SOMMERHAUSEN

„Ich habe nicht danach gesucht, es ist mir zugeflogen“

Weinhaus Düll: Das Traditions-Weinhaus im Herzen Sommerhausens soll zu neuem Leben erweckt werden. Eine Frau hat daraus ihr Herzensprojekt gemacht – und die Familie hilft mit.
Sie ziehen beim Renovieren des ehemaligen Traditions-Weinhauses Düll in Sommerhausen die Blicke der Passanten auf sich: Nadja Schramm und Sabine Schöttleler (rechts). Foto: C. Hettiger

Wenn Sabine Schötteler und Nadja Schramm an der charakteristischen Hausfront des Weinhauses Düll mit seinen riesigen Weinfässern die Pinsel schwingen, ziehen sie die Blicke der Passanten auf sich. Und das könnte nicht nur daran liegen, dass das fränkische Weinhaus aus dem 16. Jahrhundert im Herzen Sommerhausens eine lange Geschichte hat.

„Viele sind neugierig, weil es eine Frau ist, die das Gebäude zu neuem Leben erwecken will“, ist Schötteler überzeugt. Ihr Projekt ist es, aus dem Traditions-Weinhaus, das früher eine Metzgerei beherbergte und dann zum ersten Hotel im Ort wurde, ein „kleines, feines“ Hotel mit 13 Betten zu machen; außerdem soll es eine Weinstube und ein Café geben. Um den Hotelbetrieb samt Frühstück wird sich Schötteler kümmern; das Café und die Weinstube möchte sie verpachten. Vom ursprünglichen Mobiliar des Weinhauses – urige Betten, massive antike Schränke, originelle Lampen – soll einiges erhalten bleiben.

Das Weinhaus, das aus Haupt- und Nebenhaus besteht, war seit 1828 im Besitz der Familie Düll, und Hans Düll der fünfte Besitzer. Nachdem er in den Ruhestand gehen wollte, und seine Kinder kein Interesse hatten, die Traditionsgaststätte weiterzuführen, suchte er einen Käufer. Und da kam Schötteler ins Spiel. „Ich habe nicht danach gesucht, es ist mir zugeflogen“, sagt die gelernte Dekorateurin, die seit einigen Jahren mit ihrem Lebensgefährten in Sommerhausen lebt. Bekannte hatten sie auf das Objekt aufmerksam gemacht – und Schötteler ließ sich vom Renovierungs-Virus infizieren.

„An Silvester 2015 wurde im Weinhaus Düll noch gefeiert, danach hat uns der Vorbesitzer einfach die Schlüssel in die Hand gedrückt“, erinnert sich die gebürtige Koblenzerin an die Übergabe, bei der sogar noch die Betten in den Zimmern gemacht gewesen seien. „Das haben wir ausgenutzt und dort noch ausgiebig den Geburtstag meiner Tochter gefeiert.“ Danach ging es los. „Ich scheue mich nicht vor körperlicher Arbeit“, sagt Schötteler. „Ich klettere auch auf ein Gerüst und decke Dachziegel ab. “ Schleifen, streichen, morsche Balken abbauen und entsorgen, im Garten Bäume fällen – all das fällt in das Aufgabengebiet der 49-Jährigen, die Energie und Gelassenheit zugleich ausstrahlt. Sie ist es auch, die wichtige optische Entscheidungen trifft: Etwa, an welcher Stelle eine Wand nicht verputzt werden oder wo auf keinen Fall eine Leitung verlaufen soll. „Einige Interessenten hätten das Haus am liebsten abgerissen; da es unter Denkmalschutz steht, war dies aber nicht möglich“, sagt Schötteler.

Die Mutter dreier erwachsener Kinder will den ursprünglichen Charme des Hauses bewahren – und hat an einer der Wände in der Gaststube ein besonderes Detail entdeckt, das nun restauriert werden soll: Ein Gemälde von Luigi Malipiero, der 1950 in Sommerhausen das Torturmtheater gegründet hat. Der Maler und Regisseur war wohl öfters in der Weinstube zu Gast – und hat sich unter anderem in Form eines Gemäldes erkenntlich gezeigt.

