde bedient. Die Seminare dauern einen halben oder ganzen Tag. Coaching-Bausteine sind Teambuilding, Führung und Kommunikation. Die "Schüler" gehen, kurz in den Umgang mit Pferden eingewiesen, in die Herde, suchen sich ein Tier aus, leinen es an und versuchen, es zum Mitkommen zu bewegen. Die Versuche werden mit der Kamera aufgenommen und analysiert. Formale Fehler und persönliche Schwächen werden aufgedeckt. Es folgen weitere Versuche. Jetzt wird analysiert, ob das Verhalten verändert wurde.
Die Pferde würden, so Neubert-Walter, die Kompetenzen des Menschen aufzeigen: Belastbarkeit, Engagement, Motivation, Disziplin, Kritikfähigkeit, Teamfähigkeit, Zeitmanagement, Stressresistenz, Verantwortung, Empathie. Pferde sind Herden-, Lauf- und Steppentiere - das impliziert Gemeinschaftsgefühl, Hierarchie, Beweglichkeit und Fluchtverhalten. Dass Pferde Emotionen bei einer fremden Spezies wahrnehmen, liege an ihrer sozialen Lebensweise, sagt Neubert-Walther. In einer Herde genügt oft ein strenger Blick des Gruppenchefs. Indem Pferde auf minimale Signale reagieren, vermeiden sie Rangeleien und potenzielle Verletzungen.
Unter der Marke "Equibrain" bietet Marion Neubert-Walter seit drei Jahren in Würzburg Seminare anbietet. Equi ist lateinisch für Pferde, brain englisch für Gehirn. Zusammen stehen die Worte für Persönlichkeitsentwicklung mittels pferdegestützten Trainings nach der Horsesense-Methode. Die Seminare zielen auch auf Einzelpersonen und kleine Schülergruppen. Es stehen Persönlichkeitsentwicklung, soziale Kompetenz, Potenzialerschließung sowie Auftreten und Außenwirkung im Fokus.

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