Einen genauen Zeitplan für die Renovierungen hat Schötteler nicht; pünktlich zum legendären Sommerhäuser Weihnachtsmarkt sollen aber die Räumlichkeiten im Erdgeschoss fertig sein. Um dieses ehrgeizige Ziel zu erreichen, machen sich Schötteler, Nadja Schramm – die Tochter ihres Lebensgefährten – und ein festes Team aus drei Malern an fünf Tagen die Woche ans Werk.

„Was kann ich tun?“ Nadja schaut sich suchend im ehemaligen Gastraum um. Schötteler drückt ihr einen Pinsel in die Hand – Fenster streichen ist angesagt. Die 18-Jährige ist seit dem Sommer fast jeden Tag auf der Baustelle; nach bestandenem Abitur möchte sie sich so Geld für einen Thailand-Aufenthalt im kommenden Jahr verdienen. „Ich hätte nicht gedacht, dass mir die Arbeit hier so viel Spaß macht.“ Die 18-Jährige ist erstaunt, dass fast jeder Passant – egal, ob Einheimischer oder Tourist – das Weinhaus zu kennen scheint. Insgesamt sei ein großes Interesse an der Entwicklung des Hauses zu spüren; auch der Bürgermeister habe bereits vor der Tür gestanden, um sich umzuschauen. Was das Ergebnis angeht, ist Nadja zuversichtlich: „Sabine kann aus alten Sachen etwas zaubern.“

Beweisen konnte Schötteler diese Fähigkeit bereits in Thüngersheim. Im Altort hat die gelernte Dekorateurin im Jahr 2011 ein nach eigenen Worten „hässlich saniertes Haus mit Asbestdecken“ in ein individuelles Schmuckstück verwandelt. Eigentlich hatte Schötteler damals lediglich von einem eigenen Haus geträumt. Dass sie durch einen Wasserschaden, bei dem Gipsplatten von den Wänden entfernt werden mussten, auf Stuckdecken, Balken und alte Malereien stieß, war Zufall – durch den die 49-Jährige ihre Lust am Renovieren entdeckte.

Momente, in denen Schötteler ihr Projekt in Sommerhausen kurzfristig in Frage stellte, gab es trotz aller Kreativität und handwerklicher Geschicklichkeit dennoch: „Was, um Gottes Willen, tust Du hier?“, habe sie sich etwa gefragt, als sie den Garten im Hinterhof vom Efeu befreien wollte. „Es war wie im Urwald.“ Was nach den Arbeiten zum Vorschein kam, überraschte alle: Ein Brunnen – einer von zweien in Sommerhausen.

Inspiration für ihre Arbeit holt sich Schötteler von verschiedenster Seite. Im Schweden-Urlaub etwa fielen ihr in Hotels Kupferrohre auf – die dort nicht versteckt werden, sondern frei an der Wand liegen. „Das sieht interessant aus, das will ich auch“, beschloss Schötteler. „Andere Leute machen im Urlaub Fotos von Kirchen – ich mache Fotos von Rohren.“

Weinhaus Düll in Sommerhausen

Das fränkische Traditions-Weinhaus aus dem 16. Jahrhundert mit historischen Weinstuben in der Maingasse 5 in Sommerhausen war seit 1828 im Besitz der Familie Düll. Ende 2015 übergab Hans Düll, der bisherige fünfte Besitzer, das Haus an Sabine Schötteler, die es mit Café, Weinstube und kleinem Hotel zu einem neuen Herzstück in Sommerhausen machen möchte.

Auch das Bayerische Fernsehen (BR) berichtet über das Projekt. Der Beitrag "Weiberwirtschaften in Franken" ist am Montag, 17. Oktober, um 20.15 Uhr im Fernsehen zu sehen.

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